Sven Liebert, 26, studiert im Master Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen.

Er hat zur Europawahl 2014 die Social-Media-Kampagne "I vote Europe" gestartet, weil er dachte, dass die Leute sich auf Facebook nicht nur gegenseitig zum Biertrinken nominieren sollten, sondern auch zum Wählen. Immerhin 2.000 Fotos von Menschen, die ihre Briefwahlunterlagen in den Briefkasten warfen, sind entstanden.

Für seine Masterarbeit hat er junge, engagierte Menschen gefragt, wieso sie zwar in Stiftungen und als Sozialunternehmer aktiv sind, aber sich nicht mehr in Parteien engagieren und hat auf der Z2X-Konferenz einen Workshop zu dem Thema abgehalten. Er ist SPD-Mitglied.

ZEIT Campus Online: Sven, das Durchschnittsalter in der SPD ist 60. In den anderen Parteien sieht es nicht besser aus. Warum haben junge Leute keine Lust mehr, sich zu engagieren?

Sven Liebert: Tun sie ja, aber eben nicht in Parteien. Stell dir mal vor, du willst dich für ein sozialeres Europa engagieren und dann musst du erst mal in den Ortsverein, sitzt im verrauchten Hinterzimmer, in der Mitte der Parteiwimpel und alle Leute sehen aus wie Asbach Uralt. Klar, dass die Jungen lieber ihr eigenes Ding machen und eine Initiative gründen. Da müssen die Parteien flexibler werden mit thematischen oder befristeten Mitgliedschaften und digitalen Arbeitsgruppen. Außerdem wünschen sich viele Junge von Parteien eine eindeutige Abgrenzung und eine Vision für die Zukunft. Aktuell rücken aber die meisten Parteien inhaltlich zusammen: Die CDU setzt den Mindestlohn mit um, hat die Energiewende mit angestoßen. Die Werte der SPD sind Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Wow. Nenn mir mal einen, der das ablehnen würde.

ZEIT Campus Online: Was müssen die Parteien den Jungen bieten, damit sie wieder mitmachen?

Liebert: Wieder normal reden lernen wäre ein Anfang. Viele Politiker sprechen nicht mehr, die "kommunizieren" bloß. Dieses Wattebausch-Bullshit-Bingo: "Da müssen wir drüber diskutieren", "eine gemeinsame Lösung finden", "den Gesprächskorridor öffnen". So spricht doch niemand. Deshalb ist unter anderem die AfD so erfolgreich auf Facebook. Die Sprache ist einfach.

ZEIT Campus Online: Sollen die Parteien jetzt alle sprechen wie die AfD?

Liebert: Nein, schon gar nicht inhaltlich. Aber sie zeigt auch, dass den Menschen eine verständliche Sprache gefällt. Was glaubst du, warum das Video von Sigmar Gabriel und der Putzfrau Susanne Neumann so abging: Weil da zwei Welten aufeinander geprallt sind: Das war Klartext gegen Wattebausch.

ZEIT Campus Online: Aber viele Dinge sind eben komplizierter als eine Parole. Auch Donald Trump wirbt in den USA damit, er würde die Dinge ansprechen, wie sie sind. Dabei erzählt er vor allem Quatsch. Ist zu viel Klartext nicht gefährlich?

Liebert: Es geht nicht um einfache Parolen, sondern darum, den richtigen Ton zu treffen. Das Auswärtige Amt macht das inzwischen sehr gut, die gehen auf Facebook und Twitter auf die Leute zu, zeigen, dass dort keine Roboter arbeiten, sondern Menschen. Als Sigmar Gabriel letztens in der Bundespressekonferenz auf eine sehr komplizierte Fachfrage einfach nur "Keine Ahnung" geantwortet hat, ging das bei Facebook durch die Decke. Weil er gezeigt hat: Politiker sind auch Menschen, die vielleicht sogar Humor haben. So etwas begeistert junge Menschen.

ZEIT Campus Online: Engagement ist das eine. Aber die Jungen gehen ja oft nicht mal zur Wahl. Bei der letzten Europawahl war nur jeder dritte 21- bis 24-Jährige wählen. Du hast die Kampagne "I vote Europe" gestartet, um das zu ändern. Aber nehmen da nicht vor allem die Leute teil, die sowieso zur Wahl gegangen wären?

Liebert: Ja, wahrscheinlich schon. Der österreichische ÖVP-Politiker Sebastian Kurz hat mit seinem Selfie mitgemacht, der hat 80.000 Likes bei Facebook. Aber wer hat den gelikt? Eben. Weil wir uns das auch dachten, haben wir aber auch Cindy aus Marzahn angeschrieben, die hat 1,2 Millionen Likes. Deren Management hat zu uns gesagt: Wir wollen die Marke Cindy aus Marzahn damit nicht in Verbindung bringen. Bei Bayern München kam die Antwort, Fußball sei nicht politisch.