Jean-Luc Mélenchon wurde bei den jungen Franzosen die stärkste Kraft. Ihnen bleiben jetzt zwei Kandidaten, die sie ablehnen. Und die Enthaltung. Was werden sie tun?

Unter den jüngsten Franzosen war er der Sieger: 30 Prozent der Wähler unter 35 stimmten für den linken Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, er wurde in dieser Altersgruppe stärkste Kraft. Aber sie wurden überstimmt: Mélenchon schaffte es nicht in die Stichwahl. Im Mai treten stattdessen der parteilose Mitte-Links-Kandidat Emmanuel Macron und die rechtsextreme Marine Le Pen gegeneinander an.

Die Anhänger von Mélenchons France-Insoumise-Bewegung müssen sich nun entscheiden, wen sie wählen wollen oder ob sie ihre Stimme gar nicht abgeben werden. Anders als die anderen Verlierer des ersten Wahlgangs rief Mélenchon seine Wähler nicht dazu auf, für Macron zu stimmen. Drei seiner jungen Anhänger erzählen, wie sie sich bei der Stichwahl entscheiden werden.

Benjamin, 23: "Das Ergebnis ist eine Tragödie"

Am Wahlabend war ich im Hauptquartier der France-Insoumise-Bewegung in Paris. Zuerst hatten wir noch gehofft, dass die ersten Auszählungen nur vorläufig sind und sich noch etwas daran ändern würde. Aber langsam wurde klar, dass es nur Macron und Le Pen in die Stichwahl geschafft hatten. Seitdem geht es mir schrecklich.


Bei der letzten Wahl 2012 habe ich noch für François Hollande gestimmt. Wenn ich heute seinen Slogan höre, "Le changement, c’est maintenant" ("Der Wandel ist jetzt"), dann muss ich lachen. Welcher Wandel? Nichts hat sich verändert. Zumindest nicht zum Guten. Deshalb habe ich diesmal den Kandidaten gewählt, der wirklich etwas verändern will: Mélenchon. Er war ein Kandidat der Hoffnung, sein Programm war radikal anders als alle, die es zur Zeit in Frankreich gibt.

2012 war auch das Jahr, in dem ich zum ersten Mal etwas von Mélenchon hörte. Ich mochte ihn, weil er seine Standpunkte klar erklärte, während alle anderen sich hinter Fachsprache versteckten. Mélenchon ist wie ein Lieblingslehrer: pädagogisch, witzig, emphatisch.

Aber zu dieser Zeit interessierte ich mich noch nicht besonders für Politik, ich wählte, klar, aber ich beteiligte mich nicht aktiv am Wahlkampf. Dieses Jahr änderte sich das, als ich hörte, dass Fillon kandidiert. Die Kandidatur erschreckte mich. Ein Neoliberaler und eine Faschistin in der Stichwahl, das war meine Horrorvorstellung. Also begann ich mich zu informieren, ich las auch Mélenchons Programm.

Darin stand ein Satz, der bei mir besonders hängen blieb: "Ich möchte nicht, dass einer der anderen vier gewählt wird, also muss ich mich einmischen." Das sehe ich genauso, ich wollte weder Macron oder Hamon noch Fillon oder Le Pen. Sie gehören zu einer alten Welt. Deshalb wollte ich Mélenchon helfen die Gesellschaft zu schaffen, die er in seinem Progamm beschrieb und schloss mich der Bewegung an. Ich habe in Berlin eine Gruppe für Mélenchon gegründet und Wahlkampf für ihn gemacht, ganz ohne Unterstützung aus Frankreich. Wir hatten uns im Internet kennengelernt, auf einer Seite für junge Mélenchon-Unterstützer.

"Bei der Stichwahl werde ich meinen Stimmzettel leer abgeben. Ich habe es satt, manipuliert zu werden."
Benjamin

Das Ergebnis der ersten Wahlrunde ist eine Tragödie, nicht nur für unsere Bewegung, sondern vor allem für die Umwelt. Der Kampf gegen den Klimawandel hat für Le Pen und Macron keine Priorität. Für mich aber schon, deshalb habe ich für Mélenchon gestimmt. Ich studiere Geologie und das bedeutet für mich auch, zu wissen, dass ich die Erde schützen muss.

