Wieso fragte meine Uni nach Nietzsches Geburtsdatum, aber nicht, was ich von ihm halte? Die Bologna-Borniertheit machte mich wütend – bis ich durch eine Prüfung fiel.

Bachelor

Mit elf Jahren sah ich jeden Tag aus meinem Fenster diese Abfahrt, die meine großen Brüder mit dem Skateboard hinunterrasten. Mir hatten meine Eltern das verboten. Sie sagten, ich würde mich dabei nur verletzen. Monatelang begleitete mich dieses Verbot.

Als ich eines Nachmittags allein zu Hause war, schnappte ich mir das Skateboard, lief die Abfahrt hoch, atmete tief durch und stellte mich todesmutig auf das Board.

Schon nach zwei Metern siegte die Angst – ich wollte einfach nur noch
runter. Bremsen konnte ich nicht, also versuchte ich mich langsam nach hinten abzusetzen. Das Skateboard rollte unter mir davon, ich schlitterte noch ein kleines Stück und blieb dann mit Wuttränen in den Augen liegen. Meine ganze Seite war aufgeschürft. Ich verstaute das Skateboard, ging in mein Zimmer und erzählte niemandem von meinen Wunden.
Ich wollte nicht, dass jemand von meinem Scheitern erfuhr.

Daran hat sich bis zum Studium nicht viel geändert. Ich scheiterte bloß seltener, nachdem ich meine Untauglichkeit für Extremsportarten akzeptiert hatte.

Wollsocken niemals bei 90 Grad

In der Schule schrieb ich nur Einsen, machte mit das beste Abitur des Jahrgangs und erhielt dann neun Zusagen auf neun Uni-Bewerbungen. Ich packte meine Sachen, zog in meine erste WG und stürzte mich ins Studentenleben. Schon in der ersten Woche scheiterte ich. Mehrmals.

Ich lernte, dass man Wollsocken niemals bei 90 Grad waschen darf, dass man Bohnen vor dem Kochen einweichen muss, und dass meine Tomaten im Kühlschrank ihren Geschmack verloren. Als ich das erste Mal krank war, empfand ich so was wie Heimweh.

Ich vermisste meine Mutter, die mir früher Gemüsesuppe ans Bett gebracht hatte – ich hatte keine Ahnung, wie man eine anständige Gemüsesuppe macht. Außerdem wusste ich nicht, wie man ein Konto eröffnet, ein Fahrrad repariert oder auch nur ein Spülmaschinensieb säubert.

Für mein Studium blieb deshalb erst mal wenig Zeit. Ich ging zwar regelmäßig in Vorlesungen und Seminare, las meistens die empfohlene Lektüre und hielt Referate, wenn ich musste. Das Meiste davon interessierte mich auch, aber andere Dinge interessierten mich eben mehr – vor allem die vielen Menschen, die den ganzen Tag zwischen Philosophicum und Mensa herumliefen. Zum ersten Mal traf ich Leute wie mich: Menschen, die am liebsten den ganzen Tag über Nietzsche redeten, aber auch keine Ahnung hatten, wie man einen auf Puppengröße eingelaufenen Wollpullover wieder entschrumpft. (Inzwischen weiß ich: Ein Essigbad wirkt Wunder.) Manchmal tranken wir den ganzen Tag Bier, rauchten Zigaretten und sprachen über Nietzsche. Zugegeben, nach zwei oder drei Flaschen wurden die Gesprächsthemen etwas profaner, als wir uns gern eingestehen wollten.

Maßlos unterschätzt, intellektuell erniedrigt

Leider kam mein Nietzsche-Wissen in den Klausuren nicht besonders an. Im Bachelor bekam ich es mit Multiple-Choice-Klausuren zu tun: eine Frage, vier Antwortmöglichkeiten. Ich fühlte mich maßlos unterschätzt und intellektuell erniedrigt. Wieso wollte niemand von mir wissen, was ich von Nietzsche hielt? Sondern immer nur, wann er geboren wurde? (1844.) Diese Bologna-Borniertheit machte mich wütend. Und Wut macht bekanntlich blind.