Natur statt Rasur. Ein Trend, der nichts kostet – außer Überwindung.

Arme hoch, wer beweisen will, dass er mit dem Trend geht: Frauen tragen diesen Sommer wieder Achselhaar. Die Avantgarde lässt wachsen statt waxen – und widersetzt sich damit einer Ästhetik, die seit Jahrzehnten das westliche Schönheitsideal prägt und Grundlage einer ganzen Industrie ist.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/16.

Gerade in den USA, wo bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts weibliche Achseln haarlos und glatt sein sollen, ließen junge Frauen zuerst den Rasierer liegen: Vergangenen Sommer riefen sie unter dem Hashtag #freeyourpits dazu auf, die Härchen wachsen zu lassen. Stars wie Miley Cyrus und Madonna unterstützen sie mit Fotos ihrer gefärbten Achselhaare. In Magazinen folgten Mode- und Fotostrecken, in denen der neue Sommerpelz mit Spaghettiträgertops kombiniert wurde. Neben dem Protest ist das Achselhaar vor allem ein Hingucker: Über die vergangenen Jahrzehnte ist glatt rasierte Haut zum Standard geworden. Stoppeln unter den Achseln? Eklig! Ein Tabu. Die brechen Kreative bekanntlich gerne.

Trends, die vom geltenden Schönheitsideal abweichen, wirken zunächst meist befremdlich. So empörte in den 1960ern der Aufstieg des ersten Magermodels Twiggy die Öffentlichkeit, heute würde sie nirgendwo auffallen. Auch, dass ein Doppelkinn in der Renaissance mal als sexy galt, kann keiner mehr verstehen. Wie die Vorstellung vom perfekten Körpermaß hat sich auch das Verhältnis zur Behaarung mit der Zeit verändert – und variiert von Kultur zu Kultur. Unter den alten Ägyptern, Griechen und Römern galten Menschen, die sich nicht enthaarten, als Barbaren. Im Islam ist Enthaarung Teil der Religion, in der westlichen Welt aber ist in den vergangenen Jahrzehnten eine Milliardenindustrie um den haarlosen Körper entstanden, an der nicht nur Hersteller von Rasierern und Rasierschaum verdienen, sondern auch Studios für Waxing und Laser-Haarentfernung.

Schön sein heißt enthaart sein. Dem widersetzt sich die neue Bewegung und hat keine schlechten Chancen, viele Anhänger zu finden: Bio ist schon lange Mainstream, vegan zu leben hipper Lifestyle. Was könnte da besser passen als ein Trend, der auf Natur setzt – und nicht mal was kostet?