Chaos bei Asylanträgen, überforderte Arbeitsämter, verschuldete Museen – in Behörden gibt es viele Probleme. Können Unternehmensberater sie lösen?

Berufseinstieg

Wenn Hendrik Koch eine Idee hat, kann das den Alltag von Millionen Menschen verändern. 50 von ihnen sitzen an einem schwülen Junitag in einem Konferenzraum in Köln: grauhaarige Männer, ein Jüngerer mit Dreadlocks, eine Frau in Schlangenleder-Pumps. Hendrik Koch – sauber gestutzter Vollbart, dunkelbrauner Anzug, blaue Krawatte – hat sie zum Bürgerdialog eingeladen. "Hier wird jeder gehört, der etwas sagen will", sagt er. Die Meinung der Bürger sei wichtig für seine Arbeit. Wie sie in Zukunft ins Büro kommen oder ihre Kinder zur Schule bringen, könnte sein Konzept beeinflussen. Hendrik Koch ist Unternehmensberater. Gerade entwickelt er ein umweltfreundliches Verkehrskonzept für das Rheinland. Für bis zu vier Millionen Menschen. Beauftragt wurden seine Kollegen der Beratung Mobilité und er vom NVR, einem Zusammenschluss der öffentlichen Nahverkehrsbetreiber. Vollgestopfte Busse, verspätete Bahnen und stinkende Autokolonnen soll es mit Kochs Konzept im besten Fall nicht mehr geben. Nur: Wie sollen sich die Menschen stattdessen fortbewegen? Wollen sie ihre Gewohnheiten ändern? Kann ein Berater wie Koch Lösungen für solche strukturellen Probleme finden?

Seit einiger Zeit arbeiten immer mehr Unternehmensberater wie Koch im öffentlichen Sektor. Doch haben Berater, die vor allem auf die Zahlen schauen, überhaupt ein Gespür für die weichen Faktoren, die sozialen Ziele der Behörden, die sich nicht in Excel-Tabellen darstellen lassen? Das bezweifeln viele. Die Berater übernehmen trotzdem immer wichtigere Aufgaben: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beauftragte vor Kurzem McKinsey damit, die Verwaltung von Asylanträgen effizienter zu gestalten. Die Bundesagentur für Arbeit lässt sich beraten und sogar der Bundesnachrichtendienst bat kürzlich die Beratung Roland Berger, die Arbeit der Abteilung "Technische Prüfung" zu optimieren.

"Seit den neunziger Jahren hat das ökonomische Denken Einzug in die öffentliche Verwaltung gehalten", sagt Norbert Kersting, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft, Kommunal- und Regionalpolitik an der Uni Münster. Klimawandel, Digitalisierung oder die Integration von Flüchtlingen, solche Themen stellen Kommunen und Behörden vor große Herausforderungen. Berater sollen helfen, sie zu bewältigen. Das verleiht ihnen Macht: Werden ihre Vorschläge umgesetzt, bestimmen sie mit, wie unsere Gesellschaft in Zukunft funktioniert.

In dem Kölner Konferenzraum hat Koch seine Gäste in Gruppen eingeteilt: vier Themen, acht Tische. "Alle Ideen sollen auf den Tisch", sagt ein Berater, und das ist wörtlich gemeint: Auf bunte Tischdecken schreiben die Bürger ihre Wünsche. Jemand schaltet den CD-Player ein, langsamer Jazz beginnt zu spielen – Tischwechsel.