Der erste Satz des Profs: "Ich bin Ihr Exmatrikulationsprofessor, merken Sie sich mein Gesicht." Immerhin träumt sie nicht mehr davon. Studenten über den letzten Versuch

Durchgefallen? Kein Problem, es gibt ja einen Zweitversuch. Noch mal durchgefallen? Jetzt wird es knapp. Wer drei Mal an der Uni durch eine Prüfung fällt, wird exmatrikuliert. Außerdem darf man das eigene Fach an keiner anderen deutschen Uni mehr studieren. 

Wie kommt man in so eine Situation? Und wie geht man damit um? Drei Studenten haben uns von den Momenten erzählt, in denen ihr Studium auf dem Spiel stand: Lisa* zerbrach am Stress, Elias hatte sogar vier alles entscheidende letzte Versuche und bei Alena setzten vor lauter Nervosität in ihrem letzten Versuch Wehen ein.

Sechs Mal durchgefallen

Am ersten Tag des vierten Semesters kam mein Professor in den Hörsaal, legte sein Croissant auf das Pult, stellte seinen Kaffee ab und sagte: "Herzlich willkommen zu Gesellschafts- und Handelsrecht. Ich bin Ihr Exmatrikulationsprofessor. Merken Sie sich mein Gesicht."

Sein Gesicht habe ich bis heute nicht vergessen. Immerhin träume ich inzwischen nicht mehr davon.

An dem Tag war ich eine von 200. Zum Semesterende war ich ganz allein. Alle anderen hatten das Modul bestanden, nur ich hatte für die Klausur zu wenig gelernt. Damals wusste ich noch nicht, dass es die erste von insgesamt sechs nicht bestandenen Klausuren war.

Die Prüfungsordnung legte fest, dass wir zwei Versuche hatten, um dieses Rechtsmodul zu bestehen. Ein Versuch bestand aus drei Klausuren. Wer durch die ersten beiden Klausuren fiel, ging in eine Nachschreibklausur. Wenn man diese auch nicht bestand, galt der erste Versuch als nicht bestanden. Damit blieb noch ein weiterer Versuch, der ebenfalls aus maximal drei Klausuren bestand.

Für die zweite Klausur lernte ich, fiel aber trotzdem durch. Bei der Nachschreibklausur war ich krank. Ein Attest hätte mir nichts gebracht, denn Krankschreibungen gelten immer nur für einen gesamten Versuch und nicht für eine einzelne Klausur eines Versuchs.

Ein, zwei, drei, vier, fünf Mal durchgefallen

Im folgenden Semester besuchte ich die Vorlesung noch mal. Ich bereitete jede Sitzung vor und fertigte Zusammenfassungen an. Außerdem besorgte ich mir Lehrbücher, die ich im vergangenen Semester noch nicht gehabt hatte. Warum es trotz allem wieder nicht reichte, kann ich mir bis heute nicht erklären.

Irgendwann musste es doch einmal klappen, oder?

Nachdem ich durch die vierte Klausur gefallen war, ging es mir psychisch immer schlechter. Ich meine: Irgendwann musste es doch einmal klappen, oder? Ich zweifelte an mir selbst, schlief sehr schlecht und konnte kaum etwas essen. Ich entschied, zur psychologischen Beratung zu gehen.

Dort erstellte ich Lernpläne, übte mit simulierten Prüfungen und machte Trainings zur Entspannung. Die Beratung machte mich gelassener und half gegen die Schlafstörungen. Aber der Druck war so groß, dass ich bei der Prüfung unter ihm zusammenbrach. Ich fiel auch durch die fünfte Klausur.

Mit dem Pförtner per du

Danach hatte ich noch zwei Monate, bis ich in die sechste, letzte Klausur musste. Mit einer Freundin mietete ich einen Raum in der Uni. Zusammen lernten wir dort den ganzen Tag, nur zum Schlafen gingen wir nach Hause. So konnte ich Uni und Prüfungsstress aus meinem Zuhause fernhalten. Unsere Lernunterlagen ließen wir in der Uni. Es dauerte nicht lange, bis wir mit den Pförtnern und Reinigungskräften per du waren.

Für alle anderen war es eine ganz normale Klausur, mir lief der Schweiß den Rücken herunter.

