19 Semester, für solche Zahlen wurde das Diplom eigentlich abgeschafft. Doch es gibt sie auch im Bachelor und Master. Über eine, die das Uniende hinauszögert.

Irgendwann kam sie doch, die Frage, vor der sich Tatjana gerne gedrückt hätte. Bis dahin lief für sie alles gut im Bewerbungsgespräch. Der Abteilungsleiter war erfreut, dass die Studentin bereits mit Gasturbinen gearbeitet hat. Dass sie nicht nur Pläne zeichnen, sondern als Ingenieurin in der Werkstatt arbeiten wollte. So eine Werkstudentin könne er gebrauchen. Doch dann fragte er unvermittelt nach Tatjanas Semesterzahl. "Zehn", antwortete sie – "im Master." Für Tatjana war in dem Moment klar: Es wird nichts mit der Karriere beim Triebwerkshersteller.

Tatjana ist Langzeitstudentin. In ihrem Master an der TU Berlin ist sie sechs Semester über der Regelstudienzeit. Rechnet man ihren Bachelor dazu, studiert Tatjana schon 19 Semester – vier Jahre länger, als Studierende in Deutschland im Schnitt bis zum Mastertitel brauchen.

Tatjana hat vorher kein anderes Fach studiert, hat weder den Studiengang gewechselt, noch ein Auslandssemester gemacht oder ein Kind zur Welt gebracht. Dennoch steht der 35-Jährigen noch die Abschlussarbeit bevor, genauso wie das Pflichtpraktikum. "Ich brauche mindestens noch zwei Semester," sagt die angehende Fahrzeugtechnikerin mit Blick auf das vergeigte Bewerbungsgespräch. Sie betont das Wort mindestens.

Warum wird sie nicht fertig?

Tatjana ist der Fall Student, den die deutschen Unis mit der Bologna-Reform aussterben lassen wollten: Bummel-Studenten werden sie genannt, jene, die jüngeren Jahrgängen die Plätze wegnehmen, die ziellos studieren und alle zwei Jahre ihren Studienwunsch revidieren. Die die Arbeitswelt scheuen und die Vorzüge des Studentenlebens nicht aufgeben wollen. Das Studium wurde verschult, die Studiendauer gestrafft: in der Regel auf maximal 5 Jahre bis zum Mastertitel. Wer überzieht, dem droht an vielen Unis die Exmatrikulation. Das Studienkorsett scheint zu wirken. Nach guten zehn Jahren Bachelor und Master in Deutschland ist die Studiendauer im Vergleich zu Diplom und Magister gesunken. Zwar schafften 2014 nur 40 Prozent der Absolventen ihr Studium in der Regelzeit. Vier von fünf Studierenden brauchten jedoch nur maximal zwei Semester länger als vorgesehen. Die Meisten studieren also deutlich kürzer als Tatjana. Warum wird sie nicht fertig?

Eine Antwort auf diese Frage findet sich im achten Stock des Hauptgebäudes der Technischen Universität Berlin. Ein langer Gang, roter Linoleumboden, auf beiden Seiten blaue Türen. Auf der Tür am letzten Raum des Ganges steht: Studentische Studienfachberatung. Darunter Tatjanas Name. Hier berät Tatjana andere TU-Studierende. Erstis, die die Räume nicht finden. Bachelor-Absolventen, die sich nach dem passenden Master erkundigen. Woche für Woche verbringt Tatjana in dem Schlauchzimmer mit Couch und Blick über Altmoabit 20 Stunden. Und das, seit sie die maximale Bafög-Förderdauer erreicht hat. Das war vor fünf Jahren.

"Seither komme ich zu nichts", klagt Tatjana. Die halbe Woche gehe dafür drauf, dass sie das Geld für Miete zusammenkratzt. 10,58 Euro zahlt ihr die Uni für die Beratung, im Monat kommt sie so auf 800 Euro. Wegen der günstigen Miete ist Tatjana weit in den Osten Berlins gezogen. Weit raus. Jeden Tag fährt sie die 18 Kilometer von ihrer Haustür bis zur TU – und spätabends wieder zurück. Zwei Stunden verbringt sie jeden Tag auf dem Rad – noch mehr Zeit, die ihr für das Studium fehlt.

Für die Masterarbeit habe sie noch überhaupt nicht recherchieren können, sagt Tatjana. Doch wer die schlanke Frau mit den hellen Augen und der heiseren Stimme länger spricht, kommt noch zu einem anderen Schluss. Nicht allein ihre finanzielle Situation verhindert, dass sie ihr Studium abschließt, sondern auch ihr Engagement am Campus: Fakultätsrat, Institutsrat, Studentischer Wahlvorstand, Zentraler Wahlvorstand, Frauenbeirat, Personalrat, diverse Hochschulgruppen.

Über die Jahre hat Tatjana, die in Weißrussland geboren und aufgewachsen ist, so ziemlich jedes Uni-Ehrenamt innegehabt. "In meiner Heimat gab es das gar nicht", sagt Tatjana, die noch ein Semester an einer weißrussischen Uni studierte, bevor sie mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Frontalunterricht und Anwesenheitspflicht, das verbindet sie mit dem dortigen Studium, Mitsprache und Partizipation mit dem an der TU Berlin.

Die Vorstellung, bei sämtlichen Unibelangen mitreden zu dürfen, fasziniert sie heute – nach 13 Jahren in Deutschland und bald zehn Jahren als Studentin – immer noch derart, dass sie zu keinem Amt nein sagen kann. Sie dürfte wohl eine der wenigen Mitglieder im Frauenbeirat an einer deutschen Uni sein, die gegenderte Sprache für Blödsinn hält. Dabei ist Tatjana mehr als nur eine "Gremientante", wie sie es nennt. Sie liebt durchaus das Praktische.