Francesco liebt Italien, aber sein Land ihn nicht. Drei junge Italiener sprechen über die EU, warum sie Renzi misstrauen und wie es war, mit Berlusconi aufzuwachsen.

Am morgigen Sonntag stimmen die Italiener über eine Verfassungsreform ab – aber es geht um viel mehr als eine Neuordnung des politischen Systems. Es geht um Italiens Platz in der EU, Matteo Renzis politisches Schicksal und die Zukunft eines Landes, das in einer tiefen Krise steckt. Wie denken die jungen Menschen über ihre Heimat?

Francesco fühlt sich nicht geborgen, obwohl er mit ganzem Herzen Italiener ist. Liliana ist ausgewandert, weil sie in Italien keine Zukunft für sich sah. Und Paola will unbedingt bleiben, für Italien kämpfen, aber fragt sich, warum ihr niemand eine Chance gibt. Drei junge Italiener erzählen von ihrem gespaltenen Verhältnis zu Italien.

Francesco M., 31, studiert Medizin in Neapel

Manchmal, wenn ich in Neapel durch die Straßen laufe, habe ich das Gefühl, ich habe mehr mit den gestrandeten Flüchtlingen gemein als mit unserem Vermieter, der zehn Wohnungen besitzt. Denn außer meinem Studium habe ich nichts, was ich meinem Land bieten kann. Ich liebe Italien, mein Herz ist italienisch, aber mein Land will mich nicht. Obwohl ich immer hart gearbeitet habe, in der Schule gut war und jetzt Medizin studiere.

Ich bin 31 und wohne immer noch zu Hause bei meinen Eltern, so wie viele meiner Freunde auch. Aber im Gegensatz zu ihnen wohnt meine Familie zur Miete. Und damit gelten wir hier nichts. Denn das Erste, was man kauft, wenn man erfolgreich ist, ist eine Wohnung, und wer keine Wohnung oder ein Haus besitzt, hat hier nichts, keine Sicherheit, keinen Wert.

"Hier fühle ich mich nicht geborgen"

Versteht mich nicht falsch – Italien hat mir viel gegeben, ich bin gesund, weil es mich geimpft hat, gebildet, weil es mir ein Studium ermöglicht hat. Aber trotzdem ist da dieses Gefühl, dass ich nicht gut genug bin mit dem, was ich tue. Die Deutschen haben dieses Wort, "Heimat", das hat etwas von geborgen sein. Aber hier fühle ich mich nicht geborgen, denn mein Italien ist vor allem giftig und gefährlich.

Ich bin in der Nähe von Neapel geboren, in Herculaneum. Die Stadt fasst Italien gut zusammen: Es ist eine uralte Siedlung, die unterging, als der Vesuv ausbrach und Pompeji unter sich begrub. Das ist das antike Italien. Als ich dort aufwuchs, war die Stadt fest in der Hand der Mafia – das ist mein Italien. Bei uns in der Siedlung wurde Heroin gehandelt, gelegentlich wurden Leute auf offener Straße erschossen. Wir haben oft Fußball in einem Hinterhof gespielt, und die Leute in den Wohnungen über uns warfen ihre gebrauchten Nadeln in den Hof, sodass meine Freunde sich daran verletzt haben.

Wir sind arm, weil wir ehrlich sind

Als ich in die Pubertät kam, sind wir zum Glück umgezogen, in eine Stadt in der Nähe von Neapel – seitdem leben wir in einer Gegend, die berühmt  dafür ist, eine der höchsten Krebsdichten des Landes zu haben. Der Grund? Genau, die Mafia. Sie hat dort illegal giftigen Müll entsorgt, sodass giftige Stoffe ins Grundwasser gelangt sind. Aber was sollten wir machen? Klar würden wir gern umziehen, aber wir sind arm – vor allem, weil wir ehrlich sind.

