Auf der Platte – Seite 1

In Rostock will keiner da wohnen, wo die Mieten günstig sind. Doch jetzt entstehen immer mehr Wohnprojekte im Plattenbau statt im Studentenviertel.

Für jede Ausgabe reist ein ZEIT CAMPUS-Redakteur in eine Uni-Stadt. Wohin es geht, entscheidet der Zufall.

In jeder größeren Studentenstadt gibt es diese Viertel, in denen sich gefühlt das ganze Leben abspielt. Hier geht man in Kneipen und Clubs, von hier hat man es nicht weit zur Uni. Und: Hier will jeder wohnen. In Rostock ist die Kröpeliner-Tor-Vorstadt – kurz KTV – so ein Viertel. Auch Robert Waltemath, 33, der in Rostock Informatik studiert hat und jetzt dort wissenschaftlicher Mitarbeiter ist, wohnt hier. Aber nicht mehr lange. Denn Waltemath will umziehen – in eine Plattenbausiedlung.

Erkundigt man sich in Rostock nach der Wohnsituation, scheint es, als sei die Stadt in zwei Lager geteilt: Die einen klagen über steigende Mietpreise und lange Wartelisten für Studentenwohnheime. Sie zitieren eine Immowelt-Studie, in der von Mietpreissteigerungen von über 30 Prozent in fünf Jahren die Rede ist. Das ist die zweithöchste Zunahme in Norddeutschland, nach Hamburg, wo die Preise um 50 Prozent gestiegen sind.

Die anderen sehen überhaupt keine Wohnungsnot. Das ist die Position im Rostocker Rathaus. Die neueste Wohnungsmarktanalyse vom September 2015 habe gezeigt: Die Bevölkerung schrumpfe und jedes Jahr zögen 5.000 Menschen weg.

Rostock hat ein Problem wie viele Uni-Städte in Ostdeutschland: Es gibt viel Platz in den Plattenbausiedlungen – aber niemand will dort leben. Alle drängen in Szeneviertel wie die KTV. Auf nur rund zwei Prozent der Fläche wohnen dort jetzt schon zehn Prozent der rund 200.000 Einwohner der Stadt. Und es wollen immer mehr dorthin.

Wenn Robert Waltemath in seinem Bekanntenkreis von seinen Umzugsplänen in die Siedlung Toitenwinkel schwärmt, erklären ihn manche für verrückt. In der KTV lebt man in schicken Altbauten, hat das Lieblingscafé im Haus und den Secondhandshop um die Ecke. In Toitenwinkel wohnt man in ockerfarbenen Betonbauten, in einer von 6.000 Wohnungen, in denen jedes Zimmer gleich aussieht. Außer der Bahn, die jede Viertelstunde vorbeifährt, ist auf den Straßen nur selten etwas los.

Robert Waltemath will das ändern. Er sitzt in der Mensa der Uni Rostock, der Fahrradhelm liegt neben ihm auf dem Tisch. "Man muss nur die passende Infrastruktur schaffen, dann leben die Menschen auch gerne dort", sagt er. Waltemath träumt von Wohngemeinschaften, Aufenthaltsräumen, einem Café – und das alles im gleichen Haus, von den Bewohnern selbst organisiert. "Mit solchen Wohnprojekten können wir Viertel wie Toitenwinkel wiederbeleben", sagt er. Waltemath engagiert sich seit 2010 beim Arbeitskreis Wohnprojekte. Er hat auch schon ein Haus gefunden, in das er einziehen will. Seit über einem Jahr trifft er sich mit Architekten, Städteplanern, Mitarbeitern vom Bauamt und potenziellen Mitbewohnern. Das sind vor allem Studenten, die sich die Mieten in der KTV nicht mehr leisten können oder Lust haben auf ein Abenteuer.

Aber auch die Stadt, der Vermieter und die Nachbarn würden von seinem Projekt profitieren, glaubt Waltemath. "Wir kümmern uns selbst um das Haus und beschweren uns sicher nicht über die Nachbarn", sagt er. Denn die Menschen, die schon länger in den umliegenden Plattenbauten leben, will er auch in das Wohnprojekt einbinden.

Neue Hoffnung für den Rostocker Ortsteil Toitenwinkel

Rund die Hälfte der Bewohner von Toitenwinkel gehören laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zum "ökonomisch schwächeren Milieu". In der KTV sind es rund 22 Prozent – und dort senken vor allem die vielen Studenten den Schnitt. In den Plattenbauvierteln versucht die Stadt schon länger, das Zusammenleben unter den Nachbarn zu fördern, mit sogenannten Begegnungszentren. Das liegt auch an den Brandanschlägen im Jahr 1992 auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, in dem damals vor allem vietnamesische Arbeiter und Flüchtlinge wohnten. Das Sonnenblumenhaus ist zum Mahnmal dafür geworden, was passieren kann, wenn man sich nicht um Problemviertel kümmert. Trotzdem, in Vierteln wie Toitenwinkel begegnen sich die Nachbarn auch heute noch kaum. Hierfür fehlen die Orte. In Toitenwinkel gibt es keine Cafés, keine Bars, keine Konzerte – man fährt morgens zur Arbeit, abends verschwindet jeder schnell wieder in seiner Wohnung. Hier lebt jeder für sich.

Mit seinem Traumhaus will Waltemath solche Orte in Toitenwinkel schaffen. Gemeinsame Kinderbetreuung und eine Fahrradwerkstatt sollen die Nachbarn anlocken. Das geplante Café und die Aufenthaltsräume sollen für jeden offen sein.

Ein paar Straßen weiter, auf dem Uni-Campus in der Ulmenstraße, muss Stefan Brandt, 30, schmunzeln, als er hört, dass jemand Toitenwinkel wiederbeleben möchte. "Wäre schön, wenn das klappt, aber ich glaube das ist eine schöne Utopie", sagt er. Der Soziologie-Student lebt wie Robert Waltemath in der KTV und schreibt seine Masterarbeit über das Szeneviertel. Denn die KTV war auch mal ein Brennpunkt. Während der DDR wohnten hier Systemkritiker und andere Leute, die keine Chance auf eine Wohnung in Toitenwinkel hatten. Damals war es umgekehrt: Niemand wollte in die Altbauten, alle wollten in den Plattenbau. In der KTV heizte man mit Kohle, und die Klos waren auf dem Flur. In Toitenwinkel gab es Warmwasser und eine Zentralheizung. Erst nach der Wende wurde die KTV renoviert, und die Studenten zogen ein.

Für seine Masterarbeit führte Stefan Brandt Interviews mit Anwohnern. Er fand heraus: In dem Szeneviertel leben heute zwar Leute aus unterschiedlichen sozialen Schichten – aber trotzdem alle getrennt. Die Menschen bewegen sich zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlichen Orten. "Es gibt keine Schnittpunkte zwischen den Lebenswelten", erklärt Brandt. Stattdessen kommt es zu einer Verdrängung der Alteingesessenen, genau wie in Berlin-Neukölln oder etwa dem Schanzenviertel in Hamburg.

Robert Waltemath kennt solche Gegenargumente. Trotzdem glaubt er an seine Idee. Und er ist nicht allein: Zehn andere Initiativen gibt es in Rostock schon, die ähnliche Wohnprojekte planen. Waltemath sagt: "Manchmal muss man Dinge einfach ausprobieren."

Als Marie Gamillscheg, 23, zum Master nach Berlin zog, träumte sie von einem Zimmer in Neukölln. Jetzt ärgert sie sich über die hohe Miete.