Arbeitslos, depressiv und hochbegabt – Seite 1

Klingt nach einem Widerspruch. Doch rund ein Zehntel aller Hochbegabten scheitert schon am Alltag. Eine Stiftung will ihnen helfen, ins Arbeitsleben zu finden.

Berufseinstieg

In den vergangenen Monaten hat Frederik* gelernt, Gespräche zu führen, ohne rot zu werden und sich selbst um ein WG-Zimmer zu kümmern. Frederik ist 32 Jahre alt, hat mit 24 das Studium abgebrochen, und galt im Jobcenter seitdem als unvermittelbar. Seit fünf Monaten ist Frederik einer der ersten Stipendiaten der Dr. Farassat Stiftung, einer Stiftung für Hochbegabte.

 

In einem kleinen Dorf bei Würzburg lernen Hochbegabte drei bis fünf Monate lang zu meditieren, zu malen und offen über Probleme zu sprechen. Sie werden aus dem Alltag rausgeholt, um irgendwann wieder hineinzufinden. Ein Trauma-Arzt, ein Therapeut und ein Coach begleiten sie dabei.

 

Als Frederik zum ersten Mal von der Stiftung hörte, war er tief in die Welt der Videospiele versunken. Er hatte monatelang versucht, einen Praktikumsplatz zu finden. Doch niemand wollte ihn. "Große Hoffnungen habe ich auch in die Stiftung nicht gesetzt", sagt Frederik. "Ich dachte eher: Ich kann ja nichts verlieren." Er spricht langsam und denkt lange über Antworten nach, sodass ungewohnte Pausen entstehen. Ein großer Fortschritt. Bis vor ein paar Monaten wäre ein Interview am Telefon unmöglich gewesen.

Woran liegt es, wenn sich Hochbegabte selbst ausbremsen?

Ein Hochbegabter, dem einfache Gespräche schwerfallen? Einer mit einem IQ von über 130, der daran scheitert, einen Praktikumsplatz zu finden? Das passt nicht zu unserem Bild der Superschlauen. Die Hochbegabten, die wir kennen, heißen Albert Einstein und Stephen Hawking, sind Mitschüler, die Klassen überspringen oder Kommilitonen, die Mathe und Philosophie gleichzeitig studieren. Wir kennen Hochbegabung, die einschüchtert. Von eingeschüchterten Hochbegabten hören wir selten. Was macht den Hochbegabten eigentlich zum Hochbegabten, wenn man davon nichts merkt? 

Klar ist: Als hochbegabt gelten all die, deren Intelligenzquotient über einem Wert von 130 liegt. Weniger klar ist, dass sich die überdurchschnittliche intellektuelle Begabung auch in überdurchschnittliche Leistung übersetzt. Nicht jeder Hochbegabte entdeckt die Relativitätstheorie und lange nicht jeder hochbegabte Student ist dazu in der Lage, drei Studiengänge gleichzeitig zu studieren. Einige Hochbegabte stehen sich sogar so sehr im Weg, dass sie die Schule schmeißen, das Studium abbrechen, keinen Job finden. Viele landen trotz Begabung erst in der Arbeitslosigkeit, dann in der Depression.

Reinhard Foegelle, der Gründer der Dr. Farassat Stiftung, nennt sie die Hochbegabten, die ihre PS nicht auf die Straße bringen. Foegelle kennt sie gut. Auch sein Sohn, heute 28 und seit kurzem Medizinstudent, wurde in der vierten Klasse getestet. Das Ergebnis: Hochbegabt, aber unbeschulbar. In der Schule langweilte er sich, wurde von den anderen Schülern gemobbt. Mit elf kamen die Selbstmordgedanken, mit 16 machte er auf einer schottischen Privatschule das Abitur.

Andere, wie Frederik, vergraben ihre Begabung, weil sich keiner kümmert oder weil sie ohnehin keine Rolle spielt: "Ich hatte schon in der Schulzeit so wenig Kontakt zu Menschen, dass ich gar nicht sagen kann, ob ich in irgendetwas besser oder schlechter war," sagt Frederik. Als hochbegabt habe er sich nie verstanden. Obwohl er getestet wurde. 

Woran liegt es, wenn sich Hochbegabte selbst ausbremsen?

In der Wissenschaft nennt man Leute wie Frederik Underachiever: Hochbegabte, die hinter der erwarteten Leistung zurückbleiben. Sie sind Ausreißer in Langzeitstudien wie dem Marburger Hochbegabtenprojekt, das zeigt, dass Begabung und Bildungserfolg statistisch zusammenhängen. Je nach Definition sind aber 10 bis 16 Prozent der Hochbegabten weit davon entfernt, ihr Potenzial voll zu nutzen.

