Theodor Herzl hebt den Säbel. Er ist gerade 21 geworden und steht vor seinem ersten Fechtkampf bei der Albia, einer deutschen Burschenschaft in Wien. "Achtung! – Los!" ruft der Unparteiische. Herzls Klinge surrt durch die Luft, der erste Hieb sitzt.

An diesem Abend wird bei der Albia gesoffen und gesungen: Lieder über Deutschland, Heldenmut und Freiheit. Herzl ist durch den Kampf soeben vom Fuchs zum Burschen aufgestiegen. Doch nicht allen Jungs der Albia gefällt das, denn Herzl ist Jude. Er hätte sich eine liberale Burschenschaft suchen können, aber er wählte die deutschnationale Albia. Für ihn ist sie der Inbegriff deutscher akademischer Kultur. Herzl selbst sieht sich als Deutscher. Ginge es nach ihm, soll sich das Judentum der christlichen Mehrheit anpassen, die in Deutschland und Österreich-Ungarn vorherrscht. Je mehr die Juden ihre Traditionen ablegten, desto mehr Rechte bekämen sie in der Gesellschaft, glaubt Herzl. Am besten also, findet er, wenn sich sein uraltes Volk in der deutschen Kulturnation auflöst.

Nie scheint Herzl weiter weg zu sein von dem, was ihn Jahrzehnte später weltberühmt machen wird, als in diesen Tagen: Herzl wird einmal Tausende Juden inspirieren: Er wird der Vater des Zionismus werden, der jüdischen Befreiungsbewegung, die zur Gründung des Staates Israels führt.

Geboren wird Theodor Herzl 1860 in Budapest. Er wächst direkt neben der Synagoge in der Tabakgasse auf. Seine Eltern – sie Österreicherin, er Ungar – erziehen ihn nach jüdischer Tradition, aber kaum religiös. Als Jugendlicher träumt Herzl davon, Ingenieur zu werden; er entdeckt aber auch seine Liebe fürs Schreiben. Er gründet eine Schülerzeitung, einen Debattierklub und verfasst erste Zeitungsartikel. Als die Familie nach seinem Abitur nach Wien zieht, ist Herzl klar, dass er Schriftsteller werden möchte. Poet sei kein Beruf, sagen die Eltern, und so schreibt sich der Sohn für Jura ein.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/16.

Herzl besucht die Vorlesungen nach Vorschrift und besteht die Prüfungen glanzlos. Lieber verbringt er die Tage im Kaffeehaus, trifft Kommilitonen zum Debattieren, Trinken, Billard- und Kartenspielen. Glaubt man Herzls Tagebuch, liest er pausenlos Bücher. Und er schreibt: Feuilletons für Wiener Zeitungen und Lustspiele fürs Theater. Seine Helden sind Barone, Lords und edle Ritter. Herzl idealisiert das Leben deutscher Adliger und Preußens Militärkultur. Vielleicht wäre auch aus ihm ein Kaffeehausliterat der Wiener Moderne geworden – hätte er nicht gegen Ende seines Studiums zwei tiefe Enttäuschungen erlebt: Bei der Albia merkt Herzl mit der Zeit, wie argwöhnisch viele Burschen auf ihn schauen: Jude und gleichzeitig Deutscher könne man nicht sein, heißt es. Juden würden nicht zum "deutschen Volk" gehören. Im März 1883 hält Herzls Kommilitone eine Trauerrede zu Ehren Richard Wagners. Darin hebt er Wagners Judenhass hervor und ruft dazu auf, Österreich-Ungarn zu zerschlagen. Herzl wird klar, dass ihm der Antisemitismus ausgerechnet von denen entgegenschlägt, die er bewundert hat – den deutschen Akademikern. Er spürt, dass der Hass nicht auf das Judentum als Religion zielt, sondern auf die Juden als Menschen. Drei Tage nach der Rede schickt Herzl sein Austrittsgesuch an die Burschenschaft.

Danach gerät er in eine Schreibkrise. Er empfindet Ekel vor seinen Texten, seine Stücke werden abgelehnt. "Kein Erfolg will kommen", schreibt er in sein Tagebuch. Und: "Und ich gedeihe nur im Erfolg." In Paris, wohin ihn schließlich eine Wiener Zeitung als Korrespondent entsendet, keimt in Herzl ein neuer Gedanke: Nicht Anpassung und Auflösung des Judentums können die Lösung sein. Das jüdische Volk  – jahrhundertelang ausgegrenzt und verfolgt – muss stolz und laut sagen: "Wir sind Juden!"

1895 verfasst Herzl den Text Der Judenstaat, der die Idee eines eigenen Staates als Heimat für alle Juden auf den Punkt bringt. Das Büchlein umfasst nur achtzig Seiten, aber wirkt wie ein Feuerfunke: Es macht Herzl zum geistigen Vater des Staates Israel. Und zum Diplomaten in jüdischer Sache. Herzl trifft den Sultan in Istanbul und den deutschen Kaiser auf Pilgerfahrt in Jerusalem und bittet um Rückhalt für seine Idee. Im August 1897 lädt Herzl in Basel zum ersten Zionistenkongress, bei dem sich Tausende Juden aus aller Welt versammeln. Weitere Kongresse folgen. In sein Tagebuch schreibt er: "In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in 50, wird es jeder einsehen." Im Sommer 1904 stirbt Herzl, aber er sollte recht behalten: Am 14. Mai 1948 ruft David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel aus. Hinter ihm an der Wand hängt dabei ein Bild von Theodor Herzl. Später wird auch dessen Leichnam nach Jerusalem überführt und dort erneut bestattet.