Wenn alles den Bach runterzugehen scheint, wäre es da nicht besser, nichts zu fühlen? Nein, sagt die Philosophin Sabine Döring. Wir müssen lernen, Schmerz zu akzeptieren.

Generation Y

Nachdem Donald Trump im November zum Präsident gewählt wurde, war Katerstimmung angesagt. Obwohl sich das eigene Leben wohl nicht von heute auf Morgen drastisch verändern würde, fühlten viele sich persönlich getroffen. 

Diese Stimmung dauert an. Wir leiden mit an den Dingen, die in der Welt passieren. Im Deutschen gibt es das Wort Weltschmerz dafür. Doch woher kommt der Schmerz? Und was bringt er? Wir sprechen mit der Philosophin Prof. Dr. Sabine Döring. Sie forscht zu Emotionen und was sie über uns über uns selbst und die Welt verraten. 

ZEIT Campus ONLINE: Frau Professor Döring, viele Menschen haben den Eindruck, dass die bestehende Ordnung aus den Fugen geraten ist. Im Deutschen haben wir das Wort "Weltschmerz" dafür. Warum leiden wir an der Welt?

Sabine Döring: Weil es nicht so läuft, wie wir es gerne hätten. Gefühle sind Sichtweisen und Bewertungen der Welt. Die Bewertung kommt dadurch zustande, dass in Gefühlen bestimmte Bedürfnisse, Interessen, Wünsche, Ziele und so weiter enthalten sind. Wenn ich mich fürchte, manifestiert sich in der Furcht mein Bedürfnis, unversehrt zu bleiben. Beim Weltschmerz sind bestimmte Wunschvorstellungen darüber involviert, wie ich die Welt gerne hätte. Aber leider entwickelt sie sich nicht so, und ich kann nichts daran ändern. Daher rührt dann der Schmerz.

Sabine A. Döring lehrt Praktische Philosophe an der Uni Tübingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Theorie der Gefühle, Ethik und die Theorie der praktischen Rationalität. © privat

ZEIT Campus ONLINE: Wieso empfinden manche diesen Schmerz, andere aber nicht?

Döring: Ob ich die Welt als unzulänglich erlebe oder nicht, hängt davon ab, welche Wünsche, Ziele oder Bedürfnisse ich habe. Ein Handwerker, der glücklich ist, wenn die Ziegel, mit denen er das Dach decken will, pünktlich ankommen, wird weniger Weltschmerz erleiden als jemand, der sich dafür verantwortlich fühlt, wie die Welt sich insgesamt entwickelt. Es hängt also immer davon ab, welche Wunschvorstellungen ich habe.

ZEIT Campus ONLINE: Wer zu hohe Erwartungen an die Welt hat, lebt in einer schlechteren Welt?

Döring: Ja. Angenommen, ich bin Anhängerin einer rot-grünen Politik und ich verfolge die Präsidentenwahl in Österreich. Ich kann das Ergebnis einerseits so werten: Super, Alexander Van der Bellen hat es geschafft. Oder ich kann sagen: Na ja, aber der Hofer hat ja fast die Hälfte der Stimmen auf sich vereinigt. Wenn ich Weltschmerz empfinde, ist sozusagen das Glas halb leer und nicht halb voll.

"Wenn Sie ums nackte Überleben kämpfen müssen, ist da kein Platz für Weltschmerz."
Sabine Döring

ZEIT Campus ONLINE: Der deutsche Begriff ist in vielen Sprachen verbreitet, auch im Englischen. Wieso haben gerade die Deutschen ein Wort dafür?

Döring: Zunächst einmal haben wir den Weltschmerz erfunden. Der deutsche Schriftsteller Jean Paul prägte es im 19. Jahrhundert. Ich vermute aber, dass das, was damals "Weltschmerz" genannt wurde, nicht genau das ist, was wir heute damit meinen. Wenn man sich den Weltschmerz in der Literatur oder der Musik anschaut, dann kommt hier immer auch der Genuss am Leid dazu. Ich glaube aber nicht, dass jemand, der verzweifelt über unseren Umgang mit nichtmenschlichen Tieren oder die Situation in Aleppo ist, sein Leid genießt. Solches Leid kann allerdings genussvolles Leid werden, wenn man sich selbst oder seine soziale Gruppe – mit Pierre Bourdieu gesprochen – gerade dadurch auszeichnen will, dass man angesichts bestimmter Dinge Leid empfindet. Nach dem Motto: "Hey, ich gehöre zu den Guten!"