Wie Kristina stellen sich viele irgendwann die Frage: Ist das, was ich mache, das Richtige für mich? Wenn etwa Uni-Kurse sinnlos erscheinen oder der Chef im Praktikum ein schlechtes Zeugnis schreibt. Dieser Moment kommt nicht immer zum gleichen Zeitpunkt: Einige zweifeln bereits in den ersten Semestern, andere erst nach ein paar Jahren im Job. Manche trauen sich nie, von vorne anzufangen. Der Psychologieprofessor Andreas Hirschi erforscht Laufbahnen und rät: "Man sollte immer wieder überprüfen: Gefällt mir das, was ich mache? Ist es erfolgreich? Und wenn nicht: umdrehen und umorientieren." 

Ein neues Fach studieren oder eine Ausbildung beginnen. Mit einem Studienabbruch ist man nicht allein – laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung beendet etwa jeder vierte Bachelorstudent sein Studium ohne Abschluss. Trotzdem erscheint es vielen zuerst als mittlere Katastrophe, und sie fragen sich: Wie machen sich Abbrüche und Lücken im Lebenslauf? Nicole Heinrich, die beim Handelskonzern Otto den Ausbildungs- und Personalmarketing-Bereich leitet, sagt: "Für uns könnte sich das um sehr interessante Kandidaten handeln! Das Zweifeln haben sie hinter sich, sie wissen, was sie wollen – und was nicht. Sich auf den jeweiligen Job zu bewerben war also eine ganz bewusste Entscheidung."

Kristina hat ihren Wunsch, Medizin zu studieren, erst spät infrage gestellt. Der Laufbahnforscher Andreas Hirschi sagt: "Man sollte sich vor einer Entscheidung überlegen, wie viel man investieren muss, um das Ziel zu erreichen." Menschen wie Kristina mit durchschnittlichem Abi müssen zum Beispiel Lebenszeit investieren, um den Medizinstudienplatz zu bekommen. Oder sie gehen den Kompromiss ein, in einem anderen Land, in einer anderen Sprache zu studieren. Für andere sind dieses Investment Zehntausende Euro Studiengebühren an einer privaten Uni. Ist es das wirklich wert?

 "Oft entscheiden wir uns wegen der jeweiligen Tätigkeit für einen Beruf", sagt Andreas Hirschi. "Man muss sich fragen: In welchen Jobs gehören diese Tätigkeiten ebenfalls dazu? So findet man alternative Ziele, mit denen man die gleichen Werte erreichen kann." Kristina wollte Ärztin werden, um die Ursache von Krankheiten zu untersuchen. Inzwischen weiß sie, dass das auch als Neuropsychologin geht.

Johannes Arens, 28, ruft den Autofahrern zu: "Nur ein kleines Stückchen!" Er hält den Daumen raus, Andrea Bandelow, 29, einen College-Block hoch, Ziel: Potsdam. Die beiden trampen an einem Autobahnzubringer in Berlin-Moabit. Heute wollen sie das Institut für Klimafolgenforschung besuchen und mit einem Experten über den Klimawandel reden. Was sich für viele nach einem Reiseabenteuer anhört, ist für sie "Feldforschung" und ein Teil ihrer selbst gegründeten Bildungseinrichtung: der ReiseUni. Statt einen Master an einer Hochschule zu absolvieren, riefen die beiden ihren eigenen Studiengang aus: "Global Future: Verantwortungsvolle Zukunftsgestaltung".

"Universitäten sind nicht der einzige Weg zu guter Bildung. Ein standardisiertes Studium ist oft nicht individuell genug und wenig anwendungsorientiert. Darüber waren Johannes und ich uns sofort einig, als wir uns im vergangenen Oktober in meiner WG in Hamburg kennengelernt haben. Johannes hat damals bei uns Couchsurfing gemacht, weil er nach seinem Bachelor in Biologie durch Deutschland reiste, ohne Geld auszugeben. Ich hatte ein paar Monate zuvor meine praktische Prüfung an einer privaten Musikhochschule bestanden. Bis nach Mitternacht diskutierten wir in der Küche über Klimaschäden, Alternativen zum Kapitalismus, bedingungsloses Grundeinkommen und Bildung. 

Andrea Bandelow und Johannes Arens studieren beim Trampen statt im Hörsaal. © Paula Winkler

Johannes erzählte von der Wander-Uni: Das sind Abiturienten, die durch Deutschland wandern und sich dabei selbst bilden wollen. Sie haben uns inspiriert: Wir wollten nicht länger nur kritisieren, sondern den gesellschaftlichen Wandel in Gang bringen. Wir gründeten die ReiseUni. Seit Mai reisen wir durch Deutschland, treffen Experten wie zum Beispiel Klimaforscher, besuchen Konferenzen und Initiativen. Wir häufen Wissen an und erzählen anderen davon. Unsere Module sind 'Informieren', 'Netzwerken' und 'Aktiv werden'. 

Ich hatte erst Zweifel, ob das funktioniert. Ich dachte zum Beispiel, ich müsste meinen Job bei einer Musikagentur kündigen. Doch glücklicherweise genehmigte mir meine Chefin eine Auszeit. Unsere Basis ist mein WG-Zimmer. Johannes ist in einem Selbstständigenprogramm der Arbeitsagentur und bezahlt davon Miete und Krankenversicherung. Unterwegs geben wir weder für Unterkünfte noch für Essen Geld aus: Lebensmittel holen wir bei Foodsharing-Sammelstellen ab, und wir übernachten als Couchsurfer oder bei Bekannten. Wir kochen für die Leute oder putzen auch mal – wir wollen einige Tage wie Mitbewohner sein.