"In meinen Seminaren gibt es Redelisten"

"Mein politisches Interesse war früher eher ein Zufallsprodukt. Es begann während einer Autofahrt, als ich 15 war. Mein Vater saß am Steuer, im Hintergrund lief das Radio. Gerade kamen die Nachrichten. Irgendein Lokalpolitiker stammelte unbeholfen in das Mikro, keiner verstand ihn. Da nannte mein Vater ein paar Politiker, die sehr gut reden könnten. In einem Nebensatz fiel der Name Gregor Gysi, und ich wurde neugierig.

Zu Hause tippte ich Gysis Namen bei YouTube ein und klickte mich durch ein Video nach dem anderen. Ich war völlig begeistert: Er konnte komplexe Zusammenhänge ganz einfach darstellen. Für mich als jungen politischen Laien war sein Gerede leicht verständlich. Vor allem seine Ideen über soziale Gerechtigkeit fand ich gut. Ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Ich fing an, mir alle möglichen Videos auf dem Kanal der Linken anzuschauen und ließ mich von ihren Meinungen zuballern.

Hinterfragt habe ich mein einseitiges Weltbild damals nicht. Weder in der Schule noch zu Hause habe ich darüber gesprochen. Mein Umfeld war politisch uninteressiert. Also schrieb ich meine Ideen auf und veröffentliche sie auf einem Blog. Dort schimpfte ich über imperialistischen Bestrebungen der USA, die "raubtierkapitalistische" FDP und die – in meinen Augen – homophobe und reaktionäre CDU/CSU. Zum Glück habe ich das Blog irgendwann gelöscht. Im Nachhinein ist es total peinlich, was ich da aufgeschrieben habe.

Dann kam ich in die Oberstufe. Meine Sozialkundelehrerin erklärte uns, dass wir in den Schularbeiten verschiedene Meinungen anschauen müssen, bevor wir zum Schluss ein Fazit ziehen. Ich wollte gute Noten schreiben und nahm ihren Tipp ernst. Anstatt linke Kampfblätter zu lesen, abonnierte ich große Tageszeitungen und den Cicero. Ich lernte, eigene Standpunkte zu entwickeln. Trotzdem fühlte ich mich links weiterhin gut aufgehoben.

Aber wird das weibliche Geschlecht wirklich benachteiligt, wenn wir nicht in jedem Satz das Binnen-I, Gender_Gap oder Asteriskus* verwenden?

Das änderte sich an der Uni. Im ersten Semester belegte ich einen Kurs über die DDR. Nach jeder Sitzung konnte ich spüren, wie ich weiter in die politische Mitte rutschte und zum Sozialdemokraten wurde. Viele Kommilitonen fanden: Der Marxismus als Weltanschauung ist gut, die DDR hatte ihn nur schlecht umgesetzt. Das sah ich nicht so. Der ostdeutsche Staat hatte den Bürgern ihre politische Freiheit genommen. Was wir heute brauchen, ist kein sozialistischer Staat, sondern eine Demokratie, die den Bürgern politische Freiheit lässt. Mit einigen Auflagen: zum Beispiel stärkere Arbeitnehmerrechte, Millionärssteuer, eine staatliche Rente, von der jeder leben kann, und kein Zweiklassensystem in der Gesundheitsvorsorge.

An der Uni fühle ich mich trotzdem manchmal wie eine Berliner Version von Franz Josef Strauß. Die Uni-Linke diskutiert nicht dringende Probleme in der Gesellschaft, sondern verliert sich in abstrakten Systemdebatten. Sie finden, dass staatliche Herrschaft zwangsläufig zu Rassismus und Sexismus führt. Der Kapitalismus beute die meisten aus – vor allem Minderheiten und Frauen würden benachteiligt. Reformen helfen nicht, sagen sie, der Kapitalismus muss abgeschafft werden. Das ist doch total undifferenziert. Ich sehe das anders: Wir brauchen Reformen, die Gerechtigkeit schaffen. Und wenn wir nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen können, sind wir noch lange nicht alle rassistisch.

Auch das Thema Gender-Anpassung sehe ich kritisch. Ich bin zwar ein totaler Befürworter von Emanzipation. Aber wird das weibliche Geschlecht wirklich benachteiligt, wenn wir nicht in jedem Satz das Binnen-I, Gender_Gap oder Asteriskus* verwenden? In Uni-E-Mails heißt es oft "jemensch" statt "jemand", um die Sprache möglichst neutral zu halten. In meinen Seminaren gibt es Redelisten. Melden sich zwei Frauen und ein Mann, kommt der Mann zum Schluss dran. Das haben unsere Dozenten so festgelegt. Da mache ich nicht mehr mit. Dafür bekomme ich oft schiefe Seitenblicke, aber das ist mir mittlerweile egal.

Eins hat mir jedenfalls die Zeit an der Uni schon gebracht. Endlich habe ich einen konkreten Berufswunsch. Ich würde gerne über politischen Extremismus forschen. Schwerpunkt: Linksextremismus."

Dennis Klinke, 19, studiert in Berlin Politikwissenschaften.