Warum schwelgen wir lieber in den Neunzigern und trauern der Kindheit nach, als nach vorne zu blicken? War das wirklich die beste Zeit des Lebens? Schluss mit Nostalgie

Seit zwölf Jahren schleppe ich eine große Kiste durch alle Umzüge – auch wenn ich weiß, dass ich sie nie auspacken werde. Darin sind gut 20 Kilo Nostalgie: alte Tagebücher, Poesiealben, eine Diddl-Maus, Panini-Alben, alte CDs, Freundschaftsbändchen und Heftchen, in die ich SMS abschrieb, als der Speicherplatz des Nokia-Handys nur für zehn Nachrichten reichte.

Es ist nicht so, dass ich alle paar Monate im Poesiealbum nachlese, welches Lieblingstier meine Grundschul-Banknachbarin hatte. Oder mir wieder Bravo Hits von 1996 anhöre. Meistens staubt die Kiste einfach vor sich hin und nimmt Platz in der Abstellkammer weg. Aber ich konnte es nicht übers Herz bringen, sie wegzuschmeißen. Schließlich ist sie ein Museum meiner Vergangenheit.

Dabei brauche ich eigentlich keine Erinnerungskiste um zuverlässig in Nostalgie getunkt zu werden. Ich muss nur meinen Computer anmachen. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein wehmütiger Artikel in meiner Facebooktimeline geteilt wird, der daran erinnert, wie es war, ein Kind der Neunziger oder der frühen nuller Jahre zu sein. Popbands, Serien und Konsumgüter von damals werden durchdekliniert – und die Menschen stehen drauf. Der Artikel der Huffington Post "27 Marken, die nur Kinder der 90er wirklich kennen" wurde über 20.000-mal auf Facebook gelikt. 

Erwachsensein ist, keine Angst vor dem Älterwerden zu haben.
Eine weise Freundin

Die Psychologin Erica Hepper von der Universität Surrey in England hat rausgefunden, dass junge Erwachsene besonders von Nostalgie betroffen sind. Die Sehnsucht nach dem Früher nimmt im mittleren Alter ab und erst im hohen Alter wieder etwas zu. Es ist also vielleicht kein Zufall, dass die Neunziger gerade jetzt mit voller Wucht zurückkommen, während meine Alterskohorte erwachsen wird. (Und außerdem anfängt, ihr eigenes Geld zu verdienen, das sie bereitwillig für die Wehmut nach den guten, alten Zeiten ausgibt.) 

2016 wird reich an aufgewärmten Erfolgen meiner Kindheit sein: Die Backstreet Boys nehmen wieder ein Album auf, die Spice Girls vereinen sich, wenn auch nicht vollzählig, für eine Jubiläumstour. Die Serie Full House bekam eine Fortsetzung. Tattoohalsbänder und dunkler Lippenstift sind zurück in Mode.

Nostalgie ist an sich keine schlechte Sache: Es gibt Studien, die zeigen, dass sie uns optimistischer stimmen kann, gegen das Gefühl der Einsamkeit hilft und sogar Altruismus fördert. Aber ist das Festhalten an der Kindheit nicht auch ein Symptom von der Angst davor, was noch kommt?

Eine Freundin hat gesagt: "Erwachsensein ist, keine Angst vor dem Älterwerden zu haben." Ich finde, da ist was dran. Aber einfach ist das nicht. Und das nicht nur, weil ich in Berlin lebe – der Stadt, die ihre Verweigerung erwachsen zu werden zur Marke gemacht hat. In ganz Deutschland hat altern kein gutes Image. Zeitschriften sind voller Models im Teenageralter, in der Werbung sieht man Falten höchstens in den Spots für Antifaltencremes. Jugend wird mit Leben und Energie gleichgesetzt, vertreten durch Horden jung(geblieben)er Filmstars, Fernsehmenschen, Musiker.

Schule war öde, Hausaufgaben waren öde, Eltern haben meistens genervt. Eigentlich wollte ich damals hauptsächlich eins: endlich groß sein.

Älterwerden hat dagegen kaum Markenbotschafter. Und selbst meine eigenen Eltern, eigentlich sehr zufriedene Erwachsene, erinnern mich daran, "die beste Zeit meines Lebens" zu genießen.  Ich habe keine Zukunftsangst. Aber all das gibt mir manchmal das Gefühl, dass das Leben nur noch komplizierter wird. Dass man träger, müder wird, mit weniger Träumen und Haaren. Kein Wunder, dass man manchmal lieber an die flauschige Vergangenheit denkt, als an die Zukunft.

Was gegen die Nostalgie hilft: sich vor Augen zu führen, wie es früher wirklich war. Ich habe alte Tagebücher aus meiner Erinnerungskiste durchgelesen und festgestellt: Es war gar nicht so spaßig, Kind zu sein. Schule war öde, Hausaufgaben waren öde, Eltern haben meistens genervt. Eigentlich wollte ich damals hauptsächlich eins: endlich groß sein.

Mein zwölfjähriges Ich würde wahrscheinlich die Sentimentalität belächeln, mit der ich all den staubigen Kram aufbewahre. Und deshalb ist es an der Zeit, das Museum meiner Kindheit abzureißen und die Kiste auszumisten. Aber die Tagebücher werde ich auf jeden Fall behalten, als Mittel gegen das Glorifizieren von guten, alten Zeiten. 

Tagebuch führe ich übrigens bis heute. Vielleicht hilft es, dort nachzuschauen, wenn ich später meine Zwanziger idealisiere. Wahrscheinlich ist die Jugend genauso wenig die beste Zeit des Lebens, wie die Kindheit. Wir vergessen es einfach.