Deutsche Ingenieure gelten als besonders gut ausgebildet. Stimmt das noch? Experten und Berufseinsteiger erzählen.

Lernen Ingenieure im Studium das Richtige?

ZEIT CAMPUS: Herr Jungmann, Sie beraten seit sieben Jahren Hochschulen dabei, Ingenieure besser auszubilden. Was ist das Problem?

THORSTEN JUNGMANN: Die Wissenschaft kommt im Bachelorstudium zu kurz. Die Studierenden lernen zwar, Buchwissen zu verarbeiten und Kennwerte auszurechnen. Aber eine Forschungsfrage selbstständig zu entwickeln und mit den Methoden der Wissenschaft zu untersuchen – das lernen sie nicht ausreichend.

ZEIT CAMPUS: Müssen Ingenieure das können, wenn sie nicht forschen wollen?

JUNGMANN: Für viele ist die Bachelorarbeit die erste wissenschaftliche Arbeit, das kann nicht sein. Häufig fällt erst dann auf, wie schwer ihnen das Schreiben fällt – generell, nicht nur das wissenschaftlicher Texte. Auch das Rechnen ist im Ingenieurstudium aktuell eine große Herausforderung.

ZEIT CAMPUS: Schreiben, Rechnen – meinen Sie das ernst?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/16.

JUNGMANN: Ich bekomme manchmal Arbeiten, da ist selbst die Word-Autokorrektur machtlos. Die sprachlichen Mängel sind zu Studienbeginn teilweise so groß, dass ich den Inhalt kaum nachvollziehen kann. Einen Dreisatz rechnen und Brüche kürzen bereitet vielen Schwierigkeiten.

ZEIT CAMPUS: Kann man so überhaupt den Abschluss schaffen?

JUNGMANN: Ich habe über zwanzig Hochschulen zu Prüfungen in Ingenieurwissenschaften beraten. Fast überall war es das Gleiche: Wer seine Bachelor- oder Masterarbeit mit 2,0 oder schlechter abgegeben hatte, wurde so lange weiterbetreut, bis es auf eine Eins vorm Komma hinauslief. So werden diese Mängel in der Ausbildung überdeckt.

ZEIT CAMPUS: Gibt es noch andere Gründe, warum Ingenieure wissenschaftlich arbeiten sollten?

JUNGMANN: Eigene Forschungsfragen zu entwickeln, statt sich nur mit vorgesetzten Themen zu beschäftigen, macht neugierig. Und diese Motivation brauchen junge Ingenieure, vor allem später im Job.

ZEIT CAMPUS: Wenn es so viele Probleme bei der Ingenieurausbildung gibt, haben Sie einen Rat für Absolventen?

JUNGMANN: Ich rate jungen Menschen, sich die Inhalte des Studiums vor der Einschreibung genau anzuschauen. Ob ein Studiengang gewissenhaft entwickelt wurde, erkennt man oft daran, wie klar die Modulhandbücher formuliert sind.

Thorsten Jungmann, 39, ist Professor für Technikdidaktik in Bielefeld und berät Hochschulen zur Lehre

Wie klappt der Einstieg ins Berufsleben?

ZEIT CAMPUS: Frau Hägele, Sie arbeiten seit April bei Festo, einer Firma für Automatisierungstechnik in der Nähe von Stuttgart: Kommen Sie gut zurecht?

LENA HÄGELE: Mein Wissen anzuwenden fällt mir manchmal noch schwer. An der Uni haben wir vor allem Beispielaufgaben bearbeitet, für die es naheliegende Lösungen gab. Außerdem haben wir viele Dinge als Simulation am Rechner gelöst. In der Realität ist es schwieriger, den Fehler zu finden.

ZEIT CAMPUS: Woran liegt das?

HÄGELE: Man muss Wissen aus Fächern wie Mathematik, Regelungstechnik oder Systemtheorie abrufen können. In welchem Themengebiet könnte der Fehler liegen? Oder gibt es gleich mehrere? Sich da systematisch heranzutasten ist sehr kompliziert.

ZEIT CAMPUS: Hat die Uni versäumt, Ihnen das beizubringen?

HÄGELE: Nein, ich habe alle Grundlagen mitbekommen – und das reicht für den Berufseinstieg. Mir hat es aber geholfen, dass ich schon im Studium bei Festo gearbeitet hatte.

ZEIT CAMPUS: Was haben Sie gelernt?

HÄGELE: Auch Dinge, die einem die Uni nicht beibringen kann: Wie die Arbeitsabläufe sind und wer für was verantwortlich ist. Wenn man sich darum keine Gedanken machen muss, fällt der Einstieg ins Berufsleben leichter. Außerdem hatte ich eine Mentorin im Unternehmen. Die hat mir Tipps gegeben, für meine Abschlussarbeit und bei der Bewerbung für einen Job.

