Fiona Wilms* kämpft gegen Korruption, Terrorismus und die nächste Finanzkrise. Doch für ihre Kollegen ist sie die Böse. Eine Compliance-Mitarbeiterin beschwert sich.

Als ich beim letzten Betriebsfest ein paar Kollegen erzählte, in welcher Abteilung ich arbeite, schauten sie mich erschrocken an. Es war schon nach Mitternacht, wir waren angetrunken und haben zusammen eine geraucht. Plötzlich wichen alle regelrecht vor mir zurück. Als müssten sie fürchten, auf der Party etwas Falsches gesagt zu haben. Als würde jetzt nicht mehr eine Kollegin vor ihnen stehen, sondern die Polizei.

Ich arbeite in der Compliance-Abteilung einer großen deutschen Bank. Mein Job ist es, unser Unternehmen und die Gesellschaft zu schützen – vor Korruption, Geldwäsche, Terrorismus. Aber meine Kollegen danken mir das nicht. Im Gegenteil: Für sie bin ich die Böse.

Ich habe Wirtschaftsrecht studiert. Viele Leute glauben, wenn man so einen Studiengang wählt, ist man eher der kapitalistische Typ. Das stimmt nicht. Genug Geld zu verdienen war mir zwar immer wichtig. Aber ich will auch etwas Sinnvolles tun. In meinem Job kann ich beides vereinen: Ich sorge dafür, dass unser Unternehmen nicht gegen Gesetze verstößt. Ich lese Verordnungen, die für unsere Branche gelten, formuliere Richtlinien und passe auf, dass die Mitarbeiter sich daran halten.

Viele glauben, wer Wirtschaftsrecht studiert, ist eher der kapitalistische Typ

Seit der Finanzkrise 2007 sind alle Banken in Deutschland verpflichtet, eine Compliance-Abteilung zu haben. Immer mehr Unternehmen aus anderen Branchen richten sie freiwillig ein. Vor der Krise hatten Einzelpersonen auch in meiner Bank so viel Macht, dass sie mit zwei Klicks Summen von 50 Millionen Euro zu ihrem eigenen Vorteil verschieben konnten. Jetzt nicht mehr.

Bei Compliance geht es aber auch um die Kunden: Von unserem Headquarter aus kontrollieren wir, woher das Geld kommt und wohin es fließt. Ein IT-System gleicht alle Namen unserer Geschäftspartner automatisch mit Listen der Bundesbank ab. Darauf stehen zum Beispiel IS-Terroristen oder Firmen, die im Russland-Ukraine-Konflikt sanktioniert wurden. Nur wenn wir die weltweiten Geldströme transparent machen, können wir verhindern, dass wir Steuerhinterziehung unterstützen oder sogar Anschläge finanzieren. Und der Kampf gegen Geldwäsche wird immer wichtiger: Erst vor ein paar Monaten hat auch das Finanzministerium angekündigt, in dem Bereich sein Personal aufstocken zu wollen. Als ich vor fünf Jahren bei meiner Bank anfing, waren wir wenige Mitarbeiter, jetzt sind wir über 200. Meine Arbeit ist spannend, nützt der Gesellschaft und hat gute Perspektiven. Ein Traumjob – wären da nicht meine Kollegen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/16.

Egal, was ich von ihnen will, wenn ich Mitarbeiter aus anderen Abteilungen anrufe, sind sie oft von Anfang an anti. Dabei komme ich persönlich mit den meisten gut klar. Aber wenn es um meine Arbeit geht, reagieren sie misstrauisch und oft unfreundlich. Ich fühle mich wie die Stasi. Dabei will ich niemanden verdächtigen, sondern nur gut zusammenarbeiten.

Ein klassisches Problem, um das wir uns kümmern, ist Bestechung. Mitarbeiter werden zu den wildesten Dingen eingeladen, wie Hubschrauberflüge oder Reisen in die Karibik. Man liest ja auch oft über Skandale, zum Beispiel wenn eine Versicherung Sexpartys in Osteuropa feiert. Das schadet dem Ruf des Unternehmens und kann sogar strafbar sein.

Ich würde keinem meiner Kollegen unterstellen, korrupt zu sein oder mit Absicht betrügen zu wollen. Vermutlich unterstützen die meisten die Compliance-Regeln sogar – in der Theorie. Im Arbeitsalltag hat aber kaum jemand Verständnis dafür, dass er bei einer Einladung überlegen muss, ob er sie annehmen kann. Es ist wie bei der Steuererklärung: Jeder will, dass es gerecht zugeht, aber keiner hat Lust, sich selbst zu beschränken.