Sich Sorgen machen, wenn er sein Essen nicht isst. Aufwachen, weil er dir Hundefutteratem ins Gesicht haucht. Unsere Autorin will dank Henri erwachsen werden.

Als ich Menschen, die ich für Erwachsene halte, fragte, was sie reif gemacht hat, sagten die meisten: Kinder.

"Niemand ist ein ausgewachsener Mensch, bevor er sich nicht um jemand anderen kümmert als um sich selbst", sagte meine Tante. "Nichts bringt einen schneller dazu, aufzuhören um seinen Nabel zu kreisen, wenn jemand von dir abhängt, der noch nicht für sich sorgen kann", sagte die Mutter eines Schulfreundes, auf die ich große Stück halte. "Verantwortung für andere lässt dich die Welt durch andere Augen sehen", sagte meine ehemalige Grundschullehrerin.

Ein Kind für Kolumnenzwecke zu bekommen, ginge schon aus Zeitgründen nicht. Auch wollte mir niemand ein Baby leihen. Das Nächstbeste war ein Hund. Ich möchte keinem Elternteil nahetreten, indem ich Babys mit Hunden vergleiche. Aber um das Gefühl zu testen, dass jemand von mir abhängt, eignete er sich durchaus: Henri braucht Assistenz beim Geschäftmachen und Essen, und kann keine Sekunde allein bleiben.

Henris Besitzer ist bei der Hundeübergabe tatsächlich so feierlich, als würde er mir sein Kind anvertrauen. Der Inhalt von Henris Übernachtungsbeutel sieht aus, als würde Henri für den Rest seines Lebens bleiben: seine Schafdecke, der Leckerlibeutel, ein Handtuch, ein angesabberter Kuschelwaschbär, und, ach ja, die Kacktüten.

Henri ist ein schlaues, nervöses Kerlchen, eine Mischung aus einem Schäferhund und einem Jack Russel. Als wir nach der letzten Hundegebrauchsanweisung allein sind, folgt die erste Lektion im Austarieren von Bedürfniskonflikten. Ich muss noch arbeiten – Henri will raus, fliegende Plastiktüten jagen und Jogger anbellen. Ich will Henri an der Leine führen, Henri will die Oberhand in unserem Hund-Mensch-Gespann. Ich will aufs Klo – er sitzt vor der Tür und winselt. Das ist Henris größte Macke: Er braucht immer, immer eine Bezugsperson in der unmittelbaren Nähe.

Morgens aus dem Bett zu steigen, um jemanden beim Kacken zuzugucken, bringt dir tatsächlich Demut bei.

Abends gehen wir eine große Runde am Landwehrkanal, Henri führt. Ich verstehe plötzlich den Satz meiner Grundschullehrerin. Verantwortung für Henri lässt mich tatsächlich die Welt durch andere Augen sehen: Der Müll auf der Straße, an den ich mich gewöhnt habe und für den sich Henri ganz dringend interessiert – was ist, wenn er einen Kronkorken frisst und daran erstickt? Der Schutt an der Baustelle, der auf ihn drauf fallen könnte. Andere Hundemenschen, die mich vorher nicht bemerkten, sagen jetzt enthusiastisch Hallo und geben Tipps. "Er geht dir schon nicht kaputt", sagt eine Frau mit Dogge. "Alles was sie brauchen ist Auslauf, Liebe und ruhige, durchsetzungsfähige Rudelführer."

Wieder zu Hause fange ich an, die Kolumne über Henri zu schreiben, Henri verleiht dieser etwas mehr Handlung und versucht, einen Stöckelschuh zu essen. Als ich ins Bett will, muss ich üben, Grenzen zu ziehen. Meine Grenze verläuft an der Bettkante, die Henri unbedingt überschreiten will. Ich versuche, die durchsetzungsfähige Rudelführerin zu sein. Letztendlich legt sich Henri neben das Bett, aber ich muss eine Hand von der Kante baumeln lassen, damit er schlafen kann.

Mir ist schon klar, dass sich schon Fünfjährige um Tiere kümmern können. Aber Henri hat mir tatsächlich etwas beigebracht. Bis jetzt drehte sich die Erwachsenheitsfrage nur um mich selbst: Rechnungen zahlen, sich selbst ernst nehmen, endlich in einer Wohnung ankommen. Aber vielleicht gehört zum Erwachsenwerden vor allem, dass man sich außerhalb seines eigenen Universums umschaut: sich Sorgen machen, wenn ein Lebewesen sein Essen nicht gegessen hat. Nachts aufstehen, um zu schauen ob es immer noch da ist und atmet. Aufwachen, weil dir jemand Hundefutteratem ins Gesicht haucht und raus will. Ich hätte es vorher nicht gedacht, aber morgens aus dem Bett zu steigen, um jemanden beim Kacken zuzugucken, bringt dir tatsächlich Demut bei.

Verantwortung für ein Wesen zu übernehmen, ließ mich gleichzeitig älter und jünger fühlen. Älter, weil es mich zwang, geduldiger, zuverlässiger und flexibler in eigenen Wünschen zu sein. Jünger, weil es ein neues Kapitel aufschlug. Mich in Situationen katapultierte, in denen mir bewusst wurde, wie wenig ich weiß. Aber vielleicht ist Erwachsensein auch das: zu verstehen, dass man niemals ein fertiger Mensch sein wird, und trotzdem ein Großer für jemand anderen sein.