Im Auto riecht es nach Gras? Der Fahrer lästert über Schmarotzer? Max Reitmeyer ist deutscher Meister im Trampen und rät: Steigt nicht in jedes Auto.

ZEIT Campus ONLINE: Dank Fernbussen, Billigfliegern und Mitfahrgelegenheiten kann heute jeder günstig reisen. Bist du zu geizig, um dafür Geld auszugeben?

Max Reitmeyer: Nein, darum geht es nicht. Ich mag das Miteinander, gerade in der politisch schwierigen Zeit, die wir derzeit in Deutschland haben. Trampen zeigt mir, dass man mit Leuten aus allen sozialen Schichten ziemlich schnell ziemlich gut klarkommt. Ich saß schon bei Porsche-Betriebsräten, tschechischen Gastarbeitern und türkischen Großfamilien im Auto.

ZEIT Campus ONLINE: Mehr als hundert Mal bist du kostenlos bei Leuten mitgefahren. Hast du ein schlechtes Gewissen, wenn andere dein Benzingeld zahlen?

Max: Sie bezahlen ja nicht mein Benzingeld. Das sind nette Menschen, die zufällig in meine Richtung wollen, einen Platz frei haben und sich selbst eine Freude machen. Ich bezahle sie sozusagen mit Geschichten. Am liebsten berichte ich von der großen Tour, die ich vor zwei Jahren mit einem Freund nach Griechenland und zurück gemacht habe. Vier Wochen, 5.000 Kilometer, unzählige Länder, das hören die Leute gerne. Wenn man dann als Fahrer ein paar Hundert Kilometer alleine unterwegs ist und die ganze Zeit Radio hört, ist es viel wert, auch mal mit jemandem zu reden.

ZEIT Campus ONLINE: Materieller Dank ist also tabu?

Max: Es gibt Kleinigkeiten. Etwa Sticker, die ich von unterschiedlichen Events und Gemeinschaften bekommen habe. Die Fahrer freuen sich darüber, wenn sie sich "Ich bin freundlich zu Trampern" ans Auto kleben können.

ZEIT Campus ONLINE: Was sind das für Menschen, die Tramper mitnehmen?

Max: Eigentlich ist jeder Mensch dazu bereit, Tramper mitzunehmen, aus jeder sozialen Schicht, jeder Altersgruppe, jeder Herkunft und mit jedem Job. Ich bin schon bei Führungskräften von wichtigen Firmen mitgefahren, die alle sechs Monate ein neues Auto bekommen und das ordentlich abfahren wollen. Oder bei einer türkischen Familie, die schon zu viert im voll bepackten Auto saß, als sie extra für mich anhielt. Sie haben ihr ganzes Gepäck umgeräumt, nur damit ich noch reinpasste. Und während der Stunde, die ich mitgefahren bin, wurde ich auch noch verköstigt.

ZEIT Campus ONLINE: Beneiden dich die Fahrer darum, dass du so frei und ungezwungen bist?

Max: Man hört häufig, dass die Leute, die einen mitnehmen, vor 30 Jahren selbst getrampt sind. Andere haben eine persönliche Beziehung dazu, zum Beispiel wenn ihr Kind gerade in Australien als Tramper unterwegs ist. Dann möchten die Eltern verstehen, wie das so ist.

Wer mit traurigem Gesicht am Straßenrand steht, kommt nie weiter

ZEIT Campus ONLINE: Nimmst du es persönlich, wenn dich Leute am Straßenrand stehen lassen?

Max: Eigentlich nicht, da ich mir die Situation selbst aussuche, an der Straße den Daumen hochzuhalten. Wenn die Leute keinen Platz oder keine Lust haben, ist das total legitim. Wichtig ist, dass man nie den Glauben verliert, immer bei guter Laune bleibt. Irgendwann hält schon jemand an, irgendwie geht es weiter. Ich glaube, wer mit traurigem Gesicht am Straßenrand steht, kommt nie weiter. Aber natürlich kann man auch unverschuldet in Situationen kommen, die nicht so toll sind.