Am Tag der Klausur frühstückten wir zusammen. Die Sonne schien, wir beruhigten uns gegenseitig. Es schien alles in Ordnung – bis die Klausur anfing. Ich setzte mich auf meinen Platz im Hörsaal und fing an zu zittern. Neben mir saßen Studenten, die die Klausur zum ersten Mal schrieben. Für alle anderen war es eine ganz normale Klausur, mir lief der Schweiß den Rücken herunter. Ich schaffe das nicht, dachte ich. Ich kann das nicht.

Erst nach etwa einer Stunde nach Prüfungsbeginn fing ich an zu schreiben und blendete alle Zweifel aus. Ich dachte an nichts mehr, meine volle Konzentration lag auf meinem Kugelschreiber und dem Blatt Papier vor mir. Nach insgesamt vier Stunden, die sich am Ende wie Minuten anfühlten, war es vorbei. Ich verließ die Klausur mit einem guten Gefühl.

Das hielt zwei Tage lang an. Dann kam die Mail mit der schlechten Nachricht. Viel hatte nicht gefehlt, doch am Ende reichte es nicht. Zum Bestehen hätte ich eine 4,0 gebraucht, ich hatte eine 4,3. Ich war viel zu fertig, um überhaupt darüber nachzudenken, das Ergebnis eventuell anzufechten. Durchgefallen, zum sechsten Mal. Meine Uni exmatrikulierte mich. Es war vorbei.

Zum Glück durchgefallen

Als ich das erste Mal endgültig durch eine Klausur fiel, war ich froh. Damals studierte ich noch Wirtschaftsingenieurwesen. Das Fach gefiel mir nicht, daher kam mir die Prüfung in Konstruktionslehre ganz recht: Ich besuchte die Vorlesung nicht, fiel dreimal durch und hatte damit einen Grund, mir in Ruhe ein neues Studienfach zu suchen. Dass ich dort bei drei weiteren Prüfungen im letzten Versuch sitzen würde, hatte ich aber eigentlich nicht geplant.

Weil ich im dritten Semester abbrach, musste ich zum Sommersemester etwas Neues beginnen, sonst hätte ich kein Bafög mehr bekommen. Zum Sommersemester fangen aber nur wenige Studienfächer an. Meine Uni bot Geowissenschaften an. Also schrieb ich mich ein.

Besser eine akzeptable Note im Zweitversuch als mit einer 4,0 den ersten bestehen. Logisch, oder?

Geowissenschaften gefiel mir, nur leider ist es eines dieser Fächer, bei denen man am Semesterende sehr viele Prüfungen hintereinander schreiben muss. Ich bin aber eher der Typ, der bei gutem Wetter lieber rausgeht, statt in der Bib zu sitzen.

Ich schwänzte also mehrfach den ersten Versuch von Prüfungen, auf die ich mich eh nicht vorbereitet hatte. Besser eine akzeptable Note im Zweitversuch als mit einer 4,0 den ersten bestehen. Logisch, oder? Leider ging der Plan nicht immer auf.

Physikalische Chemie musste ich nicht schreiben. Dachte ich

In der Modulprüfung für Gesteinsbildende Minerale im sechsten Semester ging er vor allem deshalb nicht auf, weil ich für den zweiten Versuch nur drei Tage lernte. Für den dritten, letzten Versuch schaffte ich es, See und Park hinter mir zu lassen und verbarrikadierte mich in der Bibliothek. Mit dem Druck kam die nötige Disziplin und ich lernte endlich wie ein normaler Student. Außerdem nutzte ich ein Angebot meiner Dozentin, die für Studenten im Drittversuch extra Tutorien gab. Nach drei Wochen Vorbereitung wusste ich, dass ich es schaffen würde. Gelassen schrieb ich die Klausur. Es wurde eine 1,7.

Physikalische Chemie musste ich überhaupt nicht schreiben. Dachte ich zumindest. Dass ich doch mitschreiben musste, fiel mir leider erst auf, als schon zwei der drei Prüfungsversuche verstrichen waren. Ich hatte zwei Monate Zeit, um mir den Stoff einer Vorlesung anzueignen, zu der ich nicht ein einziges Mal gegangen war.