ZEIT CAMPUS: Gab es auch einen Uni-Kurs, der verzichtbar gewesen wäre?

HÄGELE: Die höhere Mathematik IV im Master war schon sehr abstrakt. Da haben wir in Räumen mit mehr als drei Dimensionen gerechnet. Ich glaube nicht, dass ich das je noch mal brauche. Aber man weiß ja nie.

Lena Hägele, 25, hat Technische Kybernetik an der Uni Stuttgart studiert. Heute arbeitet sie bei Festo

Sind Absolventen bereit für die Digitalisierung?

ZEIT CAMPUS: Frau Jeschke, als Professorin beschäftigen Sie sich unter anderem mit der Rolle von Informatik im Maschinenbau. Sollte heute jeder Ingenieur programmieren können?

SABINA JESCHKE: Wenn es nach mir ginge, ja. Programmieren wird an den meisten Universitäten zwar schon seit mehr als zehn Jahren unterrichtet. Aber es reicht nicht, nur Programmiersprachen zu beherrschen. Wir müssen das Verständnis für IT stärken. Sonst wird die deutsche Wirtschaft abgehängt.

ZEIT CAMPUS: Das klingt dramatisch.

JESCHKE: Ist es auch. Auch wenn wir gerade wirtschaftlich sehr erfolgreich sind, wir leben von Innovationen der Vergangenheit. Produkte, die vor 10 oder 20 Jahren erfunden wurden, sorgen heute für einen Großteil des Bruttoinlandsprodukts. Wir verbessern diese nur noch weiter. Das Auto, das wir heute kaufen können, ist also im Grunde noch das gleiche Auto wie damals. Die großen Neuerungen, wie künstliche Intelligenz, kommen alle aus der IT. In den Studiengängen spiegelt sich diese Entwicklung aber noch nicht wider. Stattdessen sind die Ausbildungsinhalte heute fast die gleichen wie vor 20 Jahren.

ZEIT CAMPUS: Wenn Sie könnten, was würden Sie zuerst ändern?

"Abschrecken lassen sollte man sich nicht"

JESCHKE: Wir müssen unsere Ausbildung radikaler hinterfragen. Ist es heute noch richtig, dass ein Ingenieurstudium fünf Jahre dauert – warum nicht sechs, wie in der Medizin? So könnte man Raum schaffen, für Neues. Wir brauchen mehr Informatik. Auch das Wissen aus anderen Disziplinen wie der Soziologie und der Psychologie sind wichtig für moderne Mensch-Maschine-Interaktionen. Aber fit für die Digitalisierung zu sein ist nicht nur eine Frage der Inhalte. Wir leben in einer Zeit extrem schneller Innovationen. Das wirklich Neue ist die zunehmende Intelligenz technologischer Systeme. Wir müssen Studenten ermöglichen, Kompetenzen zu erwerben, um mit immer wieder neuen Anforderungen umzugehen.

ZEIT CAMPUS: Und wie?

JESCHKE: Das Wichtigste ist, dass Ingenieure lernen, Unsicherheiten zu ertragen. Experimente zu wagen und damit klarzukommen, wenn von zehn neuen Ideen – wie ein neues Produkt oder ein neues Geschäftsmodell – neun scheitern. Ausprobieren muss ein zentraler Teil der universitären Ausbildung sein.

ZEIT CAMPUS: Rumprobieren soll Ingenieure für die Digitalisierung wappnen?

JESCHKE: Besser zumindest. Es ist aber auch wichtig, dass sie lernen, den Gesamtkomplex zu verstehen: Welche Abteilung macht was, wie passen die Komponenten zusammen, welches Teil spricht welche Programmiersprache?

ZEIT CAMPUS: Was passiert sonst?

JESCHKE: Sonst kommen noch mehr so freche Läden wie Google oder Amazon, bauen autonome Autos oder Lagerroboter, und deutsche Unternehmen werden zu Komponentenherstellern. Und mit Komponenten verdient man weniger. Aber vor allem wird man austauschbar und verliert seine Rolle als zentraler Gestalter.

Sabina Jeschke, 48, ist Prodekanin der Fakultät für Maschinenwesen an der RWTH Aachen

Kommen deutsche Ingenieure im Ausland klar?

ZEIT CAMPUS: Herr Ley, Sie leben und arbeiten seit knapp drei Jahren in Indien: Was hat Sie dort überrascht?

