Früher fragte ich mich, wer frohere Weihnachten hat, weil ich das wünsche. Heute denke ich, warum treffe ich mich mit Bekannten, deren Fragen immer gleich lauten.

Wir rauchen ja nicht mehr in unruhigen Minuten, wir tippen.

Im Winter stolperte mein Fahrrad über einen Bordstein.

Ich tastete alle wichtigen Körperteile ab. Beine? Dran. Arme? Dran. Haare? Dran. iPhone? Trocken.

Ich schrieb. "Bin mit dem Fahrrad in den Schnee gefallen." WhatsApp statt Nikotin. Ist irgendwie so beruhigend sinnlos.

Marie schlief noch. Zuletzt online gestern um 20.51 Uhr. Ich scrollte im Chat bis zum letzten Bild, um nachzuschauen, welches Tinder-Date sie gestern Abend offenbar erfolgreich erobert hatte. Der WhatsApp-Status ist so verräterisch wie die Rollläden eines Schlafzimmers. Wer um 20.51 Uhr dichtmacht, geht nicht alleine schlafen.

Lara war wach. Zuletzt online um 08.02. Die hat ein Leben, war immer noch nicht im Bett, während ich bereits im Schnee lag. So früh aufstehen würde die nie.

"Wundert mich schon lange, wieso du eigentlich Fahrrad fahren, aber nicht ordentlich essen kannst."

Lara hatte mir vor Jahren ein Erstes-Date-ess-Verbot verpasst. Ein Typ hatte mich wegen mangelnder Tischmanieren abserviert. Ab jetzt nur noch Drinks.

"Magst du später vorbeikommen?"

Ja, ich will. Muss nur noch allen Nicht-Freunden – den sogenannten Bekannten – für diese Woche absagen. Danke, Fahrradsturz!

Sorry, hatte Unfall. Tut alles weh. Schaff's wahrscheinlich nicht.

Abends sagte Lara, sie freue sich drauf, in einem halben Jahr von allen Bekannten gefragt zu werden, ob ich mich von meinem schweren Sturz erholt habe.

Warum musste ich eigentlich erst vom Rad fallen, um Treffen abzusagen, deren Dialoge immer so ablaufen:

Geschichten von früher! Die sind der Joker jedes Gesprächs zwischen Bekannten.

Die Bekannten fragen: Wie läuft’s auf der Arbeit? Ich sage: Projekte, stressig, spannend, cool. Währenddessen höre ich mir selber nicht zu, weil ich mich nicht ertragen kann. Schaffe es in guten Momenten noch, die immer gleiche Anekdote einzubauen. Haben jetzt einen Kicker.

Ich frage: Wie läuft’s an der Uni?

Sie fragen: Wie läuft’s mit den Männern? Unspektakulär. Unspektakulär ist ein super Wort, es suggeriert, man habe nichts zu erzählen, und klingt trotzdem verrucht.

Ich denke: Was nun?

Geschichten von früher! Die sind der Joker jedes Gesprächs zwischen Bekannten.

Ich frage: Wie läuft’s eigentlich zwischen Jessika und David? Noch zusammen, komisch, oder? Er soll ja mal. Ach echt?

Sie fragen: Und wie läuft’s mit deiner Bachelorarbeit? Ich denke: Da läuft gar nichts und ich jetzt nach Hause. Und so flüchte ich lieber, bevor die Bekannten zum zweiten Akt des Gesprächs übergehen: vernünftige Ratschläge verteilen. Triff dich nicht mehr mit ihm. Mach deinen Abschluss. Arbeite nicht so viel. Bekannte wissen seltsamerweise immer, was zu tun ist.


Laras Lieblingssatz ist: Ganz ehrlich, weiß ich jetzt auch nicht.

Ich sage: Sorry, muss los, noch eine Waschmaschine anmachen. Waschmaschinen sind der regelmäßige und verlässliche Fahrradsturz.

Und trotzdem lade ich ein paar Bekannte zum Geburtstag ein. Und sie mich. Muss man bisschen drauf achten, wer, wen, wie oft. Zu ihrem werde ich Wein mitbringen. Wobei, wer Wein mitbringt, schreibt auch "Alles Liebe" auf die Pinnwand, und das habe ich mir nun wirklich abgewöhnt. Mir und Mama. Das war mir einen Anruf wert. Mama, sagte ich, nachher denken meine Freunde noch, du hättest mir gar nicht persönlich oder am Telefon gratuliert. Mama verstand.