Er gründet ein Start-up, arbeitet bis Mitternacht, geht insolvent. Die Chronologie des Scheiterns, erzählt von einem Gründer, seiner Mutter und seiner Ex-Freundin.

Er besucht renommierte Hochschulen, macht einen exzellenten Abschluss, hätte zu internationalen Konzernen gehen können. Doch all das ist Marc Clemens egal. Er will sein eigener Chef sein, sich im Job nicht unterordnen. Also zieht er nach Berlin und gründet ein Start-up. Die Euphorie ist groß, Marc arbeitet 16 Stunden pro Tag. Bis die Firma pleitegeht – und viele fragen: Marc, was hast du falsch gemacht? Eine Chronologie des Scheiterns, erzählt von einem Gründer, seiner Mutter und seiner Ex-Freundin.

Teil 1: Gegen das Schulsystem

Marc Clemens wächst in einem Vorort von Tübingen auf. Seine Eltern merken, dass er sich schnell entwickelt. Doch mit Autorität kann er nicht umgehen.

Christine Clemens (Marcs Mutter): "Schon mit fünf wurde Marc eingeschult. Die Lehrer haben erst gesagt, er sei noch nicht sozialisiert, das sei zu früh. Marc hatte keinen einzigen Tag im Kindergarten verbracht, ihm gefiel es zu Hause einfach besser. Wir haben dann einen Einschulungstest gemacht, der gezeigt hat, dass er reif ist."

Marc Clemens: "In der siebten Klasse bin ich erst sitzengeblieben, im Jahr darauf flog ich von der Schule – wegen aufmüpfigen Verhaltens gegenüber den Lehrern. Ich hatte keine Lust auf das Schulsystem und rebellierte, wo ich konnte. Unsere Klasse hat immer Radau gemacht: Wir setzten Leute in den Mülleimer, schossen mit allem Möglichen durch die Gegend, störten den Unterricht. Und in dieser Zeit haben sich meine Eltern getrennt. Das war sicher ein Auslöser dafür, dass ich noch etwas mehr über die Stränge schlug."

In der elften Klasse kehrt Marc auf sein altes Gymnasium zurück. Seine Noten werden besser. Für sein soziales Engagement wird er von dem Rektor ausgezeichnet, der ihn vier Jahre zuvor von der Schule warf.

Mutter: "Marc hatte ein eher durchschnittliches Abiturzeugnis, aber er schaffte die Aufnahmeprüfung für das BWL-Studium in St. Gallen, machte danach seinen Master an einer renommierten Hochschule in Paris. Ihm stand die Welt offen, ich hoffte, dass sich die Reihe fortsetzt: sehr gute Universitäten, sehr gute Noten, und jetzt ein sehr guter Job. Ich dachte, die großen Unternehmensberatungen würden auf ihn zukommen. Das strebten auch seine Kommilitonen an. Aber Marc wollte das nicht. Marc wollte nach Berlin."

Marc Clemens © Götz Schleser

Marc: "Ich habe ein grundsätzliches Autoritätsproblem. Es ist schwierig für mich, für etwas und wiederum für irgendjemanden zu arbeiten, der vor mir sitzt. Ich will wissen, wofür genau ich etwas tue, ich muss mein eigener Chef sein. Und ich wusste, dass das am besten in Berlin funktioniert, wo ich schon andere Gründer kannte."

Teil 2: Gegen den sicheren Job

Im Sommer 2013 gründet Marc Clemens Sommelier Privé – ein Start-up, das Wein-Abonnements anbietet und den Geschmack des Kunden mit einem Algorithmus analysiert. Marc startet allein und stellt in den folgenden Monaten 20 Mitarbeiter ein.

Marc: Schon immer wollte ich Unternehmer werden. Ich hatte einfach großen Spaß daran, mit Menschen zu verhandeln. In der sechsten Klasse verkaufte ich einem Mitschüler den alten Laptop meines Vaters. Weil sein Taschengeld nicht reichte, bot ich ihm eine Ratenzahlung an, festgeschrieben auf einem Kaufvertrag. Zusammen mit einem Freund hatte ich eine Fantasie-Firma namens Great Soft. Wir programmierten kleine Rechen- und Quiz-Software. Die Programme verkauften wir an unsere Eltern und Freunde."

Mutter: "Meine Generation braucht Sicherheit. Ich dachte: Verflixt noch mal, mein Sohn stellt mich schon vor eine gehörige Probe. Eine andere Mutter, deren Sohn mit Marc studiert hatte, nannte Marcs Idee einen 'Mordsquatsch'. Ihr Sohn würde nach London gehen und dort bei einer Beratungsfirma anfangen. Freunde fragten, warum er denn nicht von unten anfinge. Könne er so etwas nicht in seiner Freizeit machen? Ich habe Marc gefragt, ob die Leute mit ihren Argumenten richtigliegen könnten. Aber Marc ließ sich nicht abbringen."

