Weniger arbeiten, genauso viel verdienen – ein schöner Traum? In Schweden wird er ausprobiert.

In ihrem Büro im Göteborger Rathaus wirft Maria Rydén einen Stapel zusammengetackerter Zettel auf den Holztisch neben ihrer Sofaecke. "Ich wusste es", sagt die 54-Jährige mit Blick auf die Unterlagen und lässt sich in einen gepolsterten Sessel fallen. Maria Rydén, eine kräftige Frau in dunkelblauem Jeansrock und passendem Blazer, ist seit sechs Jahren Abgeordnete für die konservative Moderaterna-Partei im Stadtrat von Göteborg. Und sie ist einer der größten Gegner eines der populärsten Experimente der Stadt.

Vor zwei Jahren boxten die Vertreter der Vänsterpartiet, des Pendants zur deutschen Linkspartei, ein Pilotprojekt durch, bei dem Pflegeassistenten in einem Altenheim zwei Stunden weniger pro Tag arbeiten – bei voller Bezahlung, zwei Jahre auf Probe. Seit dem Projektstart 2015 ist es nichts Besonderes mehr, wenn ein Journalist der New York Times das Foyer des Rathauses betritt oder ein Team des chinesischen Staatssenders CCTV seine Kameras aufbaut. Die Medien kamen aus dem Rest des Landes, Europa, den USA, Australien und Asien nach Göteborg. Alle wurden sie von den gleichen Fragen angelockt: Mehr Freizeit bei gleichem Gehalt – das klingt schließlich nach einem Traum. Könnte er in der Arbeitswelt so selbstverständlich werden, wie es in Schweden das Du unter Kollegen ist?

Was in Schwedens zweitgrößter Stadt ausprobiert wird, ist vom Alltag der meisten Arbeitnehmer auf dieser Welt weit entfernt. Im Schnitt arbeiten Erwerbstätige in Schweden 36 Stunden pro Woche, das zeigt die Arbeitskräfteerhebung von Eurostat, dem Statistikamt der EU. Eine Stunde weniger als der Durchschnitt aller Mitgliedstaaten. Deutsche arbeiten demnach rund 35 Stunden. Die Teilzeitbeschäftigten unter ihnen kommen auf 18,8 Stunden, Vollzeitkräfte auf 41,5. Familienministerin Manuela Schwesig von der SPD schlug zwar vor einiger Zeit ein Modell vor, bei dem beide Elternteile 32 Stunden pro Woche arbeiten und zusätzlich finanziell vom Staat unterstützt werden. Doch Kanzlerin Angela Merkel gab der Idee eine Abfuhr.

Maria Rydén hätte das Göteborger Projekt ebenfalls gern verhindert: zu teuer, zu populistisch, schlecht umgesetzt. Doch ihre Kritik tauchte in den Artikeln und Fernsehbeiträgen, wenn überhaupt, nur am Rande auf.

Die Argumente der Befürworter klingen zunächst überzeugend. Besonders eines: Indem man die Arbeitsstunden verkürzt, könnte die Krankenrate des Personal reduziert werden, hieß es. Ausfälle kosten den Pflegesektor Millionen. Das Sechsstundenprojekt ist ein Modell, das Geld spart und Mitarbeiter glücklich und gesünder machen soll, sind die Mitglieder der Vänsterpartiet überzeugt. Es ist nicht das erste Experiment dieser Art in Schweden – das erklärt, warum einige Medien bald so darüber schrieben, als würde ganz Göteborg den Sechsstundentag erproben oder alle Schweden nur noch 30-Stunden in der Woche arbeiten. Vielleicht wollten sie das gerne glauben – zu schön ist der Traum vom Sechsstundentag.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/16.