Im Moment wird Frankreich von Atomenergie versorgt, dabei könnten wir mit erneuerbaren Energien viele Arbeitsplätze schaffen. Das hatte ich mir von Mélenchon erhofft, aber weder Le Pen noch Macron sehen das ein. Stattdessen wird es so weitergehen wie bisher. Und wir Jungen werden verlieren: Wir werden mit den Konsequenzen des Klimawandels leben müssen.

Auch am zweiten großen Problem unserer Generation werden die beiden Kandidaten nichts ändern. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Frankreich ist schrecklich: Ich habe fünf Jahre studiert und suche nun schon seit zwei Jahren einen Arbeitsplatz – das ist doch nicht normal. Und ich bin nicht allein: die Arbeitslosenquote junger Franzosen liegt fast bei 25 Prozent. Ich bin nach Berlin gekommen, weil ich eine Stelle suche. 

Vor dem zweiten Wahlgang habe ich also jetzt schon Angst: Marine Le Pen ist eine Faschistin, sie möchte jeden aus Frankreich vertreiben, der nicht blond und weiß ist. Aber Macron ist noch schlimmer.

Denn er repräsentiert die Finanzeliten. Er spielt sich auf, als sei er der Held der Jungen, aber wenn er an die Macht kommt, sitzen doch wieder dieselben Politiker wie vor 20 Jahren auf den Posten. Wir sehen die Ergebnisse der Politik von Leuten wie ihm an den letzten Jahren. Er will die Reichen reicher machen und die Armen ärmer. Die Medien sind mit ihm sehr entspannt umgegangen und sehr hart mit Mélenchon, es war wirklich unfair. Für sie war Macron der kluge und einzig richtige Kandidat.

Deshalb werde ich im nächsten Wahlgang meinen Stimmzettel leer abgeben. Ich habe es satt, manipuliert zu werden und für irgendwen abzustimmen, das bringt doch nichts. La France Insoumise bestand aus vielen jungen Leuten, die sehr optimistisch eine bessere Zukunft erhofft haben. Ich hoffe, sie sind nicht alle so enttäuscht wie ich.

"Lieber ein wirtschaftsliberales Frankreich als ein rechtsradikales"

Lotfi, 23: "Wir dürfen jetzt nicht pubertär reagieren"

Obwohl ich Wirtschaft studiere finde ich, dass die Wirtschaft in dieser Wahl eine zu große Rolle spielt. Es bleibt kein Platz mehr für das, was wirklich zählt, für die großen politischen Gedanken. Ich habe mir für Frankreich einen Präsidenten gewünscht, der sich nicht nur den Umständen anpasst, sondern eine große Vision hat. Deshalb habe ich im ersten Wahlgang Mélenchon gewählt.

Er ist der einzige Kandidat, der den Wählern ein globales Projekt vorgeschlagen hat. Er stimuliert den Geist, auf seinen Veranstaltungen liest er Gedichte. Er ist ein Mann des Buches, im Gegensatz zu Macron, der eher ein Zahlenmensch ist, einer, der sich immer nur den Gegebenheiten anpasst.

Auch 2012 habe ich im ersten Wahlgang für Mélenchon gestimmt, beim zweiten für Hollande. Dieses Jahr war Mélenchons Kampagne allerdings ganz anders als bei der letzten Wahl. Zwar hat ihn die kommunistische Partei weiter unterstützt, aber am Ende seiner Veranstaltungen wurde nicht mehr die Internationale gesungen, sondern die Marseillaise. Er hat sich von den Zwängen der Parteien befreit und seine Bewegung parteiübergreifend ausgerichtet, das hat mir gefallen.

Schon vor dem ersten Wahlgang war ich mir sicher, dass ich für jeden stimmen würde, der gegen Marine Le Pen antritt. Ich vermute, dass die Unterstützer von Bernie Sanders, die sich bei der Präsidentschaftswahl enthalten haben, heute ärgern, weil sie nicht Hillary Clinton unterstützt haben.

Emmanuel Macron stehe ich recht neutral gegenüber. Die Werbung für ihn scheint sich vor allem auf sein Alter zu beziehen. Ich erkenne einige Strategien aus Obamas Wahlkampf wieder: Der freundliche, elegante Präsident, der sich gerne mit Referenzen aus der Popkultur an die Jugend wendet. Das ist mir zu amerikanisch, es passt nicht zu Frankreich.

