ZEIT Campus: Sie sagten mal, nach dem Diplom wollen Sie einen Doktor machen. Steht der Plan noch?

Hildmann: Wenn ich das Diplom schaffe, würde ich mir das in ein paar Jahren vielleicht überlegen. Gerade habe ich allerdings viel spannendere Sachen, an denen ich arbeite.

ZEIT Campus: Sie sagen, Sie hätten finanziell ausgesorgt. Wieso tun Sie sich das Studium dann überhaupt noch an?

Hildmann: Das ist ein Egoding. Was ich anfange, bringe ich auch zu Ende. Das Physikwissen hat mir aber auch für meine Kochbücher geholfen. Ich konnte zum Beispiel mit Messgeräten zeigen, dass vegane und fettarme Ernährung die Antioxidantien in der Haut erhöht. Diese Verbindungen lassen die Haut langsamer altern.

ZEIT Campus: Was haben Sie aus dem Studium sonst noch fürs Leben gezogen?

Hildmann: Ich habe gelernt, ausdauernd zu sein. Als ich die Idee mit den veganen Kochbüchern hatte, glaubte erst niemand an mich. Und dass mich kein Verlag wollte, hat es mir echt schwer gemacht. Meine ersten drei Kochbücher habe ich selbst verlegt, so kleine Paperbacks. 40 Stunden im Monat habe ich an der Uni gearbeitet, um Geld für eine Spiegelreflex und einen Fototisch sparen zu können. Da bin ich an meine Schmerzgrenze gegangen.

ZEIT Campus: Wie läuft es heute?

Hildmann: Heute weiß ich, die Sachen rentieren sich. Wenn ich ein Buch für einen Verlag schreibe, geht das schon bei einer Auflage von über 100.000 Exemplaren los. Was noch wichtiger ist: Ich bin mit mir selbst im Reinen und tue das, was ich liebe.

ZEIT Campus: Seit wann können Sie von Ihren Kochbüchern leben?

Hildmann: Mitte 2012 kam Vegan for fit raus. Das war der Durchbruch. Seit 2013 kann ich davon meine Miete zahlen und habe sogar noch was übrig.

ZEIT Campus: Und dann haben Sie sich einen Porsche mit Ledersitzen gekauft. Das gab ganz schön Ärger.

Hildmann: Mir ging es nie darum, den Leuten zu zeigen, dass ich der perfekte Veganer bin. Aber ja, sie haben sich damals ziemlich aufgeregt: Als ich das erste Foto mit dem Porsche gepostet habe, standen nach zwei Stunden 800 Kommentare drunter. So was wie: "Du geldgeiler Penner, ich kaufe nie wieder ein Buch von dir." Damals habe ich an einem Tag 2.000 Facebook-Fans verloren Das hat selbst mich geschockt.

ZEIT Campus: Echt? Sie wirken aber, als wäre Ihnen so was total egal.

Hildmann: Heute ja … Damals habe ich mir das zu Herzen genommen. Gleichzeitig war ich irgendwann genervt und dachte mir: "Wenn die Menschen wirklich meinen, dass ein Veganer keinen Porsche fahren darf, dann zeige ich ihnen jetzt noch mehr Bilder."

ZEIT Campus: Sind Sie ein trotziger Typ, der sagt: "Jetzt erst recht"?

Hildmann: Ich halte nichts von Schubladendenken. Wenn ein Fleischesser im Porsche beim Discounter vorfährt, schert sich niemand drum. Ich fände es gut, wenn jede Bevölkerungsschicht sich bewusster ernährt, das schließt Sportwagen-Enthusiasten ein. Ich halte nichts von diesem "Alles oder nichts"-Denken. Es geht nicht darum, dass man zu 100 Prozent vegan lebt, sondern darum, bewusster zu konsumieren.

ZEIT Campus: Hilft Ihnen diese Attitüde, Ihre Bücher zu verkaufen?

Hildmann: Ich glaube, viele Menschen schätzen meine ehrliche und direkte Art. Mir geht es vor allem darum, Fakten in die Welt zu bringen. Spricht man frei nach Schnauze, macht man sich nicht bei allen beliebt, ich kann damit gut leben.

ZEIT Campus: Menschen mögen keine Besserwisser. Wieso kaufen die Leute Ihre Bücher?

Hildmann: Mir war es wichtig, das Thema Veganismus attraktiv zu machen. Ich habe schlaues Marketing gemacht, indem ich gesagt habe, dass ich der Lifestyle-Veganer bin und es im Buch um Fitness und Sixpacks geht. Die Themen zu verknüpfen war mein Masterplan. Viele Veganer geben ihren Mitmenschen das Gefühl, dass sie die besseren Menschen sind. In meinen Augen ist das eher abschreckend. Ich spare mir einfach diesen moralischen Zeigefinger. Viele spüren doch selbst, dass in der Tierhaltung einiges falsch läuft, sie sehen die Berichte über die Massentierhaltung und Fleischskandale.

ZEIT Campus: Viele Menschen fühlen sich trotzdem von Ihnen angegriffen. Die Fleischesser, aber auch die Veganer, zum Beispiel. Denen sind Sie nicht konsequent genug. Und Sie treten auch öffentlich gern streitlustig auf. Ist das bloß aufgesetzt?

Hildmann: Ich greife nicht per se Leute an. Wenn aber jemand behauptet, veganes Essen sei eine Mangelernährung, die dafür verantwortlich ist, dass der Regenwald gerodet wird, dann muss ich einfach reingrätschen. So viel Dummheit kann man nicht ohne Konsequenzen rausposaunen. So was nehme ich dann gerne als Vorlage.

ZEIT Campus: Sie schreiben auf Facebook: "Ich werde 2016 auf dem Lebensmittelmarkt aufräumen." Was meinen Sie damit?

Hildmann: Heute habe ich die Möglichkeit, Dinge zu beeinflussen, die mich stören. Die meisten Produkte werden auf Kosten von Menschen, Tieren und der Umwelt hergestellt, und ich möchte Alternativen anbieten. Ich habe zum Beispiel Matcha-Tee auf den Markt gebracht, davon fließt Geld in die Regenwaldaufforstung. Jetzt bringe ich meine eigene Bolognesesauce raus, davon gehen 20 Cent pro Glas in den Schutz von Tigern.

ZEIT Campus: Wann hätten Sie Ihr Ziel erreicht, also den Markt "aufgeräumt"?

Hildmann: Wenn ich größer bin als Nestlé.

ZEIT Campus: Sie sagen auch, dass Sie bis 2020 weltberühmt sind. Man könnte fast meinen, Sie spinnen.

Hildmann: Ich gebe Zweifeln keinen Raum. 2003 haben mich die Leute noch ausgelacht, als ich gesagt habe, ich würde vegane Bestseller schreiben. Heute habe ich 1,2 Millionen meiner Kochbücher im Schweinshaxen- und Bockwurstland Deutschland verkauft. Schauen Sie sich den Kochbuchmarkt an! Der ist nicht mehr wie vorher. Mittlerweile koche ich auch im amerikanischen Fernsehen, war in 20 verschiedenen US-Bundesstaaten in der Glotze. Heute lache ich über die Neinsager.