Der Paartherapeut Ulrich Clement erklärt, warum wir trotz Trennungen an die große Liebe glauben und was wir aus gescheiterten Beziehungen lernen können.

ZEIT Campus: Herr Clement, eine neue Kollegin von mir hat seit Anfang des Studiums denselben Freund. Ist es ungewöhnlich, dass sich jemand so früh festlegt?

Ulrich Clement: Es gibt unterschiedliche Liebestypen: eher treue und beständige Menschen, die auch mal eine Krise durchstehen. Und andere, die sagen: Wenn es nicht klappt, trenne ich mich eben. Aber Sie haben recht, es hängt auch von Alter und Lebensphase ab, ob Beziehungen lange halten. Junge Paare trennen sich schneller, wenn sie Probleme haben. Sie wissen ja, dass sie noch Zeit haben, jemand anderen zu finden. Und wer mit Anfang 20 häufig den Partner wechselt, kann mit 40 vielleicht auch besser zur Ruhe kommen.

ZEIT Campus: Wer sich heute austobt, kann sich also später besser festlegen?

Clement: So einfach ist es nicht. Es gibt diese Variante. Es kann aber auch sein, dass man sich heute austobt und hinterher niemanden mehr findet. Oder dass Ihre Kollegin zwar jetzt fest gebunden ist, aber später abenteuerlustig wird. Stellen Sie sich das erotische Leben eher in Phasen vor: Man ist nicht mit 15 Jahren ein verlässlicher Typ und bleibt das bis 85. Im Laufe des Lebens verändern sich die Vorstellungen. In manchen Phasen wünscht man sich einen festen Partner, in anderen nicht.

ZEIT Campus: Viele Studien zeigen, dass sich fast jeder die große Liebe wünscht, die für immer hält, Alte, Junge, Männer, Frauen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/16.

Clement: Stimmt, und jedes Mal, wenn man sich verliebt, denkt man wieder: Diese Liebe ist unendlich. Die Vorstellung der Unendlichkeit ist ein großer Motor im menschlichen Verhalten und nicht totzukriegen. Obwohl man immer wieder die Erfahrung macht, dass die Liebe enden kann. Darin unterscheiden sich die Menschen recht wenig. Sie denken: So ein tolles Gefühl hatte noch nie jemand. Das ist eine witzige Paradoxie: Die Einzigartigkeit ist in Wahrheit ein kollektives Gefühl.

ZEIT Campus: Ist es unrealistisch, dass meine Kollegin für immer mit ihrem Freund zusammenbleibt?

Clement: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung hält, ist kleiner als die, dass sie nicht hält. Unrealistisch ist das falsche Wort, das hört sich so an, als würde ich ihr von dem Mann abraten. Das tue ich nicht. Die Entscheidung für eine Beziehung kann richtig sein, selbst wenn sich diese später als endlich herausstellt.

ZEIT Campus: Aber dann wäre es doch vernünftig, gar nicht erst anzunehmen, dass eine Beziehung hält. Anstatt sich stets aufs Neue vorzumachen, diesmal sei alles anders.

Clement: Mit diesem Blick gehen Sie doch nicht in eine Beziehung rein! Das macht kein Mensch! Sie werden niemals sagen: "Du bist mein Lebensabschnittspartner." Das sagt man immer erst im Nachhinein.

ZEIT Campus: Weil wir so romantisch sind?

Clement: Und weil es uns selbst verletzen würde, das auszusprechen. Das Verliebtsein und das Vorstellen der Endlichkeit passen emotional überhaupt nicht zusammen. Wenn Sie jemanden lieben, dann sind Sie sich subjektiv sicher, dass es in dem Fall gut gehen wird. Andernfalls lieben Sie Ihren Partner nicht. Man kann natürlich auch eine abgeklärte Tour fahren, aber das entspricht nicht Ihren Gefühlen.

ZEIT Campus: Und was ist, wenn die Euphorie des Anfangs irgendwann nachlässt?

Clement: Dann entscheiden Sie, ob Sie mit ihm trotzdem zusammenbleiben wollen, weil es Ihnen um andere Qualitäten als um die Euphorie geht.

ZEIT Campus: Aber woher weiß man das?

Clement: Bevor Sie eine Entscheidung treffen, prüfen Sie Ihr Gefühl, Ihre rationale Einschätzung und fragen vielleicht auch Ihre Freunde. Diese Informationen bringen Sie zusammen, um entscheiden zu können. Wenn Sie beispielsweise überlegen, ob Sie mit Ihrem Partner zusammenziehen, dann ist Ihr Gefühl ein innerer Ratgeber, aber ob Sie es tun oder nicht, bleibt Ihre Entscheidung.