Es spricht eine Menge gegen die Anwesenheitspflicht. Zum Beispiel, dass sie Quatsch ist. Professor Porombka hätte da eine radikale Lösung: das Zeugnis nach drei Tagen.

Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Interventionen. Ich möchte eine vorschlagen, mit der Studiengänge aller Art mit einem geradezu magischen Schlag von einer Menge Leid befreit werden.

Anlass ist ein eben gerade geführtes Gespräch über den Sinn und Unsinn von Anwesenheitspflicht, in dem zum achtzigsten oder hundertsten Mal auch nur wieder ausgetauscht worden ist, was wir alle längst ausgetauscht haben. Hier noch mal kurz zur Erinnerung:

Ich habe eine radikale Lösung.

Viel spricht für die Anwesenheitspflicht! Studierende werden nämlich dazu genötigt, an einem Unterricht teilzunehmen, von dem die Organisatoren meinen, dass er sinnvoll sei. Im Zentrum steht die Idee, dass die Studierenden ja gar nicht wirklich wissen, was gut und richtig für sie ist. Ihr Geist mag vielleicht willig sein. Aber das Fleisch, das man auf den Feierfotos bei Facebook, Instagram und Snapchat sieht, scheint trotz oder gerade wegen seiner jugendlichen Frische eigentümlich schwach.

Allerdings spricht auch eine Menge gegen die Anwesenheitspflicht. Zum Beispiel, dass sie Quatsch ist. Weil ja niemand garantiert, dass die Seminare so sinnvoll sind, dass sich das Hingehen lohnt. Und weil das Leben eben nicht so linear verläuft, dass man es wirklich zu jeder Sitzung schafft. Und weil Bildung nun mal nicht mit Kadavergehorsam zu haben ist. Die Universität ist keine Kaserne. Hier wird anders gelehrt und gelernt. Kritischer, selbstorganisierter, offener und damit auch unsicherer für alle Beteiligten.

Okay, das Für und Wider ist hinlänglich bekannt. Geholfen haben die Diskussionen und Änderungen der Ordnungen aber nichts. Wo die Anwesenheitspflicht in Kraft ist, werden die Seminare zu großen Teilen einfach abgesessen. Wo es sie nicht gibt, klagen die Lehrenden darüber, dass die Leute nicht kommen. So oder so: Das Leid ist groß, der Unmut wächst, gebraucht wird eine andere Lösung.

Ich habe eine radikale. Und die sieht so aus. Anschnallen und kurz konzentrieren bitte.

Die Anwesenheitspflicht wird eingeführt. Und abgeschafft zugleich. Dafür macht die Universität allen Studierenden zu Beginn des Semesters ein Angebot: Wer ein Seminar oder eine Vorlesung nicht besuchen mag, kann sich den gestempelten und unterschriebenen Schein vor der ersten oder nach Ende der letzten Sitzung abholen. Und dann kann man nach Hause gehen. Oder Kaffee trinken. Bitte sehr. Ohne Haken. Im Ernst.

Falls der Schein benotet sein muss, wird die um einen Schritt nach unten verschlechterte Durchschnittsnote draufgesetzt, die im jeweiligen Studiengang erreicht wird. Auf dem Schein wird dazu klein und kaum sichtbar ein "nb" stehen. Oder ein "nztb". Das heißt dann zwar "nicht besucht" oder "nur zum Teil besucht", ändert aber an der Note rein gar nichts. Es gibt auch keine weiteren Probleme. Wer will, kann sein ganzes Studium lang nur solche Scheine sammeln und dann Abschluss machen.

Vielleicht ließe es sich sogar möglich machen, dass man sich bei Onlinebestellung des Zeugnisses das Fach, in dem man Abschluss machen möchte, einfach erfindet.

Das Ganze lässt sich auch noch ein bisschen radikaler denken. Denn warum sollte man die Leute überhaupt dazu nötigen, sich die Scheine abzuholen? Warum schickt man sie ihnen nicht gleich zu? Und warum nicht, wenn es gewünscht wird, das fertige Abschlusszeugnis? Man könnte sich ja das Studieren komplett sparen. Man immatrikuliert sich und ist dann quasi ein paar Tage später schon Germanistin oder Kieferchirurg, Politologe oder Juristin, Lehrer für die gymnasiale Oberstufe oder auch Taxifahrerin, ganz wie man will. Vielleicht ließe es sich sogar möglich machen, dass man sich bei Onlinebestellung des Zeugnisses das Fach, in dem man Abschluss machen möchte, einfach erfindet.

