Ich verspottete die Leute, die nach dem Abi nicht zu Hause rauskamen, bis ich selbst aus der Provinz nach Dresden ging. Eine Woche später war ich am Ende.

An dem Tag, an dem ich zum Studieren nach Dresden zog, fühlte ich mich wahnsinnig erwachsen. Ich, das Nesthäkchen, ging ein halbes Jahr nach dem Abi weg, zog aus Bayreuth, der Provinz, weg in die große Stadt. Ich würde jetzt selbständig in einer WG wohnen und mein eigenes Leben aufbauen. Endlich würde ich auf Augenhöhe mit meinen Brüdern sein, die schon längst ausgezogen waren.

Eine Woche später war ich am Ende.

Auf einen Nervenzusammenbruch folgte ein Semester voller Tränen, Donnerstagabende im Zug nach Hause, Sonntagabende zurück nach Dresden. Obwohl ich wahnsinnig nette Leute traf, mein Freund auch in Dresden lebte, die Stadt wunderschön und die Uni super war – ich hasste mein Leben hier.

Wenn ich nachmittags nach der Uni nicht lethargisch vorm Fernseher saß, weinte ich, skypte mit Freunden oder rief meine Eltern an, um ihnen zu sagen, dass ich sie vermisste und sofort zu ihnen wollte.

Warum tat ich mich so schwer?

War nicht das Studium dazu da, sich weiterzuentwickeln? Neues auszuprobieren, Verrücktes zu erleben, die Geschichte eben, die man später Kindern und Enkeln erzählt? Warum tat ich mich so schwer damit?

So was kannte ich von mir gar nicht. Ich bin schon viel gereist, habe ein Jahr in Schweden gelebt, war in Südafrika, in Tansania, bin durch ganz Deutschland gefahren. Es war also nicht das erste Mal, dass ich richtig von zu Hause weg war.

Radikal beendete Kindheit

Aber der Umzug nach Dresden hatte mir gezeigt: Meine Kindheit war zu Ende, radikal beendet worden, bevor ich darauf gefasst war. Das erschreckte mich so sehr, dass ich nichts Gutes mehr darin sehen konnte.

Ich hatte in Dresden ein cooles Studentenleben erwartet, wovon meine Eltern immer erzählt hatten, und war nicht darauf vorbereitet, dass mir das nicht in der ersten Woche vor die Haustür gelegt wird. Aber ich war nicht mehr in der Lage, einfach anzufangen, mir ein Leben aufzubauen.

Mit den Unileuten, die ich seit zwei Wochen kannte, hatte ich noch keine Nacht durchzecht und Lösungen für alle Probleme dieser Welt diskutiert. Sie unternahmen locker-lässig ständig coole Sachen, während ich allein zu Hause saß.

Ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen, das mit der großen Welt nicht zurechtkam. Stattdessen wünschte ich mich nur noch zurück in mein altes, in gewohnten Bahnen laufendes Leben.

Mitte November (es fühlte sich an, als wäre das Semester schon drei Jahre lang) hatte meine Mutter plötzlich eine tröstende Idee: "Komm doch zurück nach Bayreuth, wenn es dir in Dresden so schlecht geht." Ich dachte: Ein einfacher Hochschulwechsel zum nächsten Semester und, Schwupps, ist alles gut.

Kniff ich vor der Herausforderung?

Dabei war ich doch eigentlich aus Bayreuth weggezogen, weil ich es für eine verschlafene Provinzstadt hielt. Die restlichen drei Monate des ersten Semesters fragte ich mich immer wieder: Wollte ich wirklich zurück? Kniff ich vor der Herausforderung, rauszukommen, so wie die Leute, die ich eigentlich immer verspottet hatte?

Wollte ich mich von meinen Brüdern noch mehr zu der Kleinen machen lassen, als sie es eh schon taten? Sollte ich nicht doch in Dresden bleiben, in der Stadt, die ich mir ausgesucht habe, dort die coole Studentin sein, die groß und erwachsen ist?

Zum Semesterende wollte ich schauen, wie es mir geht und dann entscheiden, ob ich wechsle oder nicht. Aber das Bild von mir, wieder auf der heimischen Couch bei meinen Eltern in den Armen – zurück in die Kindheit –, hatte sich schon in meinem Kopf festgesetzt.

Glücklich, trotz Zweifeln

Als das Semester zu Ende war, auch wenn der angehende Frühling in Dresden mich schon fast wieder verzaubert hatte, zog ich zurück zu meinen Eltern.

Seit mehr als einem Jahr studiere ich jetzt an der Uni Bayreuth Biologie und gebe immer noch ungern zu, dass ich aus Bayreuth stamme und sogar noch bei meinen Eltern wohne.

Tief in mir empfinde ich es wohl immer noch als Niederlage, denke, ich habe nicht geschafft, was jedes Jahr Tausende junge Leute schaffen.

Noch immer denke ich daran, wie schön ich es inzwischen in Dresden haben könnte – mein Freund lebt dort inzwischen genau das coole Studentenleben, von dem ich immer geträumt habe.

Aber trotz der Zweifel liebe ich mein Leben hier in Bayreuth.

Die neue Mutter-Vater-Tochter-WG

Denn meine Eltern und ich sind keine Mutter-Vater-Kind-Familie mehr. Wir sind jetzt eine Mutter-Vater-Tochter-WG, die so vertraut miteinander und eingespielt ist, dass es keine Streitereien darüber gibt, wer den Putzplan nicht eingehalten und wer das Salz aufgebraucht hat, ohne neues zu kaufen.

Ich bin nicht zurück in meine Kindheit gekommen, aber wer will das bei Lichte besehen auch schon mit 20 Jahren? Je länger ich über meinen Umzug nachdenke, desto klarer wird mir: Ich wollte ja nicht die pubertären Streits zurück, die Diskussionen um Hausaufgaben und Zimmer aufräumen, sondern ein gewohntes, behütetes Leben.

Aufgewachsen in Bayreuth, immer noch in Bayreuth

So ein Leben hat keine Altersbegrenzung. Meine Kindheit ist zwar unwiderruflich vorbei, aber ich bin endlich im Erwachsenenleben angekommen, auch wenn ich dafür erst wieder zu meinen Eltern ziehen musste.

Wenn ich sage: Hallo, ich bin Franziska, aufgewachsen in Bayreuth, immer noch in Bayreuth, dann klingt das vielleicht langweilig.

Aber gar nicht langweilig ist es, jederzeit den Familienvan nehmen zu können, wenn mal ein größeres Auto gebraucht wird. Und die hintersten Ecken dieser Stadt zu kennen, hier Tausende Bekannte oder ein Haus mit Garten zu haben, wo ich jederzeit zum Grillen einladen kann

Es ist bereichernd, abends mit meinen Eltern zu essen, mit ihnen Tatort anzuschauen, über Lokalpolitik zu diskutieren. Genauso bereichernd, wie ich mir mein cooles Studentenleben immer vorgestellt habe.

Bei den Eltern wohnen, heißt für mich nicht mehr, keine bessere Alternative zu haben, unaufgeschlossen und unselbständig zu sein. Wenn ich mit den Menschen zusammenwohne, die ich liebe und die mir jederzeit helfen können, habe ich doch viel mehr Zeit und Kapazität, mein freies, ungebundenes Leben als junge Studentin zu genießen.