Paul möchte viel lieber einen eigenen Supermarkt leiten, sein Vater sieht ihn an der Uni. Über drei junge Menschen, die als Einzige in der Familie nicht studiert haben.

Paul Maxwill, 25 Jahre, Marktmanager eines Supermarkts

Mein Chef hatte nach einem Praktikum gesagt, dass er mich gerne als Auszubildenden einstellen würde. Ich wusste schon damals, dass ein Studium nicht mein Ding sein würde, viel zu theoretisch. Das, was man braucht, lernt man in der Ausbildung vor allem durch Erfahrung und einzelne Fortbildungen. Ein ganzes BWL-Studium wäre einfach eine Nummer zu groß, um so einen einzelnen Supermarkt zu leiten, und genau das ist mein Ziel.

Bedauerlicherweise war ich in meiner Berufsschulklasse der Einzige mit Abitur. Es gab dann schon Schulstunden, in denen Sachen besprochen wurden, die ich auf dem Gymnasium in der neunten Klasse hatte. Da kommen dann die Grundrechenarten und das Simple Past, manchmal dachte ich: Okay, ist das jetzt vielleicht doch ein bisschen zu einfach?

Für meine Freunde, die fast alle studieren wollten, war das okay. Sie fanden meine Ausbildung cool, weil sie wussten, dass ich das schon seit zwei, drei Jahren mache und im Handel kein Studium brauche. Sie fanden es auch spannend, mal eine andere Lebenswelt kennenzulernen. Manchmal geht unser Alltag auseinander. Es gibt Gespräche, bei denen ich nicht mitreden kann, wenn es zum Beispiel um irgendwelche Semesterpartys geht.

In meiner Familie war das schon eher problematisch. Mein Vater hat häufiger Anspielungen gemacht: Schau dir das erst mal an, und dann kannst du ja immer noch studieren.

Dabei wird man in der Ausbildung viel früher selbständig, man verdient sein eigenes Geld.

Ich hatte damals nicht das Gefühl, dass mein Vater komplett hinter mir steht. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass er akzeptiert, dass ich das selbst entscheide. Ich war damals keine 14 mehr. Aber ich glaube, ihm war immer wichtig: Ich habe vier Kinder, alles Akademiker.  


Sich seinem eigenen Vater gegenüber erklären zu  müssen, fand ich extrem unangenehm. Ich glaube, heute hat er sich damit abgefunden. Mich irritiert aber gelegentlich, dass er gar nicht richtig weiß, was ich mache und wie mein Alltag aussieht. Immer noch kommt die Frage nach meinen Arbeitszeiten, obwohl die seit zwei Jahren immer gleich sind.

Meine Geschwister fanden es schade, dass ich nicht studiert habe, weil sie es eben alle gemacht haben. Inzwischen sehen sie deutlich mehr als meine Eltern, dass ich eben das mache, was mir Freude macht. Dass ich jeden Tag glücklich von der Arbeit nach Hause komme, ist mir wichtiger, als dass ich einen besonderen Abschluss habe.  

Friederike Gers, 25 Jahre, Krankenschwester

Eigentlich wollte ich direkt nach dem Abi Medizin studieren, aber ich habe den Platz nie bekommen und deswegen die Ausbildung als Krankenschwester gemacht. Sie hat mir aber trotzdem viel Spaß gemacht. Mit den Leuten zu arbeiten, Geld zu verdienen und unabhängig von meinen Eltern zu sein, das war richtig cool. Ich konnte mein ganzes Leben mit zwanzig selbst finanzieren. Meine vier Geschwister sind oder waren immer auf Bafög oder auf meine Eltern angewiesen.

Am Anfang wollten alle, dass ich Medizin studiere, meine Eltern, meine Geschwister und vor allem meine Oma. Der Beruf der Ärztin hat einen gewissen Status, und dann zu sagen, nein, das werde ich jetzt doch nicht, war schwer. Alle anderen hatten so eine Traumvorstellung im Kopf: Friederike wird mal Kinderärztin.

Später fanden dann alle die Ausbildung zur Krankenschwester super. Ich habe Geld verdient und auch Krankenschwester ist ein angesehener Beruf.

Mit meinen Freunden war das auch kein Problem. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin Anderen ein Stück voraus, weil ich weiß, wie es ist, wirklich zu arbeiten und jeden Morgen um sechs auf der Station erscheinen zu müssen. Nicht so wie in der Uni: Kommst du heute nicht, kommst du morgen.

Der Beruf als Krankenschwester erfüllt mich total, aber es ist körperlich sehr anstrengend, und ich kann mir nicht vorstellen, das bis zur Rente zu machen. Deswegen werde ich jetzt Lehramt für Förderschulen studieren. Es könnte sein, dass es mich an der Uni nervt, wieder in diese Schülerrolle gesteckt zu werden. Momentan bin ich selbständig und selbstbewusst, ich kann meine komplette Station alleine schmeißen. In meiner Arbeit habe ich die führende Position inne. Aber das Gute ist: Wenn ich in der Uni gar nicht klarkomme, gehe ich zurück und werde wieder Krankenschwester.