Marc: "Die Selbstständigkeit und das Risiko haben meiner Mutter Angst gemacht. Ich musste lange dafür kämpfen, dass meine Eltern akzeptieren, was ich tue."

Mutter: "Ich hatte keine Ahnung, was ein Start-up überhaupt ist, also habe ich mich belesen. Marc versorgte mich mit Literatur über andere Firmengründer, die mehrfach gescheitert sind, bevor sie ihren großen Erfolg hatten. Er sagte, dass von zehn Start-ups neun in den Sand gesetzt werden. So konnte ich das alles besser nachvollziehen. Ich wusste, er kennt das Risiko."

Marc: "Ich war megaoptimistisch und übertrieben enthusiastisch. Mein Team und ich, wir haben unglaublich viel gearbeitet. Morgens ging es um acht ins Büro, vor Mitternacht war ich selten raus. Am Wochenende machte ich weiter, und wenn ich mal nicht gearbeitet habe, fuhr ich zu Ikea, um Möbel fürs Büro zu kaufen oder besuchte Events, bei denen es um Wein und Start-ups ging. Wenn mir Freunde erzählten, dass sie während der Arbeit auch mal zehn Minuten auf Spiegel Online unterwegs sind, habe ich das nicht verstanden. Für mich gab es kein anderes Thema als die Firma."

Mutter: "Marc war nur selten zu Hause, aber wir haben jede Woche telefoniert. Wir sprachen viel darüber, wie sich die Zahlen seiner Firma entwickeln, jeden Tag habe ich die Website besucht. Ich glaube, dass insgeheim viele Leute großen Respekt vor Marc hatten. Das merkte ich, wenn mich Freunde fragten, wie es denn bei ihm läuft. 'Die Seite sieht ja gar nicht so schlecht aus', haben sie gesagt. Viele haben auch dort gekauft. Mich hat das stolz gemacht."

Teil 3: Gegen die Angst

Nach einem knappen Jahr Sommelier Privé haben gut hundert Leute ein Wein-Abo abgeschlossen – viel zu wenige, um die hohen Werbe- und Personalkosten zu decken. Unterdessen bereitet die Website Probleme, Kunden können ihre Bestellungen nicht abschließen oder müssen lange auf ihre bestellte Ware warten. Das Geld der Investoren ist längst aufgebraucht. Marc steht vor der Wahl: Entweder muss er die Kosten drastisch reduzieren oder aufgeben.

Marc: "Es war mein Baby und das meines Teams. Aber im Unterschied zu mir hätten sie jederzeit kündigen können, wenn sie keine Lust mehr gehabt hätten. Diesen Ausweg gab es für mich nicht. Als ich zwölf von 20 Mitarbeitern vor die Tür setzen musste, fiel ich in ein Loch. Die Tische im Büro waren plötzlich leer, es wurde ruhiger. Ich zweifelte an mir und meinen Fähigkeiten. Und fühlte mich allein."

Mutter: "Als ich merkte, wie schlecht es Marc geht, bin ich sofort nach Berlin geflogen. Wir unternahmen lange Spaziergänge, sprachen über seine Selbstzweifel und diskutierten über seinen Konflikt, den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg zu finden: Würde er zu früh aufgeben, sein Gesicht verlieren, andere enttäuschen oder das Scheitern verschleppen? Sollte er nicht noch einmal alle Kräfte mobilisieren und eine neue Strategie entwickeln? Oft habe ich ihn einfach viel reden lassen, er musste selber eine Lösung finden. Nie hatte ich Marc niedergeschlagener erlebt. Aber Marc ist ein Mensch, der selbst in aussichtslosen Situationen einen Ausweg sieht. Marc denkt nicht in Problemen, sondern in Lösungen. Er sagte: 'Wenn ich mit dem Start-up scheitere, bekomme ich auch anderswo einen Job, das ist kein Makel im Lebenslauf.' Marc wollte, dass ich bloß nicht das Gefühl bekomme, er würde verzagen."

Marc: "Meine Energie war weg. Zum ersten Mal merkte ich, dass ich nichts anderes hatte als den Job. Meine Freunde habe ich total vernachlässigt. Und obwohl ich so viel Zeit in die Firma steckte, funktionierte es einfach nicht. Ich mag den Begriff 'Burnout' nicht, aber die Symptome kamen dem sicher nahe. Den Investoren bot ich an, die Geschäftsführung abzugeben. Aber sie sagten, dass sie mir vertrauen würden. Also machte ich weiter und führte im Büro eine Regel ein: Spätestens 19 Uhr ist Feierabend."