Seine Eltern sind enttäuscht, seine Freunde ausgewandert. Javier López Menacho ist trotz sieben Jahren Dauerkrise geblieben: Kurz vor den Wahlen in Spanien beschreibt er die Stimmung in seinem Land.

Enttäuschung

Es ist mein erster Abend seit Monaten, den ich zu Hause bei meinen Eltern verbringe. Wir sitzen am Wohnzimmertisch. "Wie läufts?", frage ich und bereue es sofort. Wie sollen die Dinge hier schon laufen? Statt zu antworten, schauen sie mich an, mit einer Mischung aus Skepsis, Enttäuschung und Gewissheit – der Gewissheit, dass alles schiefgegangen ist.

Ich bin für ein paar Tage zu Besuch in meiner Heimatstadt Jerez de la Frontera im Süden Andalusiens. Eigentlich lebe ich in Barcelona, aber manchmal vermisse ich mein altes Zuhause. Dann bilde ich mir ein, was für ein schönes Leben ich hier doch führen könnte: ruhig, gemütlich, glücklich. Aber kaum angekommen in Jerez, verschwindet dieses Bild sofort. Die Straßen wirken verlassen, die Häuser heruntergekommen, und über der Stadt liegt eine gedrückte Stimmung. Früher war Jerez höchstens bekannt für den guten Wein, der hier gemacht wird. Seit die internationale Finanzkrise vor sieben Jahren Spanien erreichte, ist die Stadt zum Sinnbild für den sozioökonomischen Verfall des Landes geworden: Sie hat den dritthöchsten Schuldenstand Spaniens, ein Großteil der Einwohner ist arbeitslos, und die meisten Familien bekommen nicht einmal Arbeitslosengeld. Jetzt frage ich mich, ob in meiner Heimatstadt überhaupt noch jemand glücklich sein kann.

Nach dem Abendessen verschwinde ich in mein altes Kinderzimmer. Einschlafen kann ich aber noch nicht, dafür bin ich zu unruhig. Wie immer, wenn ich nach Hause komme, überkommt mich so ein merkwürdiges Gefühl, als würde ich gleich einer alten Ex-Freundin begegnen oder müsste am nächsten Tag wieder zur Schule gehen. Ich liege im Bett und blicke mich in meinem Zimmer um. Der Raum scheint das Einzige zu sein, was die vergangenen Jahre in Jerez unbeschadet überstanden hat. Er ist noch exakt in demselben Zustand wie damals, als ich die Stadt zum Studieren verlassen habe. Dieselben Fotos, dieselben Bilderrahmen, dieselbe Farbe an den Wänden. Über dem Bett hängt noch das Poster mit einem Jungen darauf, der sich mühsam die Schuhe zubindet. Darunter steht: "Man kann mit den Schwierigkeiten keinen Pakt schließen, entweder wir besiegen sie, oder sie besiegen uns."

Inzwischen bin ich fertig mit meinem Studium und versuche, mein Geld als Autor zu verdienen. Aber viel zu häufig muss ich irgendwelche Gelegenheitsjobs annehmen, um meine Miete zu bezahlen. Ich überlege: Wie war ich damals, wie bin ich heute? Wie habe ich mir mein späteres Leben vorgestellt, und was mache ich gerade eigentlich? Wie ging es meiner Heimatstadt früher, wo steht sie heute? Ich bin unsicher, ob je ein Politiker einen anderen Plan für diese Stadt hatte, als sich so schnell wie möglich die eigenen Taschen zu füllen. Bevor ich zu einem Ergebnis komme, schlafe ich ein.

Am nächsten Tag schlendere ich durch das Stadtzentrum und hoffe, bekannte Gesichter zu treffen. "Wie läufts?" – immer wieder dieselbe Frage, auf die niemand eine gute Antwort hat. Ich stelle sie jedem, der mir über den Weg läuft. Alle, die in meinem Alter oder jünger sind, erzählen von ihren Plänen, nach Madrid, Deutschland, Lateinamerika oder in die USA zu gehen. Sie träumen von einer Zukunft an allen möglichen Orten, bloß nicht an dem, wo wir gerade sind. Es ist wie nach dem Ende einer Liebe: Erst kommt die Enttäuschung, dann die Ablehnung und später die Distanz. Und wenn es Zeit ist, sich endgültig zu verabschieden, dann verschwindet man am besten direkt ans andere Ende der Welt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/16.

Abends treffe ich mich im Duplicado mit ein paar Schulfreunden auf ein Bier. Früher war die Kneipe ein Laden mit guter Stimmung und Stammkundschaft. Heute hängen hier nur düstere Gestalten rum. Das Markenbier wurde gegen ein Gesöff getauscht, das nach Kloake schmeckt. Selbst die Musik klingt anders. Aber wir treffen uns trotzdem immer noch hier und unterhalten uns über die gleichen Sachen: darüber, wie es in der Stadt zugeht und wie man die Lage verbessern könnte. Wir ertränken unseren Kummer und sagen zum Abschied: "Morgen ist ein neuer Tag." Nur dass er manchmal nie zu kommen scheint.

Zorn

Ich stehe mitten in Barcelona, umringt von einer Menschenmenge. Wie von einem Strom werde ich von ihr mitgezogen, immer weiter die Straßen entlang. Die meisten Leute neben mir sind Studenten, sie tragen Transparente und brüllen Basta ya! – "Es reicht!", der Ruf, der seit der Krise bei allen Protesten in Spanien zu hören ist. Das Land hat in den letzten fünf Jahren so viele Demos wie lange nicht erlebt. Als ich vor zehn Jahren aus Jerez wegging, um in Barcelona Literarisches Schreiben zu studieren, habe ich mich kaum politisch engagiert. Inzwischen gehe ich so regelmäßig auf die Straße wie ins Fitnessstudio. Protestieren ist seit der Krise zu einer neuen Lebensart geworden, und ich habe mich in einen ihrer Anhänger verwandelt.