Will ein Ingenieur neue Ideen entwickeln, muss er meist sehr dafür kämpfen, sagt Gunter Dueck. Er war fünf Jahre Chefentwickler bei IBM

ZEIT Campus: Herr Dueck, in einem Vortrag auf YouTube erzählen Sie, dass Sie unbeschwerter denken können, seit Sie in Rente sind. Wie meinen Sie das?

Gunter Dueck: Forscher und Kreative arbeiten in einer anderen mentalen Verfassung als Durchschnittsmenschen. Für die wiederum sieht das Forschen von außen nicht wie Arbeit aus – mehr wie Ausruhen. Die Normalos kommen dann an und fragen: "Was machst du da? Was bringt das?" Beim Denken und Entwickeln hemmt das ungemein. So sehr, dass man echt böse werden kann.

ZEIT Campus: Ist das in Deutschland ein generelles Problem?

Dueck: Hierzulande meint "Innovation" meist Verbesserung – zum Beispiel Autos, die weniger Benzin verbrauchen. Aber niemand nimmt sich ein paar Monate Zeit, um den "disruptiven" Innovationen nachzugehen, also jenen Erfindungen, die eine bestehende Technologie vollständig ersetzen können. Dafür müssten Ingenieure viel Zeit investieren, sich in andere Märkte einfühlen und die Bedürfnisse der Menschen dort erkennen.

ZEIT Campus: Das können die deutschen Ingenieure nicht? Oder wollen sie nicht?

Dueck: Klar doch! Aber sie bekommen nicht die nötige Zeit dafür und kaum Freiraum. Die Betriebsökonomen haben seit einiger Zeit alles in "Prozesse" verpackt, was wohl zu Effizienz geführt hat. Für Innovationen aber gibt es keinen "Prozess". Manchmal muss man sich auch in den Wald setzen und den Gedanken freien Lauf lassen.

ZEIT Campus: Sie sprechen in Ihren Vorträgen oft von den Ökonomen als "Zahlenmenschen" und von Ingenieuren als "Autisten".

Dueck: Betriebsökonomen denken in Diagrammen und Tabellen. Ihnen sind das zähe, stille Tüfteln und das innere Grübeln fremd. Solche Momente passen nicht in ihre Pläne. Sie platzen da hinein wie Mama, die die Kinder beim Spielen unterbricht: "Deine Hände sind schmutzig, dein Hosenstall ist offen." Dann ist der Spaß vorbei, und die Ideen sind weg.

ZEIT Campus: Unternehmen versuchen inzwischen, die Bastlermentalität wieder einzuführen. Funktioniert das?

Wer im Unternehmen bastelt, hat immer ein schlechtes Gewissen
Gunter Dueck

Dueck: "Innovations-Campus" und "Research Lab" – das gab es doch alles schon! Die hat man wieder geschlossen, weil sie zu wenig Profit abwarfen. Das wird das Grundproblem nicht lösen.

ZEIT Campus: Das Grundproblem?

Dueck: Wer im Unternehmen bastelt, hat immer ein schlechtes Gewissen. Heute zählt man akribisch die Arbeitsstunden und sammelt ständig Berichte ein. Ich predige deshalb, ein Projekt so lange wie möglich für sich im Stillen zu erarbeiten. Sonst gibt es oft etwas auf den Deckel.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/16.

ZEIT Campus: Ingenieure sollen gefälligst in der Freizeit basteln?

Dueck: Man soll das Stundenzählen abschaffen. Das macht nur Stress, unter dem Leute einander nicht mehr helfen. Oder sie versuchen durch demonstrativ späten Feierabend an der Stechuhr Punkte zu sammeln. Man sollte die Ingenieure eigenverantwortlich arbeiten lassen! Begabungen fördern! Man sollte Arbeit so verteilen, dass jeder etwas Interessantes zu tun hat.

ZEIT Campus: Und wer macht die uninteressanten Sachen?

Dueck: Man könnte sie auflisten und untereinander verteilen. Erfahrungsgemäß bleibt kaum etwas übrig.

ZEIT Campus: Müssen die Ingenieure auch etwas lernen?

Dueck: Es reicht heute nicht, eine tolle Idee zu haben; man muss sie dem Chef auch schmackhaft machen, sie verkaufen. Die Ingenieure müssen lernen, in der Diskussion hartnäckig zu bleiben. Das ist sicher ganz und gar kein Ingenieurhandwerk – aber wer Innovationen schaffen will, muss es beherrschen. Auch gute Ideen muss man durchsetzen, sie zünden meist nicht von allein.