Nach der Ohnmacht kam der Trotz. Ich hielt Vorträge, schrieb ein Buch, um Freiwillige zu sensibilisieren, leitete Reisen, um jungen Menschen aus Europa Afrika näherzubringen. Ich arbeitete in der medizinischen Flüchtlingshilfe, studierte Medizin, gab Seminare zu Antirassismus und bildete mich weiter.

Ich lebte für den Traum einer gerechten Welt. Oder wenigstens den einer gerechteren Umgebung. Ich träumte davon, dass Menschen meine Kritik an Rassismus verstehen würden. Dass die Leute auf der Straße netter zueinander sein würden. Dass Menschen sich Gedanken machten, was sie kaufen. Dass die Klinik, in der ich arbeitete, Geflüchtete einfach mal ohne Diskussion behandeln würde.

Eine ohnmächtige Routine

Davon, dass der Traum in Erfüllung gehen könnte. Meine Ohnmacht wich vorsichtigem Optimismus. Das war vor drei Jahren. Inzwischen ist aus dem Optimismus ein Kampf geworden. Ein Kampf, der ohnmächtige Routine ist.

Obwohl ich Seminar für Seminar gebe, Diskussion um Diskussion führe, werden mir in der Uni immer noch "Rassenkonzepte" beigebracht, machen Chefärzte immer noch rassistische Kommentare über Patienten und Patientinnen, die kaum jemanden stören. Inzwischen stehen fast täglich Unterkünfte für Geflüchtete in Flammen. Menschen meines Alters gehen gegen Geflüchtete auf die Straße. Die AfD erreicht zweistellige Ergebnisse bei Landtagswahlen.

Waffenexporte steigen. Trump wird Präsidentschaftskandidat. In den USA kämpft wieder Schwarz gegen Weiß, Weiß gegen Schwarz. Paris, Brüssel, Istanbul, Orlando, Nizza, Würzburg. Irak, Iran, Syrien, Mexiko, Kolumbien, Somalia, Kenia, Libyen, Nigeria, Mali, Afghanistan. Mittelmeer, Balkanroute, Ägäis.

Ich habe das Ruder in der Hand

Und ich? Möchte mich nicht beklagen. Ich bin zwar eine Frau, aber ich habe Glück: Ich bin weiß und deutsch. Studentin. Ich kann mich nicht beschweren über das Leben, das ich führe.

Denn ich, die weiße, gebildete Europäerin, bin eine von denen, die das Ruder in der Hand haben. Wir haben die Kraft und die Möglichkeiten, unsere Welt besser zu machen.

Ich will nicht dazugehören zu den erschöpften, ohnmächtigen Menschen, die den Hass geschehen lassen. Deshalb lächle ich in der Bahn. Quatsche mit älteren Menschen beim Bäcker. Gendere auf meinen eigenen Notizzetteln. Diskutiere noch immer über Rassismus. Wieder und wieder und wieder. Wenn ich einen mutigen Tag habe, sogar mit Chefärzten.