Mein patriarchales Weißwürstchen­fest

Als Studentin las ich Texte, die fast alle weiß, männlich, hetero und christlich waren. Als Dozentin wollte ich es anders machen. Warum ich daran zunächst scheiterte.

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Ich wollte nie jemand sein, der keinen inklusiven Lehrplan hat. Ich bin so eine von der linksüberdrehten Hippiesorte: pro Queer, pro Gleichberechtigung, anti Rassismus, anti Diskriminierung, anti Antisemitismus, anti Kolonialismus und sowieso anti alles Schlechte und pro alles Gute. Es hat mich also immer gestört, dass die Lehrpläne der Seminare, die ich als Studentin besuchte, fast ausschließlich weiß, männlich, hetero und christlich waren. Ich wollte es anders machen.

Bis ich dann meinen ersten Lehrplan schrieb. Ich war unerfahren, nervös und spät dran. Ich musste mich gleichzeitig auf eine wichtige Prüfung und einen Konferenzbeitrag vorbereiten. Mit meiner Doktorarbeit war ich in Verzug. Und dann musste ich auch noch einen Aufsatz für eine wissenschaftliche Fachzeitschrift schreiben.

Was machst du, wenn du nervös bist und unter Druck stehst? Du verlässt dich auf das, was du kennst. Um keine Fehler zu machen, habe ich die Texte unterrichtet, die ich als Studentin kennengelernt habe und hatte plötzlich genau den Lehrplan, den ich nie wollte: ein heterosexuelles, patriarchales Weißwürstchenfest. Zu dem Zeitpunkt habe ich das noch nicht mal gemerkt. Ich war sogar ganz stolz auf meinen Lehrplan, weil ich einen Text von George Eliot und einen von Oscar Wilde unterbringen konnte – einem schwulen, weißen Mann und einer heterosexuellen, weißen Frau, die unter einem männlichen Pseudonym schrieb.

Du musst gar kein Rassist, Sexist oder Schwulenhasser sein, um einen diskriminierenden Lehrplan zu erstellen.

Also war mein Lehrplan gar nicht ausschließlich männlich oder ausschließlich heterosexuell. Er war jedoch immer noch ausschließlich weiß, aber das hat keiner gemerkt (außer mir und das auch erst im Rückblick).

Warum war mein Lehrplan so weiß?

Die einfache Antwort ist: weil es einfach war. Das habe ich als Studentin nie verstanden. Dass meine Dozenten mir nicht diesen rein weißen, rein männlichen, rein heterosexuellen Lehrplan präsentierten, weil sie böse Menschen waren, sondern weil sie viel zu tun hatten. Wenn du zu viele Seminare halten, Essays schreiben, Fördergelder beantragen, vielleicht noch einen Partner und Kinder versorgen musst und dich Geldsorgen quälen, dann machst du eben, was alle anderen auch machen: Das, was dir beigebracht wurde.

Du musst gar kein Rassist, Sexist oder Schwulenhasser sein, um einen diskriminierenden Lehrplan zu erstellen. Es reicht schon, dass es deine Lehrer oder deren Lehrer oder die Lehrer dieser Lehrer waren. Unter Druck wiederholt sich der Status quo. Wie ein weißer Mann angeblich einmal sagte: "Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun." Für den Triumph der Diskriminierung reicht es, wenn gleichberechtigungsliebende Menschen faul oder überarbeitet sind.

Wie lösen wir das Problem?

Die einfache Antwort ist: Studiere ein Fach, das niemanden ausschließt oder sich das zumindest auf die Fahnen geschrieben hat. Wenn ich Gender Studies, Queertheorie oder postkoloniale Literatur studiert hätte, hätte ich diese Probleme jetzt gar nicht. Wenn der Lehrplan, der mein Studium bestimmte, mit einem Fokus auf Außenseiter entworfen worden wäre, könnte ich jetzt auf diesen Schatz an Vielfalt zurückgreifen.

Ja, manchmal bereue ich, dass ich nicht einfach etwas studiert habe, das mir politisch nähersteht. Langsam bewege ich mich in diese Richtung, teilweise dank meiner Studenten: Ich hatte das große Glück, jemanden, der maorische Literatur studiert, in Schreibtechnik zu unterrichten und zwei Studenten zu begleiten, die zum Thema Gendermetamorphosen in der Literatur forschen.

Aber die Wahrheit ist, dass mein akademischer Weg zum Herzstück des Patriarchats kein Fehler war, sondern das Ergebnis einer Entscheidung. Ich arbeite an der Schnittstelle von Viktorianischer Literatur, Philosophie und Theologie. Ich hätte wirklich kein weißeres, mehr von Männern dominiertes Feld finden können, selbst wenn ich es versucht hätte. Und vielleicht habe ich genau das gemacht. Vielleicht wurde ich davon angezogen, dass meine Identität nie ganz in mein Feld gepasst hat. Ich bin eine deutsche jüdische Atheistin, die zum Viktorianischen Hochanglikanismus forscht. Und ich liebe es. Philosophie und Theologie passen zu der streng logischen Art, nach der mein Gehirn funktioniert. Und es kann sich extrem subversiv anfühlen, dieses traditionell männlich besetzte Königreich der Logik zu beherrschen und aufzumischen.

