Oh Gott, das kleine Kind an der großen Uni! Professor Porombkas Rat für schnappatmende Helikoptereltern: Bleiben Sie locker, lassen Sie los, lesen Sie den "Zauberberg".

Liebe Eltern,

ich habe eine Hausaufgabe für Sie. Jetzt, wo Ihr Kind aus dem Haus ist, um zu studieren, haben Sie ja etwas Zeit. Bevor Sie aber auf dumme Gedanken kommen und meinen, Sie müssten von einem Helikopter aus dauernd überprüfen, ob Ihr Kind sich beim Studium auch wirklich anstrengt, möchte ich Ihnen als Professor eine Lektüreempfehlung geben. Lesen Sie doch bitte, anstatt in den Helikopter zu steigen, in Ihrer freien Zeit Thomas Manns Der Zauberberg.

Der Roman ist zwar von 1924, also schon sehr alt. Er hat aber ziemlich viel mit Ihnen zu tun.

In diesem Roman reist der junge Held Hans Castorp aus der norddeutschen Tiefebene hoch in die Schweizer Berge in ein Lungensanatorium, um seinen Vetter zu besuchen, der wegen Tuberkulose in Behandlung ist. 

Castorp gliedert sich schnell in den Alltag derer "dort oben" ein. Er macht alles mit, was der Vetter macht: üppige Mahlzeiten, Liegekuren auf dem Balkon, Spaziergänge an der frischen Bergluft, Vortragsabende über den Zusammenhang von Krankheit und Liebe. Es geht ihm ziemlich gut dabei.

Bis Castorps Temperatur ein wenig steigt. Er fühlt sich erhitzt und schwindelig. Schließlich lässt er sich untersuchen. Und diagnostiziert wird eine Infektion. Er ist jetzt ein anderer. 

Castorp ist jetzt Patient. Er bleibt oben auf dem Zauberberg. Und aus den geplanten drei Wochen Aufenthalt werden sieben Jahre, in denen Castorp sich nicht nur verliebt, sondern auch durch den Kontakt mit gebildeten Patienten einen zum Teil schwerwiegenden philosophischen Bildungsroman durchlebt, an dessen Ende er als halbwegs gereiftes Individuum in die Tiefebene zurückkehren wird. 

Was das alles mit Ihnen zu tun hat

Ich verspreche Ihnen, liebe Eltern: Die Lektüre des Zauberbergs wird das reine Vergnügen sein. Zur Vorbereitung auf unsere nächste Seminarsitzung bitte ich Sie aber, beim Lesen vor allem darauf zu achten und anzustreichen, wie die flachländischen Angehörigen von Hans Castorp darauf reagieren, dass er immer länger wegbleibt, um sich in den Bergen ein bisschen hängen zu lassen und zugleich recht ordentlich zu bilden. 

Ich verrate Ihnen, liebe Eltern, vorab die richtige Antwort. 

Sie lautet: Die Angehörigen reagieren so gut wie gar nicht! Sie vermissen Hans Castorp nicht mal. Sie lassen den jungen Castorp seine Sachen machen. Sie mischen sich nicht ein. Kein Druck, kein Stress, keine Panik. Sie kommen in diesem Bildungsroman deshalb auch nicht richtig vor. Ihre wichtigste Handlung ist, dass sie regelmäßig Geld überweisen, damit die Rechnungen auf dem Zauberberg bezahlt werden können.