Hausarbeiten sind Textsärge, in denen Studenten ihre Ideen beerdigen. Schwarzer Einband. Anonym. Gesichtslos. Tot. Wir Professoren wollen das nicht mehr. Ich schwöre.

Einer der deprimierendsten Momente im Leben eines Professors? Wenn Du ins Büro kommst und jemand hat Dir schon mal den Stapel mit Hausarbeiten, Bachelorarbeiten und Masterarbeiten hingelegt.

Deprimierend ist das aber nicht, weil es so viele sind. Ich spreche ausnahmslos für alle Professoren und überhaupt für alle Dozenten, wenn ich jetzt die Gelegenheit nutze und feststelle: Wir freuen uns über studentische Arbeiten! Ich schwöre! Wir können gar nicht genug davon bekommen.

Nein, das Problem ist ein anderes. Und auch da spreche ich ausnahmslos für alle Professoren und überhaupt für alle Dozenten: Es ist das Aussehen der Arbeiten, das uns so sehr deprimiert. Diese Sorglosigkeit. Diese Einfallslosigkeit. Diese Unempfindlichkeit. Manchmal sitzt man fassungslos davor und denkt sich: Was ist eigentlich los mit Leuten, die so etwas abgeben?

Unter Kollegen gelten die Copyshops, in denen die studentischen Arbeiten ausgedruckt und gebunden werden, als Discount-Bestatter. Die wollen einen nach dem Ableben auch so schnell und billig unter die Erde oder in die Urne bringen. Nur dass Copyshops das nicht mit Menschen, sondern mit Texten machen.

Der übliche studentische Textsarg, in dem die eigenen Ideen beerdigt werden, sieht immer gleich aus. Schwarzer fester Einband. Kein Coverbild. Kein Name. Kein Titel. Kein Hinweis auf den Inhalt. Alles ist einfach nur schwarz. Anonym. Gesichtslos. Tot.

Wir finden die Vorgaben für die Gestaltung von Haus- und Abschlussarbeiten deprimierend. Wir haben nur vergessen, es Euch zu sagen.

Wenn man den Sargdeckel hochklappt, wird es nicht besser. Diese lustlosen Titel! Und gesetzt ist der Text so, dass einem die Augen einschlafen. "Und wahrscheinlich wollen Sie ja, dass ich wegdöse, damit ich nicht lese, was Sie geschrieben haben", sage ich zu einem Studenten, in dessen Arbeit ich missmutig herumblättere. "Nein, Herr Porombka", ruft er empört, "die Formatierung ist doch genau so in der Prüfungsordnung festgelegt."

Haha, die Prüfungsordnung. Vergesst mal bitte sehr für einen kurzen Moment die Prüfungsordnung. Die meisten Festlegungen für die Abgabe schriftlicher Arbeiten stammen noch aus dem letzten Jahrhundert. Formuliert wurden sie von Professoren und Verwaltungspappenheimern, die keine Laptops hatten. Keine Tablets. Keine Smartphones. Kein Photoshop. Kein Indesign. Kein PDF. Kein Wordpress. Kein Instagram. Kein Pinterest. Kein YouTube.

Das ist okay. Dafür können sie nichts. Aber vielleicht sollte man Leuten, die absichtlich oder unabsichtlich nichts von den Text- und Bildrevolutionen der letzten Jahre mitbekommen haben, einfach generell die Verantwortung abnehmen, Vorgaben für die Erscheinungsweisen von Arbeiten im Jahr 2016 zu machen. Und man sollte ihnen sagen: Guckt Euren Studierenden lieber dabei zu, was sie können, statt sie mit Euren Formatierungsvorgaben zu blockieren. Lasst Euch überraschen.

Tatsächlich ist es so – und da spreche ich jetzt wieder wirklich absolut ausnahmslos für alle Professoren und überhaupt für alle Dozenten aller Studiengänge an allen Universitäten: Wir wollen das ja gar nicht mehr so, wie das in den Ordnungen steht. Wir haben es satt. Wir finden die Vorgaben für die Gestaltung von Haus- und Abschlussarbeiten deprimierend. Wir haben nur vergessen, es Euch zu sagen. Ich schwöre!

Also gilt ab jetzt: Wir wollen nur noch Arbeiten, die so gesetzt sind, dass Ihr sie selber gerne lesen würdet. Es ist völlig egal, ob dabei aus dreißig sinnlos vollgestopften Seiten doppelt so viele werden. Meinetwegen auch zweihundert oder dreihundert, wenn der Text am Ende als PDF oder in Ebook-Formaten geschickt wird, die man bequem am Smartphone lesen kann.

Und hinten dran hängen dann vielleicht einfach noch mal alle Texte, die Ihr zu Eurem Thema eingescannt habt und von denen Ihr meint, dass sie zusammen mit der Arbeit aufbewahrt werden sollten. Die eigene Arbeit als riesige Anthologie denken, die man als Leser aufmacht und sofort mit lauter Dokumenten beschenkt wird – wie unglaublich toll wäre das denn?!