Mitten im Monat pleite: Eine Studentin berichtet über ihre drei Nebenjobs, 60 unbezahlte Überstunden und forsche Verhandlungstaktiken. Das anonyme Gehaltsprotokoll

Name: anonym
Alter: 27
Positionen: Eventmanagement, Babysitter, Aushilfe
Branche: Lebensmittel Start-up, Dienstleistung, Apotheke
Unternehmensgröße: 20-25 (Start-up)

Knapp 1.000 Euro brauche ich zum Leben. Mein Studium finanziere ich alleine – abgesehen von den 580 Euro Bafög, die ich bekomme. Diese Summe habe ich einmal ausgerechnet, als ich kein Geld mehr vom Konto abheben konnte. Der Bildschirm vom Bankautomaten flimmerte. Mein Bankauszug zeigte: Minus 200 Euro. Keine Auszahlung möglich. Es war mitten im Monat, bis zur nächsten Gehaltsüberweisung dauerte es noch eine Weile. 

Neben meinem Studium habe ich drei Jobs: Ich bin Babysitterin, helfe in einer Apotheke aus und arbeite in einem Start-up Unternehmen. Bis vor Kurzem wartete ich bei Gehaltsverhandlungen ab, was meine Arbeitgeber bieten. Als ich mit leerem Geldbeutel vom Bankautomaten kam, setzte ich mich zu Hause vor den Laptop und rechnete akribisch meine Ausgaben pro Monat aus: 350 Euro für die Miete, 60 Euro für Handykosten, 400 Euro fürs Essen, 82 Euro für die Krankenversicherung und so weiter. Als ich wusste, wie viel ich monatlich brauche, versuchte ich mein Gehalt neu zu verhandeln. 

Als Babysitterin habe ich vor ein paar Jahren acht Euro pro Stunde verdient, mittlerweile sind es dreizehn Euro. Die Familie bekam immer mehr Kinder, trotzdem wurde mir nicht mehr Geld angeboten. Der Anfahrtsweg kostete mich auch Zeit, die nicht bezahlt wurde. Für 30 Euro am Tag hat sich das irgendwann nicht mehr gelohnt. Anfangs war mir das total unangenehm, nach einem höheren Lohn zu fragen. Ich war schon fast wie ein Teil der Familie. Da ist es schwer, über Finanzen zu sprechen. Irgendwann habe ich mich zusammengerissen und mir gedacht: Das ist nicht deine Familie. Also erklärte ich ihnen, dass mir der Job Spaß macht, ich aber nicht für so wenig Geld arbeiten könnte. Sie reagierten verständnisvoll und boten mir einen höheren Lohn an.   

Bei dem Start-up lief das anders: Als ich dort eingestellt wurde, hieß es, dass Werkstudenten elf Euro die Stunde bekommen. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass die Jungs in der Firma mehr verdienen als ich. Das heißt aber nicht, dass sie härter arbeiten. Die bauen Messen auf und fahren Fahrzeuge durch die Gegend. Ich packe auch mit an, präsentiere Produkte auf Events, schreibe Schulungskataloge – eigentlich bin ich das Aushängeschild der Firma. Warum das weniger wert sein soll, verstehe ich nicht. Da wurde ich richtig wütend und schrieb meiner Vorgesetzten eine lange E-Mail. Warum verdiene ich bei gleicher Arbeit weniger Geld?

Ein paar Tage kam nichts von meiner Chefin zurück. Ich wurde panisch. War ich zu weit gegangen? Hätte ich die Mail anders formulieren sollen? Was ich nicht wusste: Meine Vorgesetzte war im Urlaub. Als sie zurückkam, ist sie sofort mit mir in die Personalabteilung gegangen, um ein neues Gehalt für mich auszuhandeln. Jetzt verdiene ich auch 12,50 Euro pro Stunde – wie die anderen.

Was ich dadurch gelernt habe: Es lohnt sich, forsch zu bleiben. Manchmal muss man auch dreist sein: Neulich hatte ich in der Apotheke 60 unbezahlte Überstunden. Ich drohte zu kündigen, falls mir das nicht ausbezahlt würde. Ich wusste, es gibt zu wenig Personal, die würden mich schon nicht feuern. Ich kenne Kollegen, die seit Jahren das gleiche verdienen und sich nicht trauen, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen. Mir passiert das nicht mehr, ich weiß, wie viel ich brauche. Nicht nur zum Überleben, sondern auch, um zu sparen und mal spontan zu verreisen."