Nietzsche will sie heiraten – Freud verneigt sich vor ihr. Sie stellt die bürgerlichen Verhältnisse auf den Kopf und wird eine Pionierin der Psychoanalyse.

Lou von Salomé hält die Peitsche in der Hand. Friedrich Nietzsche und Paul Rée haben sich wie Pferde vor einen Karren gespannt, auf dem sie kniet. Die beiden Denker schauen trotz Anzug aus wie Schuljungen. Es klickt, das Foto ist geschossen. Eine seltsame Situation, festgehalten im Mai 1882 in Luzern. Das Bild ist Nietzsches Idee; von Salomé und Rée schämen sich dafür, wird sie später in ihrem Lebensrückblick notieren. Nietzsche meint, das Foto würde das Verhältnis der drei Freunde perfekt illustrieren. Gerade erst hat von Salomé, die Frau auf dem Karren, die Nietzsche "Geschwistergehirn" nennt, seinen zweiten Heiratsantrag abgelehnt. Paul Rée holte sich Monate zuvor bei ihr eine Abfuhr.

Louise von Salomé kommt am 12. Februar 1861 in St. Petersburg zur Welt; ihre Mutter ist aus Hamburg, ihr Vater ein General des Zaren. Strikt plant der Vater die Karriere der Brüder; Lou lässt er Freiheit. Sie geht nicht regelmäßig zur Schule, sondern lernt allein. Als sie 18 ist, stirbt der Vater. Halt findet Lou nun beim liberalen niederländischen Pastor Hendrik Gillot, der in St. Petersburg predigt. Gemeinsam lesen sie Spinoza, Leibniz und Kant; sie diskutieren über Gott. Lou wird süchtig nach intellektuellem Austausch; sie will studieren.

1880 schreibt sie sich in Zürich ein. Viele Hochschulen nehmen Frauen zu dieser Zeit gar nicht auf. Von Salomé hört Vorlesungen zu Theologie, Philosophie und Logik. Tag und Nacht studiert sie. Nach einem halben Jahr ist sie körperlich am Ende; einen hartnäckigen Bluthusten wird sie nicht los. Auf der Suche nach besserer Luft reist sie 1882 nach Rom. Dort lernt sie durch die Frauenrechtlerin Malwida von Meysenbug Wissenschaftler und Denker kennen – so auch Friedrich Nietzsche und Paul Rée.

"Von welchen Sternen sind wir uns hier einander zugefallen?", fragt Friedrich Nietzsche, als Lou von Salomé ihm durch Paul Rée vorgestellt wird. Eine innige Freundschaft entwickelt sich. Zu dritt unternimmt man Reisen, diskutiert und korrigiert sich gegenseitig Texte. Von Salomé arbeitet an literarischen Skizzen, aus denen ihr erster Roman werden soll. Ihre Beziehung nennen sie "Dreieinigkeit": Lou, Paul und Friedrich. Lou schlägt vor, eine Studien- und Wohngemeinschaft zu gründen, am liebsten in Paris. Die Männer sind erfreut, aber auch in der Bredouille: Beide haben sich in Lou verliebt. Friedrich bittet Paul, Lou in seinem Namen die Ehe anzutragen. Paul windet sich. Er hatte es bereits selbst bei ihr versucht, was Friedrich nicht weiß. Auf einer Wanderung im Sommer 1882 in den Bergen über dem Ortasee im Piemont sind Friedrich und Lou allein. "Ob ich Nietzsche auf dem Monte Sacro geküßt habe – ich weiß es nicht mehr", sagt Lou Jahre später einem Freund. Ein paar Tage danach macht Friedrich ihr erneut einen Antrag, blitzt ab und arrangiert frustriert in Luzern das Peitschenfoto. Er lässt nicht locker.

Erst durch Intrigen von Nietzsches Schwester Elisabeth bröckelt seine Zuneigung und erlischt schließlich – wie auch seine Freundschaft zu Paul Rée. Von Salomé und Rée ziehen im Herbst des Jahres zusammen nach Berlin, ohne Nietzsche. Der ist gekränkt, enttäuscht und schreibt Briefe, in denen er die beiden beleidigt. Er schreibt in dieser Zeit aber auch seinen berühmten Zarathustra und bekennt, dass er ihn ohne von Salomés intellektuellen Einfluss nicht hätte verfassen können.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/16.

In Berlin gründen Rée und von Salomé einen Studienzirkel, in dem sie die einzige Frau ist, bewundert und "Exzellenz" genannt wird. Paul Rée ruft man "Ehrendame" – die Rollen sind vertauscht. 1885 veröffentlicht von Salomé ihren ersten Roman Im Kampf um Gott. Die Gemeinschaft mit Rée endet, als von Salomé 1887 heiratet.

Sie liebt ihren Mann, den Orientalisten Friedrich Carl Andreas, jedoch nicht nur ihn. "Ich bin Erin-nerungen treu für immer; Menschen werde ich es niemals sein", schreibt sie später in einem Brief. Von Salomé lebt nun in Paris, Göttingen, auf einem Hof bei München. Eine innige Freundschaft verbindet sie mit René Maria Rilke; er nennt sich ihretwegen "Rainer". Von Salomé verfasst ein Buch nach dem anderen; bald stellt sich Erfolg ein: Die Heldinnen ihrer Romane sind Frauen, die Fesseln sprengen, die ihnen die Normen der Gesellschaft anlegen. Ihre philosophischen Texte handeln von Gott, Theater, Erotik und Psychoanalyse. Ihr Denken ist modern und weist weit über ihre Zeit hinaus. Es treibt sie heftiger Wissensdurst und, so sie selbst, "total entriegelter Freiheitsdrang". Ihre nonchalante Lebensführung ist dabei genau das, was Nietzsche nur im Geiste schafft: eine Auflehnung gegen die Moral des Bürgertums.

Mit fünfzig Jahren geht Lou Salomé nach Wien und lässt sich von Sigmund Freud zu einer der ersten Psychoanalytikerinnen der Welt ausbilden. Freud schreibt über eine Arbeit von ihr, sie sei "ein unfreiwilliger Beweis ihrer Überlegenheit über uns alle".