Deshalb wusste ich auch nicht, dass der Drittversuch verschoben worden war. Das hatte der Professor nämlich in der Vorlesung angekündigt. Ich ging am auf dem Semesterplan angegebenen Termin zur Uni und stand vor einer verschlossenen Tür. Meine Panik legte sich, als mir mein Professor gewährte, die Klausur einen Monat später nachzuholen. Er hatte nämlich das neue Prüfungsdatum nicht in den Vorlesungsunterlagen im Internet hinterlegt. Glück gehabt.

Woher sollte der Prof auch wissen, wie ich hieß? Er hatte mich ja noch nie gesehen.

Ich war somit der einzige, der einen Monat nach dem offiziellen Drittversuch die Klausur schrieb. Als der Professor mir die Tür zu seinem Büro öffnete, sagte er: "Sie sind also Herr ..." – "Lux!", vervollständigte ich. Woher sollte er auch wissen, wie ich hieß? Er hatte mich ja noch nie gesehen. Während der Prüfung hatte ich ein gutes Gefühl. Ich schrieb eine 2,3.

Danach nahm ich mir vor, dass mir so was nicht noch mal passieren sollte. Das klappte leider nicht so ganz. Den ersten Versuch von Regionale Geologie Mitteleuropas im siebten Semester hatte ich wegen mangelnder Vorbereitung verstreichen lassen. Auf die Nachschreibeklausur konnte ich mich nicht ausreichend vorbereiten, weil ich zu der Zeit bereits an meiner Bachelorarbeit arbeitete. Als die Klausurergebnisse des Zweitversuchs veröffentlicht wurden (durchgefallen), hatte ich mich bereits für einen Master eingeschrieben. Der vierte Drittversuch meiner Studentenkarriere würde im Dezember stattfinden.

Noch einmal durchfallen und ich stünde vor dem Nichts

Von Oktober bis Dezember studierte ich also Geoinformatik im Master, obwohl ich noch keinen Bachelorabschluss hatte. Wenn ich die Prüfung im Dezember nicht bestand, würde ich aus meinem Bachelor exmatrikuliert, kein Bafög mehr bekommen und müsste meinen Master abbrechen. Ich stünde vor dem Nichts.

Während ich für die Prüfung lernte, dachte ich nie darüber nach, was wäre, wenn ich es nicht schaffen würde. Auch nicht an jenem Dezembermorgen, an dem ich um 10 Uhr morgens dem Dozenten meine Prüfungsfähigkeit bestätigte. Warum auch? Klar war ich höllisch aufgeregt. Aber ich hatte mich ja gut vorbereitet und es bisher immer geschafft. Auch diesmal wurde es eine 2,3.

Jetzt bin ich gerade dabei, all das nachzuholen, was ich wegen dieser Prüfung aufgeschoben hatte. Zum Glück gibt es im Master Geoinformatik kaum Klausuren, das Meiste sind Hausarbeiten. Noch einen Drittversuch werde ich daher hoffentlich nicht erleben.

Die Prüfung begann – und die Wehen

In der Nacht vor meiner Rechtsprüfung hatte ich unruhig geschlafen. Nach dem Frühstück fuhr ich angespannt zur Uni. Ich nahm zur Beruhigung die Rescue-Tropfen, die mein Arzt mir verschrieben hatte, fuhr mit dem Fahrstuhl in den 13. Stock, in dem meine Dozentin ihr Büro hatte, ging in Gedanken alle Paragrafen des Gesetzbuches noch einmal durch, rief mir jedes geübte Fallbeispiel ins Gedächtnis.

Alena Kreifelts, 30, hat Soziale Arbeit an der Universität Duisburg-Essen studiert. © privat

Meine Dozentin begrüßte mich, gab mir die Arbeitsblätter und ließ mich mit dem dritten Versuch meiner Prüfung im Pflichtmodul Rechtswissenschaften allein. Dann begann die Prüfungszeit. Und die Senkwehen.

Krämpfe wie eine Magen-Darm-Grippe. Nur schlimmer

Etwa alle zehn Minuten kamen die Krämpfe. Sie zogen sich bis in den Rücken. Das fühlt sich an wie die Bauchkrämpfe einer Magen-Darm-Grippe oder Menstruationsschmerzen. Nur schlimmer. 

Senkwehen sind ein Anzeichen für eine bevorstehende Geburt. Sie treten in den letzten Wochen vor der Entbindung auf. Während der Senkwehen rutscht das Baby ins Becken, damit es später die richtige Position zur Geburt findet. Jede Frau reagiert individuell darauf, die Schmerzen können stärker oder schwächer ausfallen.

