Morgens stürmen wir die Bibliothek, kloppen uns nicht um Kleidung, sondern um Bildung. Möglichst billig soll die sein, aber für den Moment hübsch anzusehen.

Es ist 9.50 Uhr, vor mir eine Menschenmasse. Punkt zehn öffnet sich die Tür, der Schwarm rennt, stürzt ins Gebäude. Schaulustige filmen die Szene mit ihrem Handy.

Nein, hier wird kein neuer Primark eröffnet, der von Tausenden Teenies gestürmt wird, die die neuesten Billigklamotten kaufen wollen. Es ist ein Sonntag mitten in der Klausurenphase und hundert Studenten kämpfen mit mir um die Arbeitsplätze in der Bibliothek.

Unser Kennzeichen ist nicht die braune Papiertüte, wir tragen die durchsichtigen Plastikbeutel der Bib.

Eine Freundin hat mir vor Kurzem ein Video geschickt. Es ist nur 16 Sekunden lang. Zwei Jungs prügeln sich um einen Arbeitsplatz in der Bibliothek, am Ende fliegt ein Laptop durch die Luft, das Sicherheitspersonal kommt. Wut, Verbissenheit, Aggression. Warum?

Wir Primark-Studenten kloppen uns nicht um Kleidung, sondern um Bildung. Wir brauchen möglichst viel davon, so billig wie möglich, trotzdem hübsch im Lebenslauf anzusehen.

Hashtag #biblife. Hallo, ich bin dabei.

Da ist die Angst, dass wir durchfallen, nicht gut genug sind, mit Lücken zurückbleiben. Zwischen Studienverlaufsplänen, Pflichtpraktika und Auslandssemester ist keine Zeit zum Innehalten, zum Durchatmen, zum Versagen. Selbst das Bafög wird nur für die Regelstudienzeit gezahlt. Wir müssen es jetzt und sofort schaffen. Wir haben keine Zeit, auf den Sitzplatz in der Bibliothek zu warten. Das einzige Risiko, das ich in meinem Studium eingehe, ist das Bezahlen in der Mensa. Ich bin mir nie sicher, genug Geld auf der Karte zu haben. Sonst ist alles durchgeplant.

Machen wir das alle so? Bin nur ich das? Übertreibe ich? Aber dann sehe ich euch. Ihr, die ihr mit mir vor der Bibliothek steht, nervös auf die Uhr schaut, schubst und drängelt. Und in dem Moment weiß ich: Es gibt ein Wir. Und wir sind viele.

Wenn meine Freunde morgens schreiben, sie gehen in die Bib, springe ich sofort auf, weil ich dabei sein will, wenn beim Mittagessen die Klausurschwerpunkte diskutiert werden.

Wenn ich bei Snapchat die ganzen Bib-Bilder sehe, fühle ich mich faul. Hashtag #biblife. Hallo, ich bin dabei.

In der Bibliothek zu sitzen war natürlich schon immer Trend. Seit Jahrhunderten ist sie der Inbegriff der Bildung, die Verkörperung des Studiums – ein aktives Tun. Auf Zehenspitzen durch die Bibliotheksgänge schreiten, sich ehrfürchtig den Autoren nähern, Bücher bewusst aus den Regalen ziehen und sie (wortwörtlich!) studieren. Der letzte Ort der traditionellen Uni.

Damit nur wir, wir, wir die Bücher haben.

Und jetzt? Wir sind immer noch hier, aber nicht wegen des Humboldtschen Bildungsideals. Entweder wir ignorieren die Werke der Bibliothek, weil wir nur auf Skripte, Karteikarten und Laptops starren. Das geht vor Klausuren einfach schneller. Oder aber es ist Hausarbeitszeit. Dann sprinten wir zu Regalen, krallen uns möglichst viele Bücher, bevor sie jemand anders nimmt, bunkern sie den ganzen Tag auf unseren Tischen. Damit nur wir, wir, wir sie haben.