Ein Professor erklärt, wie das Empfehlungsschreiben gut wird.

Professor

ZEIT Campus: Herr Schmitz, wie viele Studenten wollen ein Gutachten von Ihnen?

Christian Schmitz: Ich bekomme fast jeden Tag Anfragen. In den Hoch-Zeiten schreibe ich etwa zehn pro Woche.

ZEIT Campus: Wozu brauchen Studenten es?

Schmitz: Häufig für einen Masterplatz, aber auch für Stipendien, für ein Praktikum oder für einen Auslandsaufenthalt. Es ist schon auffällig, dass immer mehr Studenten in immer mehr Situationen ein Gutachten benötigen.

ZEIT Campus: Warum ist das so?

Schmitz: Ein Gutachten zu bekommen stellt für die Studierenden einen Aufwand dar, es ist eine Hürde in einem Bewerbungsprozess. Es kann auch eine Möglichkeit sein, jene Kandidaten auszusortieren, die es nicht ernst meinen oder die sich nicht rechtzeitig über die Zulassungsvoraussetzungen informiert haben.

ZEIT Campus: Wie lange vor der Abgabefrist sollte man sich um ein Gutachten bemühen?

Schmitz: Bei mir sollte man sich mindestens zwei Wochen vorher melden.

ZEIT Campus: Da sind Sie aber in der absoluten Minderheit. Bei vielen Ihrer Kollegen dauert es gerne mal acht bis zehn Wochen.

Schmitz: Zwei Monate vorher gefällt mir natürlich noch besser, damit ist man auf der sicheren Seite. Aber grundsätzlich sind zwei Wochen machbar, wir Dozenten wollen ja helfen. Schwierig wird es nur, wenn jemand erst zwei Tage vorher anrückt. Leider passiert das auch ziemlich oft.

ZEIT Campus: Wie ist ein Gutachten normalerweise aufgebaut?

Schmitz: Meist sind sie ein bis zwei Seiten lang und folgen einer bestimmten Struktur. Aus der Einleitung geht hervor, seit wann und wie gut man den Bewerber kennt. Dann folgen die einzelnen Bewertungskriterien, zum Beispiel Noten in relevanten Fächern, soziales Engagement oder Einschätzungen zur Persönlichkeit. Das Gutachten endet mit einer abschließenden Beurteilung.

ZEIT Campus: Ein positives Gutachten ist für viele Bewerbungen wichtig. Wie kann man sicherstellen, dass es gut ausfällt?

Schmitz: Die Wahl des Gutachters ist dafür schon mal sehr wichtig. Man sollte jemanden auswählen, der einen einschätzen kann. Und das natürlich möglichst positiv. Also würde ich als Student einen Dozenten wählen, bei dem ich schon mehrere Seminare oder Vorlesungen besucht und gute Noten bekommen habe.

ZEIT Campus: Am besten wähle ich also einen Professor, der mich kennt. Wie gut kennen Sie die Studenten, die Sie begutachten?

Schmitz: Da sind wir beim Kernproblem angelangt. Ich arbeite in Bochum an einer sehr großen Uni, zudem ist auch die Nachfrage in meinem Bereich Sales and Marketing sehr hoch. Im ersten Semester sitzen bei großen Veranstaltungen rund 1.300 Studenten. In den höheren Semestern werden es etwas weniger, aber auch dann sind es nicht selten etwa 350 Studenten. Ich kann nicht jeden persönlich kennen, vielleicht kenne ich 20 oder 30 Studenten, aber danach wird es schon eng.

ZEIT Campus: Wie schafft man es, Ihnen im Gedächtnis zu bleiben?

Schmitz: Studentische Hilfskräfte haben Vorteile, weil ich mit ihnen täglich zusammenarbeite. Man kann aber auch durch engagiertes Auftreten und gute Leistungen in Vorlesungen auffallen, beispielsweise durch Wortmeldungen, kritische Fragen oder gute Präsentationen. Es geht ja nicht zwingend darum, dass ich mich an den Namen erinnere. Wenn ich jemanden zumindest vom Gesicht wiedererkenne, dann fällt mir das Schreiben eines Gutachtens gleich viel leichter.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Nr. 2/2016

ZEIT Campus: Und was machen Sie, wenn Sie eine Anfrage von jemandem bekommen, der Ihnen völlig unbekannt ist?