Im Büro von Maria Rydén liegen nun die Studienergebnisse des Sechsstundenprojekts auf dem kleinen Holztisch. Für sie sind es 39 doppelt bedruckte Seiten purer Genugtuung: Die Studie zeigt, dass 17 neue Pflegekräfte eingestellt wurden, um die Stundenreduzierung aufzufangen. Das kostet die Stadt 13,2 Millionen schwedische Kronen, umgerechnet etwa 1,4 Millionen Euro. Die Krankenrate des Personals ist gerade mal um 0,6 Prozent gesunken. Viele andere Ergebnisse der Studie sind fragwürdig: Die Zufriedenheit der Pfleger ist zwar um 20 Prozent höher als in einem anderen Göteborger Altenheim. Vergleichsdaten aus der Zeit vor der Studie gibt es aber nicht. Der Bericht zeigt auch: Die Pflegekräfte arbeiten weiterhin acht Stunden pro Tag, bekommen aber einen Ausgleichstag, das verrechnet sich dann zu 30 Stunden wöchentlich. Ein Beweis, dass das Sechsstundenmodell funktioniert, wird also nicht geliefert. "Die ganze Welt schaut auf uns. Und jetzt so was!", sagt Maria Rydén. "Das ist doch peinlich." Letztendlich ist es für sie auch ein Triumph. Als sie kurz darauf ihr Büro verlässt, richtet im ersten Stock ein Kameramann von Euro TV sein Stativ. Er zoomt ins Bild, auf das Gesicht eines jungen Abgeordneten der Vänsterpartiet. Der streicht seinen Schnauzer glatt und kämmt sich ein paar rebellische Haare in Richtung Seitenscheitel. Bereit für die erste Frage zum Sechsstunden-Projekt. Maria Rydén eilt mit großen Schritten am Set vorbei – sie würdigt die Männer keines Blickes.

Die ganze Welt schaut auf uns. Und jetzt so was! Das ist doch peinlich

Eine Verlängerung des Projekts wurde inzwischen ausgeschlossen. Auch ähnliche Projekte sind in der Vergangenheit gescheitert. In der nordschwedischen Stadt Kiruna bekamen 250 Pflegekräfte von 1989 an auf Kosten der Stadt zwei Stunden eher Feierabend. 16 Jahre später wurde das Projekt mit der Begründung abgebrochen, die Untersuchungsdaten seien mangelhaft, die Wirkung wenig aussagekräftig und das Projekt zu teuer. Für all jene, die vom Sechsstundentag bei voller Bezahlung träumen, sind diese Ergebnisse ein Rückschlag. Müssen sie den Traum von weniger Arbeit und mehr Leben aufgeben?

Zwanzig Minuten außerhalb von Göteborg, im Vorort Mölndal, gibt es noch Hoffnung. Dort, im Sahlgrenska-Universitäts-Krankenhaus, wusste niemand, was die Politiker im Göteborger Rathaus planten, als man auf der Station für orthopädische Operationen ein Experiment startete: Hundert Krankenpfleger und ihre Pflegeassistenten arbeiten seit Februar des vergangenen Jahres nur noch sechs Stunden pro Tag. Eine von ihnen ist die Anästhesie-Krankenschwester Matilda Palenius. Das Letzte, was viele Patienten sehen, bevor sie Stunden später mit einer neuen Hüfte wieder aus der Narkose erwachen, sind die großen grünen Augen der 28-Jährigen. Ihren braunen Zopf trägt sie unter einer OP-Haube versteckt. Vier Jahre Studium und ein Praxisjahr, wie für diesen Beruf in Schweden üblich, lagen hinter Matilda Palenius, als sie letztes Jahr einen Job suchte. Vorstellungsgespräche hatte sie in ganz Schweden, doch sie ging nach Göteborg. "Die verkürzte Arbeitszeit war auf jeden Fall ein Argument für mich, hierherzukommen", sagt sie. Der Feierabend beginnt drei Stunden früher als in anderen Krankenhäusern, denn die einstündige Mittagspause fällt weg. Für einen Kaffee sei zwischendurch aber Zeit, sagt Matilda Palenius, und außerdem gebe es nach der Arbeit genügend Zeit zu entspannen.