Burn-out-Raten, Angst und die Schuldgefühle. Der Soziologe Hartmut Rosa erklärt, wie sich das Zeitgefühl an der Uni verändert. Er studierte noch 13 Semester.

Bachelor

ZEIT Campus Online: Herr Professor Rosa, Sie haben vor 30 Jahren angefangen zu studieren. Freiburg 1986: Wie können wir uns den Studenten Hartmut Rosa vorstellen?

Hartmut Rosa: Der war einigermaßen naiv. Ich kam aus einem Dorf im Schwarzwald, sodass für mich Freiburg schon eine große Welt war. Die Achtzigerjahre in Freiburg, das war noch eine relativ politische Zeit an einer politisierten Uni. Es gab das Gerücht, RAF-Mitglieder seien in der Stadt. Es war also halbwegs wild.

ZEIT Campus ONLINE: Wie lange haben Sie insgesamt studiert?

Rosa: Ich habe im Herbst 1986 angefangen. Und war dann 1989/90 an der London School of Economics. Mit meiner Staatsexamensprüfung war ich 1993 fertig. Insgesamt habe ich 13 Semester bis zum Staatsexamen studiert, zwölf bis zum Magister.

ZEIT Campus ONLINE: Zwölf Semester dauern heute nicht einmal mehr das Bachelor- und Masterstudium zusammengenommen. Fühlten Sie sich damals gehetzt?

Rosa: Man muss aufpassen, dass man im Rückblick die Dinge nicht nostalgisch verklärt. Sechs Jahre sind eine lange Zeit, auch wenn ich darauf geachtet habe, in der – großzügig bemessenen – Regelstudienzeit zu bleiben. Die ließ Freiräume zur Gestaltung. Durch das Auslandsjahr sind es dann noch zwei Semester mehr geworden, sodass ich nicht sagen kann, ich sei sonderlich gehetzt gewesen. Wenngleich Zeitdruck und Deadlines für Hausarbeiten, wie man sie heute kennt, auch damals schon für Stress gesorgt haben.

ZEIT Campus ONLINE: Derzeit unterrichten Sie als Professor in Jena. Wie unterscheidet sich das Studieren heute vom Studieren früher?

Rosa: Der zeitliche Horizont ist deutlich kürzer geworden, weil Sie im Prinzip nur sechs Semester bis zum Bachelor haben. Quasi eine Halbierung der Studienzeit. Die Zahl der Veranstaltungen ist angestiegen, die Studierende heute belegen müssen. Und alles ist viel genauer getaktet und durchgeplant. Eine Kürzung und weit stärkere Regulierung lässt sich in jedem Fall beobachten.

ZEIT Campus ONLINE: Sie beschreiben damit die Bologna-Taktung

Rosa: Ich war durchaus ursprünglich der Auffassung, dass die Bachelor-Reform sinnvoll ist, weil natürlich Studienanfänger — mir ging es ähnlich — naiv und ohne großen Überblick an die Uni kommen und sich schnell verlieren. Ich empfand es nicht unbedingt als schlecht, Lehrveranstaltungen zu verschulen, um sich dann im Master frei entfalten zu können.

ZEIT Campus Online: Studienanfänger sind heute durchschnittlich jünger. Vielleicht in Teilen sogar zu jung, um zu studieren?

Rosa: Ich finde, ja. Es ist ein Wahn, dass man so schnell wie möglich sämtliche Bildungsinstitutionen durchlaufen muss. Ich glaube, ein bisschen was vom Leben gesehen zu haben und nicht einfach von der Schul- auf die Hörsaalbank zu wechseln, ist wichtig. Sie müssen bedenken, dass es früher immerhin den Wehrdienst oder Zivildienst gab. Es ist nicht unbedingt eine Frage des Lebensalters, aber eine der Welterfahrung. Studieren ist eine andere Lebensform, als zur Schule zu gehen, eine habituelle Änderung im Umgang mit Raum, Zeit und Stoff.

ZEIT Campus Online: Welche Rolle spielt die Zeit bei Lernprozessen?

Rosa: Nach allem, was ich geschrieben habe, würde sich natürlich anbieten, zu sagen, man bräuchte viel Zeit. Ich glaube aber, dass ein gewisser Zeitdruck nicht immer falsch ist. Ich unterscheide bei Lernprozessen zwischen Aneignung und Anverwandlung. Man kann sich Stoff sehr schnell aneignen und auskotzen, was ja sehr schön als Bulimie-Lernen bezeichnet wird. Der Gegenbegriff ist die Anverwandlung, also ich begegne einem Stoff, den ich mir so zu eigen mache, dass er mich in irgendeiner Art verwandelt. Das ist zeitintensiv und natürlich nicht terminlich zu fixieren. Dienstagabend um Punkt 20 Uhr findet keine getaktete Anverwandlung statt. Dafür braucht es Leerräume. Anverwandlungsräume werden unter den gegenwärtigen Studienbedingungen aber zunehmend ausgemerzt.

ZEIT Campus Online: Sie schreiben, dass jede Nacht mehr Menschen in unserer beschleunigten, spätkapitalistischen westlichen Welt schweißgebadet aufwachen würden als in totalitären Regimen. Gilt das auch für Studenten?

Rosa: Ich denke, ja. Burn-out-Raten und Angsterkrankungen nehmen bei Studenten wirklich zu. Oder nehmen Sie das eigenartige Problem der Prokrastination, das eben nicht nur Faulheit ist. Die Zahl der legitimen Erwartungen, mit denen Studenten konfrontiert sind, explodiert. Das Auslandssemester, die zweite Fremdsprache, das sportliche, musische oder ehrenamtliche Engagement — diese diffusen Erwartungen fühlen die Studierenden. Daher das Schuldgefühl, der Panzer auf der Brust.