Tausende Studenten kommen jeden Sommer aus Osteuropa, um in Deutschland Burger zu braten oder den Abwasch zu machen. Simonas Traum vom großen Geld erfüllte sich nicht.

Dieser Tag im Januar 2015 ist so grau wie der Betonklotz, in dem Simona Zlatanova mit ihren Freunden sitzt und den Abend mit Bier ausklingen lässt. Sie wohnt im Goce Delčev, dem größten Studentenwohnheim Mazedoniens, das in der Hauptstadt Skopje liegt und als das ekelhafteste Studentenwohnheim Europas verschrien ist. Tapeten schälen sich von den feuchten Wänden, der Strom fällt aus, Fahrstühle stürzen ab. Simona sitzt auf dem Bett eines Kommilitonen. Zwei Studenten teilen sich den elf Quadratmeter großen Raum. Gelber Isolierschaum quillt aus den Fensterrahmen, die Wände sind fleckig, der Herd kaputt. Aber die Stimmung ist gut, einer spielt Gitarre, es wird gesungen.

Simona ist 21 Jahre alt und wenn sie lacht, bilden sich Grübchen in ihren Wangen. Sie ist zierlich, hat lange braune Haare und Sommersprossen auf den Wangen. Ihr Vater habe ihr gesagt, sie sei gut in Mathe, erzählt sie, Informatik sei doch ein Fach mit Zukunft. Deshalb studiert sie jetzt Informatik.

Simonas Vater verlädt in einer Firma Fleisch, sein Job ist unsicher. Ihre Mutter näht in einer Textilfabrik. Zusammen verdienen sie etwa 420 Euro im Monat. Wenn es um ihre Zukunft geht, wird Simona nachdenklich: "Ich habe keine großen Träume", sagt sie. "Nur einen Job zu finden, der mich aus diesem Scheißloch rausbringt."

In Deutschland gibt es Geld, erzählt ihre Freundin Blagica, die neben ihr sitzt. Vor zwei Jahren war sie im Sommer dort, wie es viele machen. Blagica hat in einem Kaufhaus Klamotten gefaltet und viel verdient: Damals gab es 7,50 Euro die Stunde. Jetzt, sagt sie, gebe es ja noch mehr, Mindestlohn 8,50 Euro.

10.000 Studierende aus Nicht-EU-Ländern dürfen laut der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) pro Jahr in Deutschland arbeiten. Während der Semesterferien im Sommer braten sie Hamburger in Buxtehude oder räumen in Hohenschwangau Tische ab. Weil ihre Heimatländer nicht zur Europäischen Union gehören, brauchen sie eine Arbeitserlaubnis. Die ZAV vergibt die Zulassung und vermittelt selber oder zusammen mit privaten Agenturen die Arbeitsstelle. Agenturen werben in den Wohnheimen mit Flyern und Plakaten für das Arbeiten in Deutschland. Mit einer Agentur, so heißt es unter den Studenten, sei die Chance höher, erfolgreich vermittelt zu werden. Die deutschen Arbeitgeber bezahlen die Agenturen ebenfalls für die Vermittlung.

Mit 150 Stunden monatlich, wie es in den Konditionen heißt, würde Simona in einem Monat mehr als doppelt so viel verdienen wie ihre Eltern in Mazedonien zusammen: etwa 1.300 Euro brutto. Von den zwei Monaten, die sie in Deutschland arbeitet, könnte sie dann ein Jahr lang ihr Studium und die Lebenshaltungskosten in Mazedonien finanzieren.

Sieben Monate später, im August 2015, sitzt Simona im Schneidersitz auf dem Fußboden und schneidet mit einer Schere rote und gelbe Schnipsel aus Penny-Katalogen. Sie möchte einen Drachen in den Farben der Mazedonischen Flagge bauen, um ihn an der Ostsee fliegen zu lassen. Eigentlich sollte sie jetzt im Restaurant ein Stockwerk unter ihr Fischbrötchen belegen, Tische abräumen, Kartoffeln schälen. Aber Simona hat nichts zu tun. Dabei heißt es in den Dokumenten der Agentur, dass es sich um eine Vollzeit-Arbeit mit durchschnittlich 150 Stunden pro Monat handelt.

© Maximilian von Lachner für ZEIT CAMPUS

Anfangs, im Juli, habe sie noch Arbeit bekommen, sagt Simona. Irgendwann saß sie dann vor allem auf einer Getränkekiste hinter dem Restaurant und schälte Kartoffeln. Und dann sei sie immer öfter nach ein paar Stunden heimgeschickt worden. Sie neigt ihren Kopf, niemand soll die Tränen in ihren Augen sehen. "Wenn sie wollen, dass ich vorne im Restaurant die Tische abräume, dann arbeite ich vorne. Wenn sie wollen, dass ich hinten in der Küche arbeite, dann arbeite ich hinten, und wenn sie mich nach Hause schicken wollen, dann schicken sie mich nach Hause." Ihre Stimme zittert. "Ich bin wie eine Puppe für sie."

© Maximilian von Lachner für ZEIT CAMPUS

200 Euro hat sie einer mazedonischen Agentur gezahlt, die sie zusammen mit einer deutschen Agentur an das Fischrestaurant vermittelt hat. Dazu kamen Flüge und Versicherung. Rund 150 Euro Miete pro Monat zahlt Simona für ihren Schlafplatz in einem von zwei Sechs-Bett-Zimmern über dem Fischrestaurant an der Ostsee. Die Miete wird direkt vom Lohn abgezogen. Bei den zwölf Studentinnen macht das rund 1.800 Euro an Mieteinnahmen pro Monat.

Morgens machen sich die anderen Studentinnen für ihre Schicht fertig. Elf Mädchen aus Mazedonien, Kirgistan, Polen und der Ukraine leben hier, auch Simonas Freundinnen Blagica und Elena sind da. Englische Wortfetzen fliegen durch die Luft. In der Küche brät ein Mädchen aus Kirgisistan Champignons fürs Mittagessen. An der Tür zum Badezimmer hängt ein Plan, auf dem steht, dass morgens nicht länger als zehn Minuten geduscht werden darf. Wer sich nicht dran hält, muss Reinigungsmittel bezahlen oder etwas Süßes kaufen.