Denn mein Vater ist Beamter, er zahlt fast 50 Prozent Steuern auf sein Gehalt. Wer nicht beim Staat arbeitet und schlau ist, arbeitet schwarz und verarscht den Staat: Ein schlauer Arzt oder Handwerker sagt: Die Behandlung oder die Reparatur kostet 100 Euro, möchten Sie eine Rechnung? Und wenn der Kunde eine Rechnung haben will: Gut, dann kostet das 130 Euro. Und er kommt damit davon.

Denn unser Problem ist, dass wir hier keine Blitzer haben. Ich habe vor einigen Jahren in Deutschland Erasmus gemacht und als ich dort ankam, dachte ich: Hier ist ein Wunder geschehen. Die Straßen waren so sauber, der Verkehr so geordnet. Wie macht ihr Deutschen das, habe ich mich gefragt. Dann habe ich die Blitzer gesehen.

Die Deutschen halten sich ja nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung, weil sie bessere Menschen sind, sondern weil sie sonst geblitzt werden. Aber Blitzer haben wir hier kaum – auf der Straße ein paar, aber sonst nirgendwo. Bei uns gilt: Wer die Regeln bricht, ist der Schlaue. Wer sich an die Regeln hält, ist selber schuld.

So leben wir seit Jahrzehnten und die Konsequenz ist eine Generation ohne Perspektive – meine. Das unterscheidet uns von unseren Eltern. Mein Vater kommt aus einer armen Familie, aber er war gut in Mathe, bewarb sich als Beamter und bekam einen Job beim Staat. Er wurde belohnt für seine harte Arbeit.

Wir haben keine Hoffnung, keine Perspektive

Wir können noch so hart arbeiten, hier gibt es nichts für uns. Ein Freund von mir ist Astrophysiker, er arbeitet auf Teneriffa. Ein anderer ist Ingenieur und lebt in den USA. Ein Kumpel, der ein sehr guter Kulturwissenschaftler ist, lebt in Amsterdam und verkauft Blumen, eine Freundin, die Fremdsprachen studiert hat, arbeitet als Hostess im Zug. Wir haben keine Perspektive, keine Hoffnung, dass es morgen besser werden könnte.

Deshalb ist es auch egal, ob Renzi am Sonntag tatsächlich zurücktritt. Ob nun Renzi, Monti oder Letta an der Macht waren, hat keinen Unterschied gemacht. Ich würde gerne die linke PD wählen, aber ich kann es einfach nicht, denn ihre Politik ist längst nicht mehr links. Ich hasse alle Politiker und die, die ich nicht hasse, machen mir Angst – die Partei von Beppe Grillo, die Fünf-Sterne-Bewegung. Ich will keiner politischen Partei vertrauen, die sich so sehr auf einen Mann konzentriert.

Ich habe Glück, ich werde Arzt und Ärzte haben immer etwas zu tun. Aber ich werde auch nicht hier bleiben, sondern nach Deutschland gehen, zu meiner Freundin, sie ist Deutsche. Dort wollen wir uns ein Leben aufbauen. Ich würde gern hier bleiben und mit gutem Beispiel vorangehen, aber meine Freundin könnte hier nicht arbeiten und ein bisschen hoffe ich auch, mich in Deutschland richtig zu Hause fühlen zu können.

Auch wenn ich in Deutschland lebe, werde ich trotzdem mit ganzem Herzen Italiener bleiben – denn mein Land hat mich auch stark gemacht, es hat mich gelehrt, misstrauisch zu sein. Wenn ich das Gefühl habe, jemand versucht etwas zu verbergen oder mich hinters Licht zu führen, merke ich das direkt. Wir Italiener haben so viel mit gemacht, wir haben eine Menge Antikörper. Uns kriegt so schnell nichts unter.

Francesco heißt eigentlich anders. Er befürchtet, seine Aussagen könnten Nachteile für sein Studium bedeuten. Deshalb steht hier nicht sein echter Name.