Sie weiß nicht mal, um wie viel ihr Lohn gerade erhöht wurde. Als 20-Jährige verdient sie mehr als ihr Vater, der 30 Jahre geschuftet hat. Das ist ungerecht, sagt sie.

Name: Anonym
Alter: 20
Position: Personalassistentin
Branche: Automobilbranche
Unternehmensgröße: Mehr als 100.000 Mitarbeiter weltweit

Ich habe Freunde, die müssen jeden Tag Menschen reanimieren, verletzte Kinder retten und Angehörige vom Tod ihrer Liebsten berichten. Sie wissen, dass ihre Arbeit notwendig ist. Ihre Ängste und Erschöpfung stellen sie zurück, weil es um Menschenleben geht. Dabei nehmen sie in Kauf, dass sie im Krankenhaus zahlreiche Überstunden schieben müssen, um irgendwie ihre Miete und ihr Auto bezahlen zu können.

Ich dagegen sitze sieben Stunden am Tag am PC, gönne mir zwischendurch einen Kaffee und gehe gerne mal früher nach Hause. Oder arbeite gleich von zu Hause aus. Schon mit 19 Jahren verdiente ich mit meinem Bürojob mehr Geld als mein Vater, dessen Knie nach 30 Jahren Baustelle nicht mehr zu gebrauchen sind.

Das Gehaltgefälle zwischen mir und meinen Freunden empfinde ich als ungerecht. Ich schwimme im Geld. Ich weiß nicht mal, wie viel ich diesen Monat verdienen werde. Es wird der erste Monat nach meiner Gehaltserhöhung sein. Das ist schon die zweite in den anderthalb Jahren, die ich bislang als Personalassistentin bei einem großen Unternehmen der Automobilbranche arbeite.

Bei dem Unternehmen hatte ich nach meinem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation absolviert. Ohne Probleme wurde ich danach übernommen. Mein erstes Gehalt nach der Ausbildung betrug insgesamt 3.300 Euro brutto. Davon blieben nach Abzug von Lohnsteuer und Versicherungen knapp 2.100 Euro netto.

Warum das so viel war? Die Löhne sind mit einem Tarifvertrag geregelt. Dazu kommt eine übertarifliche Zulage von meiner Firma. Und weil ich mich neben meiner Ausbildung noch zusatzqualifizierte, konnte ich meinen Job mit einem höheren Gehalt als üblich beginnen.

Meine Aufgabe als Personalassistentin ist es, für eine gute Betreuung der Mitarbeiter zu sorgen. Ich assistiere bei der Vorbereitung zu Bewerbungsgesprächen, dokumentiere Personalakten und kümmere mich um Dinge wie Urlaubsansprüche oder Kündigungen. Zudem helfe ich beispielsweise dabei, Fortbildungen für Führungskräfte zu organisieren.

Nach sechs Monaten gab es die erste Leistungsbeurteilung von meinem Chef. Diese Beurteilungen finden für alle Mitarbeiter in festen Zeitabständen statt. Wer gute Arbeit liefert, wird entsprechend belohnt. Theoretisch könnten unsere Vorgesetzten auch Löhne senken, wenn sie unzufrieden sind. Das kommt aber so gut wie nie vor. Das ist die Kultur in unserem Unternehmen: Es geht immer nur nach oben. Nach meiner ersten Leistungsbeurteilung erhielt ich 300 Euro mehr Gehalt.

Manche Kollegen beschweren sich über ihr Gehalt, obwohl sie noch deutlich mehr verdienen als ich. Teilweise kann ich das verstehen. Schließlich benötigen sie auch mehr Geld als ich. Denn ich habe keine Kinder und wohne noch zu Hause. Meine größte Ausgabe ist das Benzingeld. Trotzdem, das Gehalt in dieser Branche ist hoch, mein Unternehmen der großzügigste Arbeitgeber der Region. Wer meint, er müsste mit dem neuen Luxusauto zur Arbeit fahren und sich über seinen angeblich so niedrigen Lohn aufregen, sollte mal einen meiner Freunde kennenlernen.

Mein Vater hat vier Kinder großgezogen und sein Leben auf dem Bau verbracht. Er sollte mehr Geld verdienen als ich.

Ich freue mich natürlich, dass ich von meinem Lohn gut leben kann. Dennoch kann ich meinen Eltern keine Erklärung bieten, wenn sie fragen, warum ich mit 20 Jahren am meisten in der Familie verdiene. Mein Vater hat vier Kinder großgezogen und sein Leben auf dem Bau verbracht. Er sollte mehr Geld verdienen als ich.

In meiner Familie hat keiner einen akademischen Abschluss. Vielleicht werde ich die Erste. Viel von dem Geld, das ich verdiene, spare ich für ein mögliches Studium. Ich möchte mein Abitur nachholen und könnte mir vorstellen, in ein paar Jahren etwas ganz Neues zu beginnen. Politikwissenschaften finde ich interessant. Mein Vorgesetzter in meiner Firma unterstützt mich übrigens bei dem Vorhaben.