Gewaltfrei, aber mit aller Konsequenz: Seit der Trump-Wahl entdecken junge Amerikaner den zivilen Ungehorsam als Instrument der politischen Auseinandersetzung wieder.

Auf dem Boden sitzen 20 junge Männer und Frauen, sie haben sich gegenseitig untergehakt und rufen im Chor: "Budget cuts kill, budget cuts kill". Eine schmächtige Frau brüllt gegen sie an: "Sie sind festgenommen." Sie zieht so fest an einem der äußeren Arme, dass sich die Menschenkette dehnt wie eine schwerfällige Ziehharmonika. Als sie es schafft, eine Person aus der Gruppe zu lösen, lässt Jennifer los, atmet schwer: "Puh, das ist ganz schön anstrengend als Polizistin." Die Griffe der anderen lockern sich, sie fangen an zu lachen. Übung beendet.

Jennifer Flynn Walker, eine 45-Jährige, die Kapuzenpulli trägt, steht wieder vorne vor dem Whiteboard. Jennifer ist keine Polizistin, sondern eine Veteranin des zivilen Ungehorsams. Seit über 20 Jahren kämpft sie für die Belange von Aids-Kranken, heute leitet sie in einem Loft im Süden Manhattans ein Training zum zivilen Ungehorsam. Die Menschen, die vor ihr auf dem Boden sitzen und eben noch einen Sit-in im Abgeordnetenhaus simuliert haben, sind Teilnehmer des Workshops. Sie sind hier um zu lernen, wie ziviler Ungehorsam geht.

Seit der Wahl überkommt mich ständig das Gefühl, meine Faust gegen eine Wand schlagen zu wollen.
Workshop-Teilnehmerin

Normalerweise wird Jennifer von NGOs engagiert, um andere Aktivisten zu unterrichten: Leute, die sich einer Sache verschrieben haben, dem Aidsschutz oder den Arbeiterrechten. Heute sind die Teilnehmer Studenten, Hausfrauen, Künstler, Lehrer, denn die Gesundheits-NGO Health Gap hat dieses Training Ende November für alle öffentlich gemacht. "Ich fürchte, ziviler Ungehorsam wird in den nächsten Jahren eine viel benötigte Fähigkeit sein", sagt ein Teilnehmer in der Vorstellungsrunde. 

Endlich etwas tun

Die Teilnehmer heute haben ganz unterschiedliche Interessen und Berufe und trotzdem einiges gemeinsam: Sie sind jung, waren bisher nicht politisch aktiv und wollen, jetzt wo Donald Trump Präsident werden wird, endlich etwas tun. Vorher sind sie höchstens mal bei einer Demo mitgelaufen, jetzt wollen sie wissen, wie man sich wehren kann. Wie man Recht bricht, um Recht zu schützen.

Margretta Reed, 25 Jahre, ist eine von ihnen. Sie unterrichtet als Lehrerin an einer Privatschule, beschreibt sich selbst – Cisgender, weiß, relativ wohlhabend – als privilegiert und sagt, es sei ihr Pflicht, Verantwortung zu übernehmen.

Vor der Wahl war sie mal bei einer Klimademo und bei einem Black-Lives-Matter-Protest. Nach der Wahl war ihr klar: Das ist nicht genug. Also hat sie sich aktiv nach Kursen umgesehen, die zu zivilem Ungehorsam aufrufen. "Ich bin bereit zu kämpfen an der Seite von Leuten, deren Leben nicht so einfach ist wie meins", sagt Margretta. Es fällt schwer sich vorzustellen, wie die junge Lehrerin mit dem ansteckenden Lachen bei einer Aktion festgenommen wird. "Anders als manch andere werde ich meinen Job nicht verlieren, wenn ich bei Protesten verhaftet werde, und mir wird wohl auch im Gefängnis nichts passieren ", sagt sie. Dass bei einer Verhaftung nicht alle gleich behandelt werden, lernen sie gerade von Jennifer.

Eine andere Teilnehmerin, die nicht namentlich genannt werden will, formuliert es so: "Seit der Wahl überkommt mich ständig das Gefühl, meine Faust gegen eine Wand schlagen zu wollen." Sie hält kurz inne und sagt: "Das Gefühl ist schrecklich, aber ich will auf keinen Fall, dass es weggeht". Deshalb ist sie heute hier, um dieses mächtige Gefühl in Bahnen zu lenken.