Im Waisenhaus Haferbrei kochen? Lohnt sich nicht, sagen effektive Altruisten. Lieber viel Geld verdienen und spenden. Sara studiert darum Mathe statt Literatur.

Nicht mehr nur auf ihr Herz hören zu müssen, sei eine Befreiung gewesen, sagt Sara. Vor EA galt für sie immer follow your heart, follow your passion. Seit EA gibt es keine Beschränkungen mehr. Anything is possible.

Vor EA wollte Sara Übersetzen studieren, weil sie den Kopf, die Vernunft, ja doch nicht ausschalten kann. Ein Kompromiss. Mit Literaturwissenschaften hätte sie zwar auf ihr Herz gehört, aber vermutlich keinen Job gefunden. Seit EA will Sara Mathe studieren. Das lässt ihr alle Möglichkeiten offen. Vor allem alle Möglichkeiten, Gutes zu tun.

EA steht für Effektiven Altruismus. Die Leute, die dieser Bewegung angehören, sagen EA, weil das effektiver ist. Altruisten sind Menschen, die an die anderen denken, bevor sie an sich selbst denken. Menschen, die nach dem Abitur in einem Waisenhaus Haferbrei kochen und neben dem Studium kostenlos Nachhilfe für Schüler aus benachteiligten Familien geben.

Das lohnt sich nicht, sagen die effektiven Altruisten. Effektiver sei es zum Beispiel, schnell zu studieren, viel Geld zu verdienen und mit diesem Geld ganz vielen benachteiligten Kindern kostenlosen Nachhilfeunterricht zu finanzieren. So viel Nachhilfeunterricht, wie die effektiven Altruisten finanzieren, werden die normalen Altruisten niemals geben können. So die Logik.

"Direkte Hilfe ist nicht verpönt, aber viele von uns merken schnell, dass es noch sinnvollere Dinge gibt, in die es sich lohnt, Arbeit und Zeit zu stecken", sagt Sara. Während der Schulzeit hat sie sich in einem Theater engagiert. Heute lernt sie in ihrer freien Zeit deutsche Grammatik und Algebra-Formeln.

Wirklich etwas verändern

Sara Nowak ist 19 Jahre alt und seit vier Monaten in Berlin. Von EA hat sie zum ersten Mal im Sommer 2014 gehört, bei einer Convention für eine animierte Comicserie mit großäugigen Pferden in Regenbogenfarben. Hier treffen sich regelmäßig erwachsene Fans, um der Serie My little Pony zu huldigen. Hier traf Sara auch Denis Drescher. Schnell redeten Denis und Sara nicht mehr über bunte Plastikpferde, sondern über Hunger, Aids, Malaria. Und darüber, dass man Geld und Zeit besser einsetzen müsse, um wirklich etwas zu verändern.

Anderen zu helfen, bezeichnet Sara als moralische Verpflichtung. Nicht einfach nur Gutes zu tun, sondern das Bestmögliche, das schien ihr logisch. Heute ist Sara überzeugte EAlerin. Und Denis ist ihr Freund. 

Sara und ihr Freund Denis vor einem Treffen der effektiven Altruisten in Berlin © Andreas Prost für ZEIT Campus ONLINE

Sara kommt aus Bytom in Schlesien, eine Gegend in Polen mit viel Industrie und wenig Charme. Sprachen und Geschichte interessierten sie in der Schule. Nun lernt sie zwischen Definitionsmenge und Wertemenge zu unterscheiden.

Träfe man Sara auf der Straße, irgendwo zwischen Kreuzberg und Neukölln, würde man ihre wachen, herausfordernden Augen, den braunen Bubenschopf einem sorglosen Naturmädchen zuordnen, das viel Zeit auf Bäumen und in hohen Wiesen verbringt.