Firmen forschen im Netz nach Kandidaten, Algorithmen werten riesige Datenmengen über sie aus. Wie sich die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verändert.

Mit dem Job ist es wie mit der Liebe. Jeder sucht den Richtigen – ihn zu finden ist aber schwer. Karrierenetzwerke ähneln deshalb Datingseiten: Statt "Koche gerne, mag lange Spaziergänge und tiefsinnige Gespräche" heißt es dort: "Arbeite gut unter Zeitdruck, spreche vier Sprachen, habe drei Jahre Berufserfahrung". Bislang war ziemlich klar, wer dabei wem hinterherläuft: Absolventen schrieben Bewerbungen, die Unternehmen wählten unter vielen Kandidaten den besten aus. Das ändert sich gerade. Weil Unternehmen in manchen Branchen nicht mehr so einfach neue Leute finden, durchsuchen sie jetzt das Netz nach potenziellen Mitarbeitern. In Zukunft könnten Algorithmen darüber entscheiden, wer zusammenpasst und wer nicht – und sogar voraussagen, wie erfolgreich die Kollegen sein werden. Das verändert den Umgang zwischen Arbeitgebern und Bewerbern radikal. Vier Momente einer neuen Beziehung

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Wer sich verlieben will, hat es im Netz leicht. Mit einem Swipe nach rechts signalisiert man bei der Dating-App Tinder: "Ich will dich kennenlernen!" (Oder: "Ich will mit dir ins Bett!") So leicht kann man es auch bei der Jobsuche haben. Zum Beispiel mit der App Truffls, die das Tinder-Prinzip auf die Arbeitswelt überträgt. Jobsuchende richten sich ein Profil ein. Ein Algorithmus durchsucht daraufhin Stellenangebote auf Jobbörsen wie Monster oder Stepstone und schlägt einem die passenden Stellen vor. Ein Swipe nach rechts sagt: "Ich will für dich arbeiten!" Und schon wird das Profil an die jeweilige Firma geschickt. Matching heißen solche Verfahren. Bloß eine Spielerei? Vielleicht. Kürzlich gab zumindest schon der Autokonzern Opel bekannt, jetzt mit Truffls zu arbeiten.

Doch neue Technologien können nicht nur voraussagen, wer gut zueinanderpasst. Sie können noch viel mehr. Firmen werden zu Suchenden, Bewerber zu gläsernen Menschen. Das krempelt die Arbeitswelt radikal um.

Wie Unternehmen in Zukunft ihre Stellen besetzen, kann Andreas Dittes auf seinem MacBook zeigen. Bei einer IT-Konferenz in Köln klappt er seinen Bildschirm auf und tippt zwei Schlagwörter in ein Suchfeld: "Java", der Name einer Programmiersprache, und "Android", das Smartphone-Betriebssystem, für das gerade viele Programmierer gebraucht werden. Er sucht also einen Profi. Mit einem weiteren Klick beschränkt er die Suche auf die Region Berlin und drückt "Enter".

Sofort durchkämmt sein Computer Hunderte Millionen Online-Profile in rund 30 Sozialen Netzwerken wie Xing, Stackoverflow oder Kress nach den gewünschten Schlagwörtern und spuckt nach kaum mehr als 20 Sekunden eine Liste mit möglichen Kandidaten aus. Inklusive Kontaktdaten und versehen mit einem Wert von 0 bis 100, der angibt, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kandidat für einen neuen Job seinen alten kündigen würde. Das macht das Angraben leichter. "Als Unternehmen kann man sich jetzt bei den interessantesten Kandidaten bewerben", sagt Andreas Dittes.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/16.

Dittes ist der Gründer des Start-ups Talentwunder, und er führt gerne vor, was seine Software leistet. Talentwunder hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Internet riesige Datenmengen von Berufstätigen und Einsteigern zu sammeln und auszuwerten. Den Zugang zu diesen Datenmengen verkauft Talentwunder dann an andere Arbeitgeber. Das Start-up gibt damit einen Einblick, wie sich der Stellenmarkt gerade verändert.

Bislang sind es vor allem technische Firmen, die sich für die Datensätze interessieren. Denn Talentwunder liefert die digitale Lösung für ein ziemlich analoges Problem: In einigen Branchen gibt es viele offene Stellen, aber immer weniger Menschen, die auf Jobsuche sind. "Arbeitnehmermarkt" nennen Ökonomen dieses Phänomen. Besonders Ingenieure, Programmierer und Mathematiker werden von deutschen Unternehmen dringend gesucht.

Diese Firmen investieren deshalb Geld in die Suche von Talenten. Und sie prägen eine Kultur, bei der Unternehmen um Angestellte werben müssen. Active Sourcing, die Jagd nach den gefragtesten Leuten, wird für Unternehmen zur Überlebensfrage. Die Firma Accenture etwa, eine der größten IT-Beratungen der Welt, beschäftigt sich intensiv mit den neuen Möglichkeiten der Personalsuche. "Wir testen verschiedene Werkzeuge, um herauszufinden, mit welchen wir arbeiten wollen. Die größte Sorge ist, dass der Filter zu eng ist, weil wir kein Potenzial verlieren wollen", sagt Dagmar Zippel, die Recruiting-Leiterin der Beratung. Sie will nicht 100 Vorschläge für passende Kandidaten, aber auch nicht nur zehn. Der perfekte Filter, so Zippel, müsse sowohl die bekannten Netzwerke wie Xing, LinkedIn, Twitter und Facebook scannen als auch Tüftlernetzwerke, in denen sich Experten austauschen. Schon im nächsten Jahr will Accenture solch einen Filter benutzen.