Früher nannte man sie die Unberührbaren: Menschen aus den niedrigsten Kasten Indiens. Auch heute noch werden sie diskriminiert – auf der Straße, in der Schule, an der Uni. Nach dem Selbstmord eines Doktoranden protestieren jetzt landesweit Studenten gegen die Unterdrückung.

Der Platz, auf dem sich die Zukunft Indiens entscheiden könnte, misst rund 30 mal 60 Meter. Es ist der zentrale Treffpunkt auf dem Campus der Universität Hyderabad im Herzen des Landes, "Shopcom" nennen die Studenten ihn, kurz für Shopping Complex. Vor den kleinen Geschäften, die Papaya-Saft, Masala-Omelett und Chapati verkaufen, protestieren seit Wochen Studenten, und ganz Indien hört ihnen zu. Ihre Forderungen könnten kaum weitreichender sein: Vom Shopcom aus wollen sie das jahrtausendealte indische Kastensystem zum Einsturz bringen.

"Wir müssen unser Leben lang kämpfen", sagt Uma Maheswara, 28. Der Doktorand der Politikwissenschaften trägt ein geliehenes T-Shirt, unter dem sein Bauchansatz hervorlugt, und sitzt am Computer eines Freundes. Sein eigenes Zimmer darf er nicht mehr betreten, die Polizei hat es mit einem Vorhängeschloss abgesperrt. Dort, in Room No. 207, in dem Platz ist für ein Bett, einen Schreibtisch, einen Stuhl und für Buddha-Bilder an der Wand, erhängte sich sein Freund Rohith Vemula, 26, am Ventilator an der Decke.

Das Gesicht des toten Rohith Vemula sieht man heute überall auf dem Campus der Uni Hyderabad, auf Banner gedruckt und als Graffiti an die Wände gesprüht. Unter einem bunten Stoffzelt steht ein Altar für ihn, am Rand formen Künstler gerade seinen Kopf aus Ton. Als sich die Nachricht von seinem Selbstmord verbreitete, verwandelte sich der Shopcom in einen Ort der Verehrung, der Trauer und der Wut. Studentendelegationen und Oppositionspolitiker aus der Hauptstadt besuchten den Marktplatz, Nachrichtensendungen berichten über ihn. Auch in Mumbai und in Pune, in Delhi und in Nagpur protestieren jetzt Studenten aus Solidarität.

Seit Wochen protestiert Uma Maheswara vor der Universität Hyderabad. © Claudius Schulze für ZEIT Campus

Früher nannte man Menschen wie Uma Maheswara und Rohith Vemula die "Unberührbaren". Heute heißen sie "Dalits", die "Zerrissenen". Noch immer gelten sie vielen Indern als unrein und ihr Leben als weniger wert. "Spiel nicht mit denen!", ermahnen Eltern aus höheren Kasten ihre Kinder. "Du darfst hier nicht beten!", sagen Brahmanen zu Dalits und verwehren ihnen den Zutritt zu ihren Tempeln. "Was willst du hier?", fragen Professoren an Universitäten.

Als Maheswara 2006 an der Uni Hyderabad aufgenommen wurde – nach einem Wissenstest und einem Gespräch mit einer Auswahlkommission –, gehörte er zu den besten Bewerbern. Wie alle Erstsemester brachte er am ersten Tag stolz den Zulassungsbescheid mit in die Uni, erzählt er. "Für einen Dalit vom Land ist die Universität Hyderabad wie ein anderer Planet. Man glaubt nicht, dass man ihn je betreten wird."

Uma mit Sternchen

Schon in seinem ersten Seminar merkte Maheswara, dass er an der Uni kein Student wie alle anderen sein würde. Auf der Namensliste stand: *Uma Maheswara. Plötzlich war er nicht mehr einfach nur Uma, sondern Uma mit Sternchen. Auf der Immatrikulationsbescheinigung in seinem Rucksack, auf den Teilnehmerlisten für die Uni-Kurse im Internet.

Am Computer im Wohnheim scrollt er jetzt über die Website der Universität und öffnet eine Seminarliste aus dem vergangenen Semester: ein Dokument, zwei Spalten. Links die General Category. Rechts die Reserved Category. Für Dalits und andere Minderheiten gibt es an indischen Universitäten Quoten. Auf den Listen werden ihre Namen markiert. Ein Sternchen für Dalits. Zwei Sternchen für Adivasis, die unterdrückten Stämme. Eine Raute für OBCs – other backward classes, also die restlichen Minderheiten im Kastensystem, die nicht ganz so weit unten angesiedelt sind.

Links die Klugen, rechts die Mitleidskandidaten – so könnte man die Listen interpretieren. Maheswara landete wegen seiner guten Testergebnisse zwar in der linken Spalte, doch sein Name war trotzdem mit einem Sternchen markiert. Dalit bleibt Dalit. "Die anderen im Seminar drehten sich zu mir um, musterten meine Klamotten und meine Schuhe. Von da an mieden sie mich", sagt er. Ein Sternchen bestimmt an indischen Universitäten, wer mit dir redet, woran du glaubst und wen du liebst. Ein Sternchen bestimmt, wer du bist.

"Die Diskriminierung von Dalits an Universitäten gehört zu Indien", sagt Kancha Ilaiah, ein führender Experte zu Ausgrenzung im indischen Bildungssystem. Ilaiah sitzt in seinem Direktorenzimmer im Center for the Study of Social Exclusion and Inclusive Policy an der fünf Kilometer entfernten National-Urdu-Universität. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Bücher, ganz oben liegt der Koran. Ilaiah schließt seine Augen, wenn er spricht, als konzentriere er sich auf jedes Wort. "Im hinduistischen Weltbild gehört die Universität den Brahmanen, der höchsten Kaste. Sie sind die Hüter des Wissens und führen die Institute wie Tempel", sagt er, "Dalits spüren vom ersten Tag an, dass sie nicht gewollt sind. Schwächere Studenten bekommen keine Unterstützung. Besseren Studenten missgönnt man den Erfolg. Das stürzt viele in die Verzweiflung."

Vier Monate lang habe er an der Uni mit niemandem geredet, erzählt Uma Maheswara. Er traute sich nicht, sich in den Vorlesungen zu melden, selbst wenn er die Antwort wusste. Er, der Junge von der staatlichen Schule, sprach schlechter Englisch als seine Kommilitonen aus den höheren Kasten, die eine Privatschule besucht hatten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/16.

Als ihn gegen Ende des ersten Semesters eine Kommilitonin in der Pause ansprach und fragte, ob alles in Ordnung sei, schaute er zu Boden. "Ich habe wie verrückt angefangen zu schwitzen", sagt er. Maheswara schaut auch jetzt zu Boden. Dann lächelt er. "Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ein Mädchen mit mir gesprochen hat."

Dalit bleibt man auch in der Liebe. Viele im Protestcamp an der Uni erzählen davon, wie schwer es sei, eine Freundin zu finden. Bei Mädchen aus höheren Kasten hätten sie keine Chancen, und wenn sich doch was anbahne, kämen die Eltern dazwischen. Mädchen aus niedrigen Kasten wiederum besuchten selten eine Universität oder würden sich "nach oben hin" umschauen. Es gibt Endzwanziger und Mittdreißiger, die noch nie geküsst haben, die noch nie glücklich verliebt waren. *Uma Maheswara. Das Sternchen haftet an einem wie ein Makel.

In der indischen Verfassung steht: "There shall be equality of opportunity for all citizens." In der indischen Realität definiert die Kaste bis heute das Leben und den Tod.