ZEIT Campus ONLINE: Was sind das für Situationen?

Max: Wenn man vom Fahrer früher rausgelassen wird als vereinbart, weil der es sich plötzlich anders überlegt und eine andere Strecke fährt. Dann steht man schon mal in der Pampa. Aber es muss ja weitergehen, also sage ich mir: Ich bin immer noch zu Fuß, ich bin jung, ein paar Kilometer kann ich auch laufen. Es gibt keine aussichtslosen Situationen, man kann sich gut behelfen.

ZEIT Campus ONLINE: Was ist ein typischer Anfängerfehler?

Max: Nicht Nein sagen zu können. Wenn es aus dem Auto nach Alkohol oder Gras riecht, wenn der Fahrer nicht vertrauenswürdig aussieht, dann muss du sagen können: "Nee, ich will nicht mit." Nur weil er dich mitnehmen möchte, musst du dich nicht dazu genötigt fühlen, in das Auto zu steigen. Das gilt auch während der Fahrt, wenn du merkst, dass dir der Fahrer nicht passt. Dann musst du sagen: "Hey, ich hab es mir anders überlegt, kannst du mich bitte rauslassen?" Ich glaube, davor haben einige Angst. Das sollte und muss man aber nicht haben.

Um den inoffiziellen Titel "Deutscher Trampmeister 2016" zu gewinnen, fuhr Max Reitmeyer, 23, als schnellster von 50 Teilnehmern per Anhalter von Hamburg auf die dänische Ostsee-Insel Fyn. Während der sechsstündigen Tour saß er in sechs verschiedenen Autos. © Max Reitmeyer

ZEIT Campus ONLINE: Streitest du auch mit deinen Fahrern?

Max: Ein Tscheche, der in Deutschland arbeitet, ließ sich einmal darüber aus, dass die Rumänen den deutschen Sozialstaat ausnehmen würden. Dass sie alle Schmarotzer seien. Ich habe ihm klargemacht, dass mir nicht gefällt, was er sagt, und das Gespräch dann nicht weitergeführt. Vertritt jemand eine andere Position als ich, fange ich keine große Grundsatzdiskussion an, sondern sage mir: Ich fahre nur eine Weile mit, da lohnt es sich wahrscheinlich nicht, zu widersprechen.

ZEIT Campus ONLINE: Du bist durch 40 Länder getrampt. Wo fiel es dir am leichtesten?

Max: In Deutschland. Das Autobahnnetz hier ist so gut ausgebaut, dass man auch mal tausend Kilometer fahren kann, ohne dass es kompliziert wird. Wer schnell von A nach B will, für den ist Deutschland das beste Pflaster.

ZEIT Campus ONLINE: Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Max: Mit einem Freund bin ich irgendwo in Griechenland gestrandet, da saßen wir fünf Stunden an der Tankstelle. Pro Stunde fuhren zwei Autos vorbei, es war fürchterlich heiß. Die Tankstellenbesitzer bekamen schon Mitleid mit uns, weil wir dort die ganze Zeit saßen und sie bald schließen wollten. In dem Moment waren wir nah dran, Lust und Motivation zu verlieren. Aber dann, kurz bevor wir uns zur Bushaltestelle aufmachen wollten, hat uns doch noch jemand mitgenommen. Warten gehört eben dazu.

ZEIT Campus ONLINE: Welchen Rat gibst du Anfängern?

Max: Macht es einfach! Lasst euch auf einen Rastplatz fahren, stellt euch an die Straße, sprecht die Leute an. Verlasst euch nicht nur auf Google Maps, sondern nehmt einen richtigen Atlas mit, einen aus Papier. Damit können euch andere leichter den Weg zeigen. Und plant ein großes Zeitpolster ein.