Begabung und Bedürftigkeit ist ein Scheingegensatz

"Potenzial setzt sich nicht immer automatisch auch in Leistung um", sagt Tanja Gabriele Baudson, die an der TU Dortmund zum Thema Hochbegabung forscht. Wie sehr sich die Begabung entfalten kann, hänge immer auch von inneren und äußeren Katalysatoren ab. "Innere Katalysatoren wie Motivation oder Prüfungsangst entscheiden darüber, ob Leute ihr Können in entscheidenden Situationen abrufen können und haben mit der Begabung selbst wenig zu tun", sagt Baudson. Auch hochbegabte Studenten können unter Prüfungsangst leiden. Außerdem sei entscheidend, wie die Umgebung, also Eltern und Schule, die Begabung fördern oder eben nicht. Das nennt Baudson die Umweltkatalysatoren.

"Viele Hochbegabte haben Angst davor, etwas Falsches zu sagen und sagen deshalb lieber nichts."

Nicht immer ist die Antwort so einfach. Foegelles Sohn konnte Mathe-Förderkurse besuchen, ging zum Ju-Jutsu und zum Trompetenunterricht. Ein Überflieger wurde er trotz Begabung und Förderung nicht. "Aus dieser Erfahrung weiß ich, dass auch ein intaktes familiäres Umfeld und fördernde Eltern kein Garant dafür sind, dass aus einem hochbegabten Kind ein Performer wird", sagt Foegelle.

Um besser zu verstehen, was Hochbegabte daran hindert, ihr Potenzial zu entfalten, haben Foegelle und sein Team nach Gemeinsamkeiten der Stipendiaten gesucht: Die meisten empfänden Schmerz intensiver und reagierten heftig auf Zurückweisung, sie seien hochsensibel. "Viele Hochbegabte haben Angst davor, etwas Falsches zu sagen und sagen deshalb lieber nichts", sagt Foegelle. "Bevor sie etwas in Angriff nehmen, müssen sie zu 110 Prozent sicher sein, richtig zu liegen." So wie Frederik, der auf Fragen so abwägend antwortet, dass er am Ende kaum etwas sagt oder sich im Studium oft gar nicht erst darüber informierte, wann eine Prüfung stattfindet oder die Rückmeldung fällig ist. Solange bis die Uni ihm im vierten Semester empfahl, sich zu exmatrikulieren.

Würde Frederik heute besser klarkommen, wenn er in der Schulzeit zusätzlich gefördert worden wäre?

Die Förderung für die Schlausten ist in Deutschland umstritten. Um hochbegabte Kinder im Schulalter besser zu fördern, haben Bund und Länder sich vor Kurzem geeinigt, in den nächsten zehn Jahren rund 125 Millionen Euro zu investieren. So viel Geld wurde noch nie für die Förderung von Hochbegabten ausgegeben. Ein Luxusproblem, schimpfen Kritiker. Zusätzliches Geld solle besser für benachteiligte Schüler ausgegeben werden, erklärte auch der Vorstand der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).

"Das ist ein großes Missverständnis", sagt Begabungsforscherin Baudson. Das eigentliche Problem sei, dass aus Begabung und Bedürftigkeit ein Scheingegensatz gemacht würde. Auch Hochbegabte gebe es in jeder gesellschaftlichen Gruppe und mit allen denkbaren Persönlichkeiten. "Die Stiftung füllt eine sehr wichtige Lücke in der Begabtenförderung, sie widmet sich speziell den Underachievern unter den Erwachsenen", sagt sie. Je später Menschen gefördert werden, desto mehr fehle das Verständnis. In der Universität könnten andere weniger nachvollziehen, warum Hochbegabte keine Leistung erbringen, als noch in der Grundschule.

Frederik hat die Förderung im Erwachsenenalter geholfen: "Nach dem zehnten Mal fiel es mir leichter zu sagen, warum ich mit 32 Jahren noch ein Praktikum machen muss." Die Stiftung hat ihm einen Praktikumsplatz vermittelt und im Oktober will er sich wieder für Maschinenbau einschreiben. Foegelle ist zufrieden: "Wir wissen jetzt, dass es funktioniert." Nun müsse nur noch die Wirtschaft erkennen, welches Potenzial in den Stipendiaten stecke. "Ich hatte gehofft, dass viel mehr Unternehmen Interesse zeigen, mit unseren Stipendiaten zu arbeiten." Da gäbe es aber noch viele Berührungsängste. Deshalb hat die Stiftung einen eigenen Thinktank gegründet, in dem die Hochbegabten an Fragestellungen arbeiten, die sie an Unternehmen weitergeben. Die Annäherung zwischen Wirtschaft und Underachievern läuft zögerlich. Aber sie läuft.

* Name von der Redaktion geändert