Die richtige Stellung, der falsche Partner, geheime G-Punkte: Über Sex wird viel diskutiert, aber selten historisch. Das Buch "Zehntausend Jahre Sex" will das ändern.

Auf einer Party, nach Mitternacht und zwei, drei, vier Schnäpsen kommt oft dieser Moment, und einer sagt "Penis", "Sex" oder "GV" – und alle lachen los. Manchmal ist dieser Moment ein bisschen peinlich, weil man daran erinnert wird, dass man doch nicht so souverän und lässig über das reden kann, was im Bett passiert. Manchmal ergeben sich aus "hihihi" und "ihhh" aber auch nach dem fünften Schnaps wirklich interessante Gespräche über Frauenärzte und Syphilis. Die Lücke zwischen Gesprächen über die eigenen Erfahrungen und Sex-Small-Talk will ein neues Buch schließen, "Zehntausend Jahre Sex" heißt es. Man findet darin eine historische Betrachtung des Akts und von allem, was eben so dazu gehört. Sexpuppen, Vibratoren und Sexting. Diese Fakten sorgen bei der nächsten Party nicht nur für Lacher, sondern klären auch ein bisschen auf und erinnern einen daran, dass der Scarlett-Johansson-Roboter nicht der erste in der Geschichte ist.

Die Co-Autorin des Buchs Pauline Krätzig stellt die wichtigsten erotischen Epiphanien der Menschheitsgeschichte vor.

10 Erste Male

Das Erste Mal ... Intimrasur (2200 vor Christus)

Wer schön sein will, muss leiden – und ab und zu ins Waxing- oder Laser-Studio gehen (auch wenn es brennt und kratzt). Die Sehnsucht nach babyglatter Haut ist kein Fluch unserer Zeit. Der ägyptische Arzt Anchmahor, der im 23. Jahrhundert vor Christus lebte, hinterließ in seiner Grabkammer genaue Anweisungen, wie er bestattet werden wollte – besonders wichtig war ihm, dass die beteiligten Priester sich einer Intimrasur unterzogen. Zwei Piktogramme an der Wand der Grabkammer zeigen, wie die Prozedur ablaufen sollte: Zwei Barbiere widmen sich einem dritten Mann. Während der eine den Kunden von hinten an den Schultern festhält, hockt sein Kollege vor dessen Schritt, zieht die Haut über einem Hoden glatt und die Klinge darüber (der Kahlschlag nennt sich heute "Hollywood-Cut"). Als medizinischer Fachmann, der ein Leben lang gegen Krankheiten und Verletzungen gekämpft hatte, ermahnte Anchmahor die Barbiere auf einer Beschriftung zur Vorsicht: "Halte ihn und vermeide das Bestoßen seines Hodens". Im alten Ägypten galten Haare auf der Brust, unter den Achseln oder im Schambereich als "innere Ausscheidungen" und somit als unrein – die Menschen ekelten sich davor. Aber wenn man sich die Piktogramme in der Grabkammer genauer ansieht, scheint es, als sei der Akt der Rasur selbst schon ein erotischer Genuss gewesen.

Das Erste Mal ... Haut zeigen (1400 vor Christus)

Das Mädchen von Egtved war etwa 1,60 Meter groß, ihr braunes Haar trug sie an der Stirn und an den Seiten kurz, im Nacken etwas länger (der erste Vokuhila?). Die junge Frau liebte Schmuck. Es gefiel ihr offenbar genauso, den Männern den Kopf zu verdrehen. Ihr Lieblingskleid war ein Rock, der knapp über den Knien endete. Er bestand aus einzelnen feinen, senkrecht angeordneten Schnüren, die nur ein Gürtel an der Hüfte zusammenhielt. Wenn sie lief, wirbelten die dünnen Fäden des Rocks um ihre Schenkel und bei jedem Schritt blitzte ihre nackte Haut auf. Man weiß dies alles, weil das Mädchen von Egtved, wie Archäologen es nennen, vor über 3.400 Jahren in einem hohlen Baumstamm im heutigen Norddänemark in diesem knappen Outfit beerdigt wurde (Egtved heißt ein Ort in der Nähe der Grabstätte). Das Mikroklima in dem Bio-Sarg konservierte nicht nur ihr Skelett und die Grabbeigaben, sondern auch ihre Kleidung. An ihr hafteten Blütenpollen der Schafgarbe, die junge Frau starb also im Sommer. Es muss recht heiß gewesen sein, damals in Jütland.

Das Erste Mal ... SM-Sex (590 vor Christus)

Das Leben ist schön und der Tod kein Grund zur Trauer (wenn das Leben wirklich schön war). Die 16 Quadratmeter große Grabkammer, in der ein unbekannter etruskischer Edelmann 590 vor Christus bestattet wurde, zeugt von einem lustvollen Leben. Auf einer Wand sieht man zwei Faustkämpfer, auf einer anderen einen Tänzer und einen Trunkenbold. Und rechts vom Eingang spielt sich eine hemmungslose Liebesszene ab: Eine nackte Frau beugt sich verzückt nach vorne und präsentiert ihren Hintern einem nackten Mann, der eine Rute oder Peitsche in der Hand hält. Vor ihr steht ein zweiter Mann, er trägt Stoffquasten im Haar und ein Lächeln auf den Lippen. Die linke Hand hat er lässig in die Hüfte gestemmt, mit der rechten gibt er der Frau einen Klaps. Die Tomba della Fustigazione, das Grab der Züchtigung, ist die erste bildliche Darstellung von sadomasochistischem Sex. Die Tomba della Fustigazione war übrigens mit leuchtenden Farben verziert. Von wegen Fifty Shades of Grey.

Das Erste Mal ... Sexting (79 nach Christus)

"Wer dies schreibt, ist verliebt, wer es liest, wird in den Arsch gefickt, wer es hört, ist geil, von hinten kriegt es der, der vorbeigeht, die Bären mögen mich fressen, und ich, der dies lese, bin ein dicker Schwanz." Klare Ansage – und das gut leserlich auf einer 2.000 Jahre alten Fassade in der antiken Stadt Pompeji. Die Einwohner nutzten die Wände öffentlicher Bauwerke offenbar als eine Art Offline-Wall, auf die sie Mitteilungen an Freunde, Verse und Bonmots posteten (ritzten). Am 24. August 79 nach Christus brach der Vulkan Vesuv aus und bedeckte die Stadt unter einer gewaltigen Aschelawine. Die Asche tötete alle Einwohner, konservierte aber deren Graffiti-Botschaften. Pompeji erscheint als freizügige, lebenslustige Stadt, in der man seine Wünsche und Fantasien klar und deutlich kommunizierte: "Restituta, zieh deine Tunika aus / bitte zeige / deine haarige Möse", verlangte der eine, "Ich verbrachte die ganze Nacht mit der Wirtin, aber ich gestehe, dass ich dies mit einiger Schüchternheit schreibe", bekannte ein anderer. Vielleicht lag das auch daran, dass der brodelnde Vulkan die Stadt permanent mit dem Untergang bedrohte – und die Menschen das Leben in vollen Zügen genossen. Ein antiker Sexting-Profi variierte gar das berühmte Caesar-Zitat "Veni, Vidi, Vici" und kritzelte an die Wand: "Ich kam, bumste und ging danach nach Hause."