Ich machte meinen Drittversuch nämlich vier Wochen vor der Geburt meines zweiten Kindes. Ich hatte ihn sogar vorverlegt, damit er nicht mit der Entbindung zusammenfiel. Deshalb war ich an dem Tag die einzige, die ihre Prüfung schrieb.

Der Stress verstärkte die Wehen

Zuerst bekam ich Panik. Was, wenn es nicht Senkwehen, sondern richtige Geburtswehen waren? Meine Hebamme hatte gesagt: Wenn du es nicht mehr aushalten kannst, sind es echte Wehen. Zum Glück wurden die Schmerzen nicht stärker und der Abstand zwischen den Krämpfen blieb gleich. Ich nahm noch mal meine Rescue-Tropfen und beruhigte mich. Nach ungefähr einer halben Stunde ließen die Schmerzen nach und kamen erst wieder, als sich die Klausur dem Ende neigte.

Der Stress verstärkte die Senkwehen, glaube ich. Sollte ich die Prüfung nicht bestehen, würde ich exmatrikuliert. Ohne Abschluss, aber mit einem Kind im Bauch.

Mein erstes Kind hatte ich kurz nach Beginn meines Studiums der Sozialen Arbeit bekommen. Probleme mit dem Stoff hatte ich kaum gehabt. Bis auf Rechtswissenschaften, das verstand ich einfach nicht.

Wir Sozialarbeiter sind keine Juristen. Trotzdem müssen wir so tun, als wären wir welche. Die Rechtsklausur war die letzte vor meiner Bachelorarbeit, erst wenn ich die Klausur bestanden hatte, konnte ich mit der Bachelorarbeit anfangen. Nachdem ich durch den ersten Versuch durchgefallen war, konnte ich mich entscheiden, ob ich in eine Nachschreibklausur ein paar Wochen später gehen oder ein Semester warten wollte. Ich wollte warten. Denn ich arbeitete nebenbei und musste mich um um mein anderes Kind kümmern. Ich hätte zu wenig Zeit gehabt, um mich gut auf die Nachschreibklausur vorzubereiten.

Ich tat alles, um zu bestehen

Also belegte ich im Semester danach die gleiche Vorlesung noch einmal. Doch wieder reichte es in der Prüfung nicht. Der Druck wurde größer, auch weil ich wieder schwanger wurde. Es stand so viel auf dem Spiel: Nicht nur für mich, auch für die Existenz meiner Kinder. Ich hatte Angst, kurz vor Ende des Studiums ohne Abschluss dazustehen.

Ich lernte mit einer Freundin, die ihr Studium bereits abgeschlossen hatte und mir half. Ich ging in Lerngruppen. Ich lernte zu Hause, rund um die Uhr. Ich tat alles, was in meiner Macht war, um diesen letzten, alles entscheidenden Prüfungsversuch zu bestehen.

Durch die Wehen musste ich jetzt durch.

Schließlich fühlte ich mich so gut vorbereitet, dass ich dachte: Wenn es jetzt nicht klappt, dann sollte es auch nicht sein. Dann suche ich mir eben etwas anderes, irgendwas würde ich schon finden. Dieser Gedanke verschaffte mir innere Ruhe. Als ich am Tag der Prüfung im Büro meiner Dozentin saß, konnten mich daher – nachdem die anfängliche Panik überwunden war – auch die Senkwehen nicht mehr aus der Fassung bringen. Da musste ich jetzt durch.

Ich feierte, wie eine Hochschwangere eben feiert

Knapp zwei Wochen später kam die Mail meiner Dozentin. Sie sei zwar noch nicht fertig mit dem Korrigieren, aber mittlerweile bei dem Punktestand angelangt, der zum Bestehen ausreiche. Mit dem zukünftigen Vater des Babys in meinem Bauch feierte ich – aber nur so ausschweifend, wie es für eine hochschwangere Frau zwei Wochen vor der Geburt ihres Kindes eben möglich ist: Ich lag gerade im Bett, rief meine Mutter, Schwiegereltern und Freunde an, die mitgefiebert hatten. Am nächsten Abend ging ich mit meinem Mann essen. Darauf anstoßen konnte ich ja nicht.