Den Zugang zum Studium schaffen fast nur Akademikerkinder, die künftigen Ärzte Deutschlands sind alles andere als divers. Das kann für Patienten sogar gefährlich werden.

Aktualisierung: Mittlerweile hat das Bundesverfassungsgericht den NC in Teilen für verfassungswidrig erklärt.

Ein Mann in zerschlissenen Hosen flucht lauthals wirres Zeug über den Innenhof, eine arabische Familie mit Kinderwagen zieht schnell an ihm vorüber. Türkisch sprechende Kinder rennen an einer Bank vorbei, auf der rauchend ein junger Mann mit eingegipstem Bein sitzt. Das Virchow-Klinikum der Charité steht mitten im Berliner Wedding. In einem Gebäude mit Glasdach sitzen drei Dutzend Medizinstudenten. Aufmerksam lauschen sie und machen dabei fleißig Notizen. Die Kleidung und der Scheitel sitzen gut, fast nur weiße Haut, keine Kopftücher.

Und so wird mir mitten im Hörsaal einmal mehr klar: Das Leben, das wir, also die zukünftigen Ärzte Deutschlands, führen, ist ein ganz anderes als das unserer Patienten. Das deutsche Medizinstudium ist nicht divers genug.

Houda Hallal hat dazu gerade ein Buch geschrieben. Zur Diversität zählt sie den sozioökonomischen Status, die Ethnie, Nationalität oder sexuelle Orientierung. Sie schließe auch verschiedene Normen und Werte mit ein, erklärt Hallal, die an der Medizinischen Fakultät der Uni Köln lehrt und forscht. Sie fordert, dass Diversität zu einem beherrschenden Thema im Studium wird. Während Deutschland als Einwanderungsland und liberale Demokratie logischerweise divers ist, sind es seine Medizinstudenten nicht. Das macht Probleme.

Der mächtige NC

Die beginnen bei der Zulassung zum Studium. Das Studentenwerk befragt alle paar Jahre Studierende, aus welchen Verhältnissen sie stammen. Dort zeigt sich immer wieder, dass viel mehr Akademiker- als Arbeiterkinder studieren. Und zwar insbesondere in der Medizin: Während immerhin die Hälfte der Sozialwissenschaftler eine niedrige oder mittlere Bildungsherkunft hat, sind es bei den zukünftigen Ärzten nur 30 Prozent.

Ein mächtiger Grund ist der Numerus Clausus. Arbeiterkinder holen nur langsam auf, was ihnen ihre Eltern nicht an Bildung mitgeben konnten – bis zum Abitur haben sie oft noch nicht zu den Akademikerkindern aufgeschlossen. Nebenbei werden so auch Migranten ausgesiebt, denn sie haben viermal so oft eine niedrige Bildungsherkunft wie ihre Kommilitonen ohne Migrationshintergrund.

Und selbst bei denen, deren Werte und Ansichten über die ärztliche Rolle, Krankheit und den Umgang mit Fremden zu Beginn noch divers sind, tut das Studium sein Übriges: Stück für Stück wäscht es die Unterschiede innerhalb der Studierendenschaft weg. So lautet eine der zentralen Thesen von Hallals Buch.

Ich soll dem Chefarzt gegenüber immer höflich sein, egal wie er sich benimmt und ob das, was er sagt, fachlich oder menschlich Sinn macht.

Das Studium trimme die Studenten auf das überaus hierarchische Medizinsystem. "Es gibt so etwas wie einen versteckten Lehrplan, ein hidden curriculum," erklärt Hallal. Dieser vermittele keine medizinischen Fakten, sondern Verhaltensregeln und Normen, eine Art ärztlichen Habitus, um im System bestehen zu können.

Dafür ist besonders das Praktische Jahr wichtig, in dem ich gerade stecke. Direkt bevor Medizinstudenten das Studium beenden, müssen sie ein Jahr im Krankenhaus arbeiten. Hier sollen sie das gelernte Wissen praktisch anwenden.

Hier habe ich – auch wenn ich noch versuche, mich dagegen zu wehren – eine ganz bestimmte Art des Umgangs gelernt. Ich soll dem Patienten gegenüber Autorität ausstrahlen und den Eindruck von Geschäftigkeit vermitteln, dem Chef- und Oberarzt gegenüber immer höflich sein, egal wie er sich benimmt und ob das, was er sagt, fachlich oder menschlich Sinn macht. Ich habe aber auch gelernt, was ein schwieriger Patient ist, nämlich ein Patient, dessen Wünsche, Vorstellungen und Erklärungen für die eigene Erkrankung nicht in den Krankenhausalltag passen wollen.

"Die Konfrontation mit Andersdenkenden", so beschreibt es Hallal, "wird im routinierten Arbeitsablauf als störend empfunden." Das Fremde schlechthin wird als Defizit wahrgenommen. Und so gibt es von ärztlicher Seite wenig Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, dass die kulturelle und soziale Herkunft beeinflussen, wie Menschen über Krankheit denken und mit ihr umgehen.

Stattdessen, erklärt Hallal, gebe es die Tendenz, sich "auf Vorurteile über gewisse Patientengruppen zu verlassen und einzelne Patienten zu entpersonifizieren".