ALEXANDER LEY: Gewöhnen musste ich mich vor allem an die Kommunikation. Einem deutschen Techniker können Sie sehr direkt sagen, was er tun soll. In Indien kommt diese Art teilweise plump und unverschämt rüber. Hier nähert man sich eher langsam einem Thema an. Das kam mir anfangs ineffizient vor.

ZEIT CAMPUS: Ist es das nicht?

LEY: Wenn man einen Kunden in Deutschland für eine Stunde trifft, dann geht es 50 Minuten um ein geplantes Thema, wie die Stückzahl oder einen Verkaufspreis. Hier eher zehn. Aber die Leute kommen zu ihrem Ziel.

ZEIT CAMPUS: Worüber wird den Rest der Zeit gesprochen?

LEY: Meist geht es um Alltägliches oder Neuigkeiten aus der Branche. Manchmal bin ich froh, wenn ich einen indischen Mitarbeiter mitnehmen kann – der versteht nämlich besser, was zwischen den Zeilen gesagt wird.

ZEIT CAMPUS: Wenn deutsche Unternehmen in Schwellenländern Fabriken eröffnen, beklagen sie sich häufig über das Ausbildungsniveau der Arbeitskräfte vor Ort. Empfinden Sie das auch so?

LEY: Die indischen Ingenieure sind sehr gut ausgebildet. Sie gehen die Dinge aber anders an als die deutschen Kollegen. So haben sie zum Beispiel einen viel stärkeren Bezug zu den Kosten.

ZEIT CAMPUS: Was meinen Sie damit?

LEY: Wenn einer unserer deutschen Ingenieure ein Fahrwerk entwirft, wählt er die teuerste Beschichtung. Das ist meistens die beste. Die Mitarbeiter in Indien wägen eher ab: Die Beschichtung ist dreimal besser – aber auch viermal so teuer. Und nicht notwendig, weil in Indien kein Streusalz benutzt wird, das das Metall angreift. Also verzichten sie darauf.

ZEIT CAMPUS: Ihr Arbeitgeber baut Fahrwerke für Nutzfahrzeuge. Unterscheiden sich die Produkte in Indien und Deutschland?

LEY: Wir bieten in Indien simplere Technik an. Wir schauen uns an, was wir früher in Deutschland gebaut haben und wie wir dieses Produkt mit kleinen Innovationsschritten an den indischen Markt anpassen können.

ZEIT CAMPUS: Wie haben Sie gelernt, diese Unterschiede zu verstehen?

LEY: Anfangs habe ich erst mal genau beobachtet: Welche Konkurrenten gibt es, welche Produkte stellen sie her, welche Wünsche haben die Kunden. Das war wichtig, um in Indien anzukommen.

Alexander Ley, 29, ist Abteilungsleiter bei der Bergischen Achsen KG in Pune, Indien

Werden Frauen im Job ausreichend gefördert?

ZEIT CAMPUS: Frau Bärthlein, haben Sie es als junge Ingenieurin schwerer als Ihre männlichen Kollegen?

EVA-MARIA BÄRTHLEIN: Was meine Aufgaben betrifft, nicht. Mein Job macht mir Spaß, und die technischen Herausforderungen reizen mich. Aber hin und wieder spüre ich, dass mein männliches Umfeld mich als Ingenieurin etwas kritischer beäugt, als passten Frauen und Technik nicht zusammen.

ZEIT CAMPUS: Seit Jahren wird versucht, Frauen in Technikberufen besser zu fördern. Warum, glauben Sie, halten sich solche Vorurteile?

BÄRTHLEIN: Frauen und Männer gehen anders an Aufgaben heran – und das ist für beide Seiten schwer zu verstehen. Anfangs fiel es mir zum Beispiel schwer, mir in Meetings Gehör zu verschaffen. Auch weil Männer häufig lauter reden. Frauen formulieren Vorschläge oft als Fragen: "Könnten wir das so machen?" Männer sagen eher: "Das machen wir so." Mich durchzusetzen, musste ich erst lernen. Leichter wurde es nach einem Kurs, den mein Arbeitgeber angeboten hat, um das Verständnis zwischen Männern und Frauen zu fördern. Der war verpflichtend – auch für die Männer.

ZEIT CAMPUS: Kann die Uni da auch schon etwas tun?

BÄRTHLEIN: Mir hat die Arbeitsgruppe Engineera der TU München geholfen. Dort kommen Ingenieurinnen zusammen, hören Vorträge oder besuchen gemeinsam Firmen. Das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. Abschrecken lassen sollte man sich nicht. Hürden gibt es in jedem Beruf. Und wie man in der Arbeitswelt zurecht kommt, lernt man eh erst im Job.

Eva-Maria Bärthlein, 30, arbeitet als Research Engineer im europäischen Forschungszentrum von General Electric