Schmitz: Wer ein Gutachten haben will, muss mindestens eine Veranstaltung bei mir besucht und diese mindestens mit einer durchschnittlichen Note bestanden haben. Wenn ich dann ein Gutachten schreibe, versuche ich vorher, mit dem jeweiligen Studenten einen Termin zu machen, um ihn besser kennenzulernen. Wir sprechen dann unter anderem über seinen Werdegang und seine Motivation.

ZEIT Campus: Was müssen Sie noch wissen?

Schmitz: Aus welchem Grund man das Gutachten benötigt, ob es auf Deutsch oder Englisch geschrieben sein soll, ob ich den Schwerpunkt auf die praxisorientierten Projekte des Studenten legen soll oder eher auf die akademischen Leistungen. Und dann muss ich auch einige Fakten wissen, zum Beispiel den konkreten Studiengang und die Semesterzahl. Je detaillierter diese Informationen sind, umso besser. Für Studenten ist das eine Chance.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Schmitz: Wer mir viele Infos über sich liefert und zum Beispiel spannende erfolgreiche Projekte aufzählt, die ich vielleicht nicht auf dem Schirm hatte, der kann den Inhalt des Gutachtens ja auch ein bisschen lenken.

ZEIT Campus: Sollte man also ganz ungeniert die eigenen Stärken vorformulieren?

Schmitz: Ich finde es gut, wenn ein Student seine Stärken konkret benennt, denn irgendeinen Anhaltspunkt brauche ich ja, um im Gutachten zu argumentieren, was ihn und seine Fähigkeiten auszeichnet. Ich brauche dafür aber Belege. Wenn man gute Noten und konkrete Projekte vorweisen kann, ist das wunderbar. Dann kann ich das auch im Gutachten verwenden.

ZEIT Campus: Gibt es für Sie noch andere Möglichkeiten, die Studenten einzuschätzen?

Schmitz: Einige haben zuerst unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter angesprochen und mit ihnen über das Gutachten geredet. Erst im Anschluss haben sich Mitarbeiter und Student gemeinsam an mich gewandt. Das war eine gute Variante. Der Student hat sich so nicht nur selbst loben müssen, sondern hatte in dem Mitarbeiter noch einen Fürsprecher. Und ich habe mich auch besser gefühlt, weil ich der Einschätzung des Mitarbeiters vertrauen kann.

Wenn ich jemanden zumindest vom Gesicht her kenne, fällt mir das Schreiben leichter
Christian Schmitz

ZEIT Campus: Was kann man noch tun, damit es mit dem Gutachten klappt?

Schmitz: Es ist eine Hilfe, wenn ein Student sich um die administrativen Prozesse kümmert. Fast jede Uni verlangt ja eine ganz bestimmte Gutachtenform. Einige wollen lediglich eine kurze Leistungseinschätzung, manche verlangen ein Gutachten in einem versiegelten Umschlag, andere wollen, dass der Gutachter einen standardisierten Fragebogen in einem Onlineportal ausfüllt. Bei zehn Gutachten habe ich also mit zehn verschiedenen Systemen zu kämpfen. Da ist es schön, wenn einem die Studenten korrekte Links und ein paar Sätze schicken, wie das System abläuft. Und bitte nicht vergessen, mir die Deadline mitzuteilen!

ZEIT Campus: Was sollte man vermeiden?

Schmitz: Viele schicken mittlerweile ihre Gutachtenanfrage an fünf Lehrstühle gleichzeitig. Ich kann verstehen, dass man einen Plan B haben möchte, wenn es bei einem nicht klappt, aber es ist schon bitter, wenn ich vormittags mühsam ein Gutachten schreibe und dann in der Mittagspause von einem Kollegen erfahren muss, dass er auch schon eins für denselben Studenten geschrieben hat. Wer sein Gutachten also von einem anderen Professor bekommt, sollte einfach so fair sein und sofort mailen, dass er das von mir angefragte nicht mehr braucht.

ZEIT Campus: Eigentlich wollen Sie doch sicher lieber forschen und lehren. Wie motivieren Sie sich zum Gutachten-Schreiben?

Schmitz: Wenn mir Infos fehlen, nervt es mich manchmal, aber ansonsten schreibe ich eigentlich gerne. Es ist immer schön, zu erfahren, wo die jungen Leute hinwollen und was sie anstreben. Wenn jemand ein Gutachten fürs Ausland braucht, sag ich immer: Mach ich gern, aber wenn es klappt, möchte ich eine Postkarte! Ein paar Karten habe ich tatsächlich bekommen und im Büro aufgehängt. Die schaue ich zur Motivation immer an, wenn wieder eine Gutachtenanfrage eintrudelt.