Wirtschaftsstrafrechtler vertreten Manager vor Gericht und helfen Firmen dabei, interne Missstände aufzudecken. Ein wachsendes Geschäft.

Was regelt das Wirtschaftsstrafrecht?

Ob beim Abgasskandal von Volkswagen oder der Strafverteidigung des Steuersünders Uli Hoeneß – überall dort, wo wirtschaftliche Tätigkeit zu strafbaren Handlungen führen kann, sind Experten für Wirtschaftsstrafrecht gefragt. Auch wenn Unternehmen etwa die Sozialabgaben für ihre Mitarbeiter nicht abführen oder ihre Bilanzen fälschen, arbeiten die Juristen bei der Staatsanwaltschaft an der Aufklärung des Falls. In den Unternehmen selbst arbeiten ebenfalls Wirtschaftsrechtler, um den eigenen Laden zu verteidigen.

Was Anwälte dabei klären müssen, ist die Frage, wer für ein Fehlverhalten im Unternehmen verantwortlich ist. "Das deutsche Strafrecht zeichnet sich dadurch aus, dass man einem einzelnen Menschen Verantwortung zuschreibt, sei es als Täter, Anstifter oder Gehilfe", sagt Ralf Krack, Professor am Lehrstuhl für Wirtschaftsstrafrecht der Universität Osnabrück. "Eine Unternehmensstrafbarkeit gibt es nicht."

Das heißt, die Volkswagen AG kann sich nicht strafbar machen, ihr ehemaliger Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn dagegen schon. Seit Juni 2016 ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen ihn und einen weiteren ehemaligen Volkswagen-Vorstand, weil die Manager die Finanzmärkte womöglich zu spät über die Abgasmanipulationen im Konzern informiert haben. Diese Mandate würde im Fall einer Anklage ein Wirtschaftsstrafrechtler annehmen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/16.

Wie sind die Berufsaussichten?

Branchenkenner sind sich einig: Das Wirtschaftsstrafrecht ist ein wachsendes Geschäftsfeld. "Der Bedarf an Experten im Wirtschaftsstrafrecht ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen", sagt Ralf Krack. Allein die Deutsche Bank hatte bis zum Herbst 2015 unter ihrem damaligen Führungsduo Anshu Jain und Jürgen Fitschen rund neun Milliarden Euro an Strafzahlungen leisten müssen, vor allem in den USA, unter anderem für Zinsmanipulationen. Im gleichen Jahr legte sie weitere Milliarden für zukünftige Verfahren zurück. Was die Aktionäre ärgert, lässt Juristen jubeln. Die Rechtsabteilung des Unternehmens wurde aufgestockt, freie Kanzleien freuen sich über größere Mandate, und auch im Staatsdienst wird mehr Personal gebraucht.

Damit der Ärger mit dem Gesetz gar nicht erst aufkommt, setzen viele Firmen außerdem auf sogenannte Compliance-Abteilungen: Früher wurde man nur tätig, wenn jemand im Unternehmen einer Straftat beschuldigt wurde, heute versuchen diese Abteilungen die Abläufe so zu organisieren, dass man Straftaten gleich verhindert oder zumindest schnell intern klären kann, wer verantwortlich für ein Fehlverhalten ist.

Welche Ausbildung braucht man?

Das zweite Staatsexamen ist Voraussetzung für die Arbeit als Wirtschaftsstrafrechtler. An der Uni Osnabrück können Interessierte auch einen LL. M. im Wirtschaftsstrafrecht, also einen spezialisierten Master, absolvieren. In diesem Aufbaustudium vermitteln zum Beispiel Staatsanwälte, Verteidiger und Richter ihr Praxiswissen. Teilnehmen können Examensabsolventen ebenso wie berufserfahrene Juristen.

Wirtschaftsstrafrechtler müssen sich in mehreren Rechtsgebieten auskennen. Als Erstes natürlich im Strafrecht und im Strafprozessrecht. Dazu kommt, dass ihre Mandanten oft gegen Gesetze aus dem Bilanz-, Steuer- oder Insolvenzrecht verstoßen haben, weshalb tieferes Wissen in diesen Bereichen ebenfalls wichtig ist. Allerdings arbeiten Wirtschaftsstrafrechtler bei solchen Fällen oft mit Anwälten zusammen, die auf diese Gebiete ebenfalls spezialisiert sind. Wichtig ist deshalb auch, dass man mit Kollegen kommunizieren und sich austauschen kann.

Wie sieht der Arbeitsalltag aus?

Geht es um Wirtschaftsstraftaten, spricht man nicht umsonst von white-collar-crime , also Verbrechen, die von Menschen mit weißem Hemd und Anzug verübt werden. "Es gibt eine besondere Täterklientel", sagt auch Ralf Krack von der Uni Osnabrück. Der typische Straftäter ist in einem Unternehmen tätig, gebildet und kommt eher aus intakten sozialen Verhältnissen. Als Strafverteidiger fährt man deshalb oft zu den Firmen, anstatt seine Mandanten in der eigenen Kanzlei in Empfang zu nehmen. Dazu kommen viele Reisen zu den verschiedenen Gerichten. Bei großen Klienten muss der Wirtschaftsrechtler rund um die Uhr erreichbar sein, denn immer kann es neue Entwicklungen in einem Fall geben: Wenn plötzlich die Staatsanwaltschaft mit Durchsuchungsbeschluss vor der Firmenzentrale steht, muss der Hausanwalt zur Stelle sein. Dafür können Top-Anwälte auch bis zu 500 Euro pro Stunde abrechnen.

Berufsanfänger können von solchen Honoraren jedoch nur träumen. "Als Mandant darf man sich nicht nur Martin Winterkorn vorstellen, sondern einen Manager, der drei Stufen niedriger in der Hierarchie steht", sagt Krack. Oft sind es eben nicht die großen Fische, sondern der kleine Handwerksmeister, der der Insolvenzverschleppung beschuldigt wird.