Trifft man Sebastian Urzendowsky an seiner alten Schauspielschule, der Universität der Künste in Berlin, kommt man nicht gleich auf die Idee, dass dieser 30-Jährige einen Neonazi spielen könnte. Im viel diskutierten NSU-Film war er der mutmaßliche Mörder Uwe Böhnhardt. Er ist klein, hat schmale Schultern und sieht aus wie Anfang 20. Zum ersten Mal stand Sebastian mit 13 Jahren vor der Kamera. Heute hat er Schauspielagenturen in Berlin, Paris und London und spielt in internationalen Produktionen genauso wie in großen deutschen Filmen. Und er bekommt schwierige Rollen, als Kindermörder oder Pädophiler. Trotzdem kennt ihn kaum einer. Das muss sich ändern.

ZEIT CAMPUS: Du hast einen Kindermörder gespielt, einen Pädophilen und nun den Neonazi Uwe Böhnhardt in dem ARD-Film über den NSU, Heute ist nicht alle Tage. Hast du ein besonderes Talent für fiese Typen?

SEBASTIAN URZENDOWSKY: Ich wäre bei Böhnhardt selbst nicht auf die Idee gekommen, mich zum Casting einzuladen. Böhnhardt schlägt in dem Film Leuten in die Fresse und brüllt rum. Dieses Gewalttätige, dieses Physische, die Art Männlichkeit, das hat mir anfangs sogar der Regisseur Christian Schwochow nicht zugetraut.

ZEIT CAMPUS: Warum hast du die Rolle trotzdem bekommen?

URZENDOWSKY: Die Castings waren gelaufen, aber Christian war noch nicht so richtig zufrieden. Dann kam er zusammen mit der Produzentin auf die Idee, Anna Maria Mühe, Albrecht Schuch und mich noch mal für die Rollen von Beate Zschäpe und den beiden Uwes anzugucken. Es passte.

ZEIT CAMPUS: Wie hast du dich vorbereitet?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/16.

URZENDOWSKY: Ich habe anderthalb Monate in der Kampfsportschule der Stuntfrau Angie Rau trainiert. Eine Minute Liegestütze, eine halbe Minute Pause, eine Minute Liegestütze und so weiter. Nach ein paar Wochen sah ich drahtiger aus, und vor der Kamera wirkt man ohnehin massiver.

ZEIT CAMPUS: Was hat dir die Schauspielschule dafür gebracht?

URZENDOWSKY: Da habe ich gelernt, Unfertiges zu zeigen. Sich vor die Gruppe zu stellen und zu wissen: Das ist okay, wir proben ja noch. Gegenüber jüngeren Schauspielern, die nicht auf einer Schule waren, gibt es oft einen gewissen Dünkel. Es heißt, denen fehle das Handwerk. Das finde ich wahnsinnig arrogant. Trotzdem musste ich das für mich herausfinden. Ich habe mich dann an einigen Schulen beworben, aber hatte Angst davor.

ZEIT CAMPUS: Wovor?

URZENDOWSKY: Das Klischee ist, dass man an den Schulen eine komische Theatralik bekommt und kein Wort mehr normal aussprechen kann, sondern alles überprononciert. Das wollte ich nicht. Meine Vorsprechen liefen auch nicht nur gut. In Leipzig kam ich weiter, aber da sagten die Dozenten: "Der hat ein sehr grünes Talent, wir machen mal ein großes Fragezeichen dahinter." Mit grün meinten sie unreif. In der Ernst Busch in Berlin hieß es: "Man sieht Ihnen an, dass Sie schon viel gedreht haben, aber es wird schwer, das wieder aufzubrechen." Der Druck ist so groß, wenn man vorspielt. Was einem an dem Tag gesagt wird, vergisst man sein Leben lang nicht. Manchmal frage ich mich, mit welchem Recht Dozenten sich so verhalten.

ZEIT CAMPUS: An der UdK hat es geklappt. Als Einziger aus der Klasse hast du neben dem Studium gedreht. Gab es böses Blut?

URZENDOWSKY: Nein, die anderen wussten ja, dass ich schon vorher Filme gemacht habe. Schwierig war es, wenn einer von uns, mit gleichen Startbedingungen, plötzlich bei einem richtig großen Stück mitgespielt hat.

ZEIT CAMPUS: Du arbeitest, seit du 13 Jahre alt bist. Wie ging das los?

URZENDOWSKY: Meine Mutter meinte, ich bräuchte ein Hobby. Musikunterricht war nicht mein Ding. In den Fußballverein wollte ich auch nicht. Deshalb ging ich mit einem Freund zum Jugendtheater. Mein erstes Stück war Die Biene Maja, ich war Flip, der Grashüpfer. Später sah mich ein Regisseur und besetzte mich für seinen Film Paul Is Dead.

ZEIT CAMPUS: Deine Eltern sind Ärzte, genau wie deine vier Großeltern. Du und auch deine kleine Schwester Lena sind Schauspieler. Seid ihr die schwarzen Schafe der Familie?

URZENDOWSKY: Nein! Die Liebe zur Kunst kommt von meiner Mutter. Sie macht nach Feierabend manchmal Chansonabende. Mittlerweile in Cafés, früher in der Wohnung nebenan. Da wohnte ein Dirigent, der zu Salons einlud. Manchmal kamen über 100 Leute, dazwischen sprangen Kinder rum. Ich habe damals auf der Ofenbank gesessen und zugehört, wenn meine Mutter gesungen hat. Die ganzen Tucholsky- und Hollaender-Sachen kenne ich deshalb rauf und runter.

ZEIT CAMPUS: Heute hast du eine Schauspielagentur in Berlin, eine in Paris und eine in London, die dir Filmprojekte vermitteln. Synchronisiert wirst du nie. Wie machst du das?