Probezeit bedeutet: Arbeiten unter Beobachtung. Arbeitsrechtlerin Marta Böning kommentiert sechs Situationen, in die jeder Berufsanfänger geraten kann.

ZEIT Campus: Studium und Abschluss sind gemeistert, die Jobsuche war erfolgreich – in der Hand halte ich meinen ersten Arbeitsvertrag. Die Probezeit, steht da, soll sechs Monate dauern. Der Chef will damit sichergehen, dass er mich notfalls auch wieder loswird. Oder?

Marta Böning: Eine Probezeit ist üblich, um sich gegenseitig abzusichern: Der Arbeitgeber will sich von Ihrem Können überzeugen. Genauso sollten Sie schauen, ob der Job Ihnen auch gefällt. Ist es das richtige Unternehmen? Die richtige Aufgabe? Zulässig sind sechs Monate Probezeit. So lange kann Ihr Chef den Vertrag kündigen, ohne Gründe anzugeben. Erst danach gilt der gesetzliche Kündigungsschutz. Wird eine Probezeit vereinbart, beträgt die Kündigungsfrist zwei Wochen, ohne Probezeit sind es vier, jeweils zur Mitte oder zum Ende des Monats. Auch wenn Sie eine Probezeit vereinbart haben, die kürzer ist als sechs Monate – oder gar keine – sind Sie durch das Gesetz erst nach einem halben Jahr vor Kündigung geschützt.

ZEIT Campus: Ich habe mich in der neuen Firma gut eingewöhnt. Die Arbeit läuft ganz gut, aber alle Aufgaben beherrsche ich noch nicht. Einmal ist mir ein dummer Fehler unterlaufen. Fliege ich deshalb raus?

Böning: Dazu gibt es keine Regel. Gute Betriebe gewähren ihren Berufsanfängern in den ersten Wochen einen Vertrauensvorschuss. Der Arbeitgeber guckt jedoch genau hin: Erfüllen Sie die Erwartungen? Kommen Sie mit den Kollegen gut aus? Funktioniert die Zusammenarbeit? Das bedeutet aber nicht, dass Sie nun Arbeit ins Wochenende mitnehmen oder am Sonntag für eine Besprechung bereitstehen müssen.

ZEIT Campus: Richtig gut läuft es nicht. Ich bin einige Male zu spät gekommen, und der Chef ist mit meiner Arbeit nicht zufrieden. Droht mir eine Abmahnung? Und was bedeutet das?

Böning: Wenn Sie Pflichten aus Ihrem Arbeitsvertrag verletzen, muss Ihr Arbeitgeber Sie erst abgemahnt haben, bevor er Ihnen kündigen kann; das gilt allerdings erst nach sechs Monaten, wenn der gesetzliche Kündigungsschutz greift. In der Probezeit gilt dieser Schutz noch nicht, eine Abmahnung ist also zur Kündigung nicht notwendig. Wenn Ihr Chef Sie trotzdem während der ersten sechs Monate vor einer drohenden Kündigung warnt, kann das bedeuten: Er war bisher nicht zufrieden, gewährt Ihnen hiermit aber eine letzte Chance.

ZEIT Campus: Soll ich mich wehren, wenn der Chef mir tatsächlich kündigt? Und wie?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/16.

Böning: Wollen Sie gegen eine Kündigung vorgehen, müssen Sie spätestens drei Wochen nachdem Sie die schriftliche Kündigung erhalten haben beim Arbeitsgericht eine Klage einreichen. Die Kündigung kann in den ersten sechs Monaten unzulässig sein, wenn sie völlig willkürlich ausgesprochen wird oder auf 'sachfremde Erwägungen' gestützt ist: Ein Arbeitgeber darf zum Beispiel niemanden allein aufgrund der sexuellen Orientierung vor die Tür setzen. Auch eine Frau, die mitgeteilt hat, dass sie schwanger ist, genießt bereits in der Probezeit Kündigungsschutz.

ZEIT Campus: Es blieb bei der Drohung. Aber das Klima bei der Arbeit ist schlecht geworden. Ich denke selbst darüber nach hinzuschmeißen. Was muss ich beachten?

Böning: Sie müssen die Fristen einhalten und schriftlich kündigen, aber natürlich haben Sie jederzeit das Recht dazu. Eine Eigenkündigung kann aber dazu führen, dass Sie für einige Wochen kein Arbeitslosengeld bekommen. Diese Sperre kann wegfallen, wenn Sie das Arbeitsverhältnis beenden, weil Ihre Gesundheit es nicht anders zulässt – oder Ihnen die Weiterbeschäftigung nicht zumutbar ist, weil der Arbeitgeber seine Pflichten verletzt hat.

ZEIT Campus: Ich bin geblieben. Meine Probezeit ist überstanden, aber die Stelle ist befristet. Nach einem Jahr bekomme ich einen neuen Vertrag angeboten, der wieder befristet ist. Darf meine Firma immer so weitermachen?

Böning: Leider erlaubt das Gesetz den Arbeitgebern, Verträge ohne sachlichen Grund zu befristen, und zwar für die Dauer von zwei Jahren. Innerhalb dieses Zeitraums darf ein befristeter Vertrag bis zu drei Mal verlängert werden. Dadurch droht Beschäftigten, in einer Art ausgedehnter Probezeit stecken zu bleiben: Im schlimmsten Fall bekommen Sie vier Halbjahresverträge hintereinander und stehen nach zwei Jahren doch auf der Straße. Das ist zwar legal, aber ich halte diese Praxis für problematisch. Befristungen sind sinnvoll, wenn ein Arbeitgeber Arbeitskräfte für ein spezielles Projekt oder eine Vertretung braucht. In manchen Branchen aber bekommen Berufseinsteiger heute kaum noch unbefristete Stellen. Wenn Sie ein Unternehmen gefunden haben, das Ihnen einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit sechsmonatiger Probezeit anbietet: Glückwunsch! Das ist leider nicht mehr die Regel.