Zwölftausend Kilometer trennten Rebekka, 25, und Daniel, 25, im Auslandssemester. Dann fliegt sie zu ihm. Wie fühlt man sich nach sieben Monaten Distanz?

Er

Wir haben uns nicht sofort geküsst. Als Rebekka am Flughafen in Toronto durch die Schiebetür auf mich zukam, haben wir uns erst mal nur umarmt. Minutenlang. Sechs Jahre lang waren wir da schon zusammen. Während des Studiums in Graz haben wir sogar vier Jahre in einem Zimmer gewohnt, auf 30 Quadratmetern. Plötzlich hat sich Rebekka total fremd angefühlt.

Sie

Als ich Dani wiedersah, konnte ich kein Wort sagen, nur den Kopf schütteln. Sieben Monate waren wir getrennt gewesen. Er war für sein Auslandssemester nach Kanada gezogen, ich nach Hongkong. Zwölf Stunden dauerte der Flug zu ihm nach Toronto, die ganze Zeit hatte ich Bauchweh vor Aufregung. Als er dann vor mir stand, mit seinen wuscheligen rotbraunen Haaren, war ich so froh. Aber auch ein bisschen enttäuscht – wegen seinem neuen Bart. Er sah so anders aus! Ich wusste, dass er sich einen hat wachsen lassen, bei Skype hatte ich ihn auch schon damit gesehen. Aber ich hatte gehofft, dass er den Bart für mich abrasiert.

Er

Wir haben nicht jeden Tag geskypt. Zwölf Zeitzonen haben uns getrennt: Wenn Rebekka in Hongkong gefrühstückt hat, habe ich mir in Kanada Abendessen gekocht. Ich studiere Geologie, Kanada hat mich fachlich immer gereizt. Rebekka will Architektin werden und bekam in Hongkong ein Stipendium. Dass wir so weit voneinander entfernt studieren, hätte ich mir nicht ausgesucht. Aber keiner von uns wollte, dass einer für den anderen seine Träume opfert.

Sie

Ich habe es genossen, mal alleine zu sein. Wir sind zusammen, seit wir 17 sind. Ich fand es spannend, auszuprobieren, wer ich ohne Dani bin, ihn nicht bei jeder Entscheidung sofort nach seiner Meinung fragen zu können. Unsere Leben im Ausland waren komplett verschieden. Besonders extrem war es um Weihnachten. Da bin ich durch Kambodscha gereist, während Dani bei minus 20 Grad in Kanada gefroren hat. Gezweifelt, ob unsere Beziehung das aushält, habe ich nie.

Er

Ich habe viele neue Leute kennengelernt, auch Frauen. Betrogen hätte ich Rebekka aber nie. Es war von Anfang an klar, dass sie nach ihrer letzten Prüfung zu mir nach Kanada fliegt. Realisiert habe ich das aber erst, als jemand bei Facebook ein Foto gepostet hat, von ihrem Abschied. Sie sah so gut aus! Zu Hause hatte sie oft Migräne, auf dem Bild wirkte sie total relaxt.

Plötzlich habe ich gecheckt: In zwölf Stunden steht sie vor mir. Das war krass.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/16.

Sie

Acht Kilo hatte ich in Hongkong zugenommen. Als ich am Abflugtag dieses Foto von mir auf Facebook gesehen habe, dachte ich: Wie dick sehe ich denn aus? Normalerweise bin ich nicht so eitel, aber da hat mich das total gestresst. Auf einmal war ich unsicher, ob ich ihm noch so gefallen würde wie sonst.

Er

Nach ein paar Minuten am Flughafen haben wir uns endlich geküsst. Nur ganz kurz, aber das hat ein heftiges Zuhause-Gefühl bei mir ausgelöst. Vor allem ihr Geruch. Als wir dann mit ihrem Gepäck in die U-Bahn gestiegen sind, war für mich schon fast wieder alles wie früher.

Sie

Ich habe mich Dani noch nie so fremd gefühlt wie auf dem Nachhauseweg in der Bahn. Das hatte ich nicht erwartet. In Hongkong hatte ich anfangs ohne ihn kaum einschlafen können, jetzt war es auf einmal ungewohnt, neben ihm zu sitzen. Dani erzählte, was er für die nächsten Tage geplant hat. Normalerweise bringt er mich ständig zum Lachen, macht Scherze oder tanzt lustig. Auf einmal waren wir so ernst.

Er

Abends haben wir miteinander geschlafen. Das war anders als sonst – aber gut anders. Irgendwie aufregend, als würden wir uns wiederentdecken.

Sie

Beim Sex konnte ich mich nicht so entspannen. Ich wollte nicht, dass er mich genau anschaut, die acht Kilo waren in meinem Kopf. Danach haben wir gekuschelt. Und da waren wir uns dann langsam wieder ganz nah. Nach ein paar Tagen haben wir auch wieder herumgealbert. Da war die Distanz dann komplett verschwunden. Sogar an den Bart hatte ich mich fast gewöhnt. Aber nach einer Woche hat er ihn abrasiert.