Fürs Erste lese ich lieber weiter

Nein, die Erkenntnis, dass meine akademische Erziehung und meine Fachwahl dazu geführt haben, dass ich ganz automatisch nichtinklusive Lektürelisten verfasse, hat mich nicht dazu bewegt, mein Interesse an Theologie und Philosophie für farbenreichere Fächer wie postkoloniale Literatur oder Gender Studies aufzugeben. Stattdessen versuche ich noch mehr, ein Regenbogenleuchtturm der Inklusivität in dieser homogenen, weißen Heterowüste zu sein. Dieses Semester unterrichte ich ein Seminar mit dem Thema "Philosophie und der Ideenroman". Es könnte mich nur zehn Sekunden kosten, eine Lektüreliste zu erstellen. Da stünde dann drauf: Goethe, Voltaire, Carlyle, Froude, Dostojẹwski, Sartre, Nietzsche. Das Seminar vorzubereiten würde auch nur wenige Stunden dauern, weil ich diese Jungs und ihre Texte in- und auswendig kenne. Und es wäre sicher auch noch ein gutes Seminar. Anregend, interessant, herausfordernd – alles, außer inklusiv oder divers.

Hier fängt die echte Arbeit an. Es ist eine Herausforderung, Autoren zu finden, die die Ideen und Diversität vertreten, die meinem Lehrplan fehlten. Also habe ich meine Freunde gefragt, die postkoloniale Literatur oder Queer Studies studieren und habe die Schwarmintelligenz von Facebook genutzt. Aus all dem wurde eine lange Liste von Werken, die ich noch nie gehört hatte oder zumindest noch nicht gelesen. Und gleichzeitig wurden so aus ein paar Stunden Vorbereitung mehrere Wochen zusätzlichen (unbezahlten) Lesens – Zeit, die ich gut für meine Doktorarbeit hätte nutzen können.  Aber am Ende hatte ich eine Lektüreliste, auf der eben auch Texte stehen wie die folgenden: Invisible Man von Ralph Ellison, The Just City von Jo Walton und The Sailor who fell from Grace with the Sea von Yukio Mishima.

Kann ich mir all diese unbezahlte Arbeit noch leisten, wenn ich erst einmal die volle Wucht akademischer Arbeit in Zeiten der Sparprogramme ertragen muss?

Am Anfang war ich besorgt, dass ich den streng philosophischen Pool etwas verwässern würde, aber so war es nicht! Im Gegenteil, Mishimas Sailor ist mindestens so verblüffend wie jedes andere Buch, das ursprünglich auf meiner Liste stand. Und Jo Walton hat fantastische Ideen, auf die keiner der Männer auf meiner alten Liste gekommen wäre, gerade weil Walton den Kampf um Gleichberechtigung selbst erfahren hat.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Geschichte ein gutes Ende hat. Bis hierhin ja. Aber was passiert, wenn ich statt einer Handvoll Seminare im Jahr eine volle Dozentenstelle habe? Kann ich mir all diese unbezahlte Arbeit noch leisten, wenn ich erst einmal die volle Wucht akademischer Arbeit in Zeiten der Sparprogramme ertragen muss? Mit all den Überstunden, die dazukommen? Schon jetzt frage ich mich, ob ich mit den vielen Stunden unbezahlter Vorbereitung unabsichtlich die kapitalistische Kultur der Überstunden unterstütze und rechtfertige.

Aber dieses ethische Rätsel hebe ich mir für einen späteren Tag auf. Fürs Erste lese ich lieber weiter: Toni Morrison, John Jacob Thomas, Chimamanda Ngozi Adichie und Radclyffe Hall. Und erweitere so meinen Vorrat an nichtweißen, nichtmännlichen, nichtheterosexuellen Autoren für den Tag, an dem ich mal wieder einen Lehrplan in nur wenigen Stunden schreiben muss. Manchmal muss man eben ein paar Überstunden machen, um "den Mann" und seine heterosexuellen, weißen Brüder in die Schranken zu weisen.

Ich freue mich über Verbesserungen, Vorschläge und Ergänzungen. Inklusivität ist schließlich ein Prozess und kein fester Zustand. Also sagt mir: Was kann ich besser machen?

Anmerkung, 22. August: Aufgrund eines Leserhinweises haben wir einen Übersetzungsfehler behoben und "Geschlechtsumwandlung" durch "Gendermetamorphosen" ersetzt.