Das klingt nicht nur radikal. Es hätte auch radikal gute Effekte. Erstens wären die Cafés wieder voll mit jungen Leuten, die gute Laune hätten. Sie hätten nämlich kein schlechtes Gewissen mehr, dass sie Chai Latte trinken, statt im Seminar zu sitzen. Oder sie würden mit ihrem Chai Latte in Seminare und Vorlesungen gehen, von denen sie meinen, dass es ihnen etwas bringt. Und sie würden auch da mit guter Laune sitzen. Halleluja.

Zweitens würden damit nur noch diejenigen in die Seminare gehen, die wirklich Lust dazu hätten. Bei schwach gefüllten Unterrichtsräumen oder Vorlesungssälen würde man dann entsprechend gar nicht mehr auf die Lücken achten und sich über die ärgern, die nicht gekommen sind. Warum auch? Das ist ja absurd.

Studierende glücklich. Dozierende glücklich.

Stattdessen würde man sich über die freuen, die da sind. Und die würden sich auch freuen, dass man sich darüber freut, dass sie da sind. Es wäre eine reine Freudespirale! Alle würden sich freuen, weil man viel konzentrierter in kleineren Gruppen arbeiten kann, in denen nicht die Hälfte einschläft oder aus Notwehr im Netz surft. Vielleicht würde man sogar doppelt so viel und doppelt so schnell lernen, weil man nur noch mit Leuten zusammen sitzt, die eben gerne von allem doppelt so viel möglichst doppelt so schnell hätten. Alle anderen sind ja woanders.

Drittens würden diejenigen, die ins Seminar gehen, dann auch fordern, dass die Sitzungen nicht so vor sich hin läppern, sondern wirklich etwas passiert. Immerhin hat man sich ja dagegen entschieden, einen Chai Latte zu trinken oder in einem anderen Seminar zu sitzen und will was geboten bekommen und selber mitbieten können. Jenseits von Kadavergehorsam würde dann immer die ganz konkrete Frage mitlaufen, was denn ein gutes Seminar, eine gute Vorlesung oder ein gutes Studium ist. Es würde sich überhaupt die Frage nach dem Sinn von Anwesenheit stellen. Und man würde sie vor Ort mit dem beantworten müssen, was man hier und jetzt tut. Hey, jetzt mal im Ernst: Das wäre ein wirklich sinnvolles Studium, oder nicht?!

Ach ja, und viertens könnten sich die Leute da draußen, die für das Einstellen von Personal zuständig sind, gar nicht mehr so richtig auf die Noten verlassen, die auf den Zeugnissen stehen. Tun sie aber ohnehin nicht. Die Abschlussnote ist ja verdächtig, nur bedingt etwas mit dem Potenzial von Stellenbewerbern zu tun zu haben. Bekanntermaßen spielen im Studienverlauf zu viele Faktoren eine Rolle, die sich nur so weit in einer Note abbilden lassen, dass sie allenfalls zur Orientierung dient. Und genau dafür wird sie ja auch beibehalten. Wer die Seminare besucht, bekommt die Noten, die über dem Durchschnitt liegen. Alles Weitere muss sich dann in den Bewerbungsgesprächen zeigen. Oder auch nicht.

So, das wärs. Studierende glücklich. Dozierende glücklich. Seminare und Vorlesungen super. Studium top. Personalmanager gewarnt. Alles völlig logisch und praktikabel. Zustimmung vorprogrammiert. Eigentlich komisch, dass noch niemand darauf gekommen ist. Aber dafür gibts ja diese Kolumne. Und für die Vorschläge, die konkrete Umsetzung in Paragrafen der Studien- und Prüfungsordnungen betreffend, gibt es die Kommentarspalten ganz unten. Gern geschehen. Herzliche Grüße. Ausgedacht, geschrieben gestempelt und selbst benotet bei einem sehr leckeren Chai Latte, Berlin-Charlottenburg im Juni 2016.