"Wir müssen uns fragen, was uns wichtiger ist: Der Kampf gegen den Liberalismus, oder der gegen den Rechtsextremismus."
Lotfi

Zwischen ihm und dem konservativen François Fillon sehe ich keine großen Unterschiede. Beide vertreten eine liberale Politik. Wäre Fillon in die Stichwahl gekommen, hätte ich auch für ihn gestimmt. Ich hätte jeden Kandidaten gewählt, um Marine Le Pen zu verhindern. Deshalb stimme ich am 7. Mai für Macron.

Denn wir müssen uns fragen, was uns wichtiger ist: Der Kampf gegen den Liberalismus, oder der gegen den Rechtsextremismus. Ich möchte lieber in einem wirtschaftsliberalen Frankreich leben, wie es zu Zeiten des Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing aussah, als in einer französischen Variante von Victor Orbáns Ungarn. Für Macron zu stimmen bedeutet für mich nicht, dass ich meine Werte verrate. Ich warte noch ab, was in den nächsten fünf Jahren passiert. Für mich steht noch nicht fest, wen ich dann wähle. 

Was mich traurig macht ist, dass die Wähler von Mélenchon pubertär reagieren, wenn es darum geht, strategisch zu denken. Die erste Reaktion eines Teils der Bewegung war am Wahlabend, sich an den Platz der Republik zu begeben und ihre Wahlausweise zu verbrennen. Sie glauben, dass ein paar Stimmen und eine Bewegung ausreichen, um die Legislative zu erobern und irgendwann auch den Premierminister zu stellen, aber nicht, dass dasselbe auch für eine Marine Le Pen möglich ist. Ich bin traurig, dass Mélenchon es nicht geschafft hat. Aber unsere Republik zu schützen ist wichtiger, als zu Hause zu sitzen und sich im Recht zu fühlen.

"Wir dürfen nicht nur traurig sitzen bleiben"

Ariane, 28: "Ich stimme gegen Le Pen, nicht für Macron"

Am Abend der Wahl saß ich mit anderen jungen Mélenchon-Wählern und Leuten von der Linkspartei in Hamburg beisammen, wir haben gemeinsam die Ergebnisse erwartet. Natürlich waren wir sehr enttäuscht. Wir hatten eine tolle und sehr aktive Bewegung mit France Insoumise. Aber wir dürfen nicht einfach nur traurig sitzen bleiben. Bald treffe ich mich wieder mit meiner Gruppe, dann organisieren wir uns für die Stichwahl. Wir bleiben solidarisch und wir wollen alle motivieren, auch beim zweiten Wahlgang ihre Stimme abzugeben. Für Macron.

Mélenchon hat noch keine Richtung vorgegeben. Ich persönlich finde das schlecht, er sollte seine Anhänger auffordern, für Macron zu stimmen. Marine Le Pen ist eine große Gefahr. Ihre Partei Front National war von Anfang an antisemitisch und rassistisch, das geht für mich gar nicht. Für sie ist jeder mit Migrationshintergrund kein Franzose, das betrifft zum Beispiel auch mich. Damit schadet sie unserer Demokratie. Sie ist die Repräsentantin eines Frankreichs der Angst.

Wenn mich jemand fragt, werde ich ihnen deswegen empfehlen, genau wie ich für Macron zu stimmen – obwohl er für nichts steht, das mir wichtig ist.

"Macron ist nur Marketing: Er hat einen guten Slogan und ist jung. Um die jungen Franzosen kümmert er sich aber überhaupt nicht."
Ariane

Die Europäische Union ist mir zum Beispiel wichtig. Ich kenne ihre Vorteile, schließlich lebe ich zur Zeit in Hamburg und nicht in Frankreich. Das wäre ohne die EU nicht so einfach möglich. Aber Probleme haben wir in der EU ebenfalls zahlreiche. Ich erlebe das bei meiner Arbeit im Kulturbereich. In Frankreich haben wir viele Gesetze, die unsere Künstler schützen, es gibt zum Beispiel einen Festpreis pro Buch. Die EU möchte solche Schutzregeln abschaffen. Mélenchon ist der Einzige, der Lösungen für solche Probleme anbietet, die mir gefallen.

Macron ist dagegen nur Marketing: Er hat einen guten Slogan und ist jung. Um die jungen Menschen in Frankreich kümmert er sich aber überhaupt nicht. Für mich ist es zum Beispiel schwierig Arbeit zu finden, obwohl ich jung bin. Macron sagt, das sei meine Schuld. Er ist nicht sozial, sondern extrem liberal. Die Medien stellen ihn als den neuen Wind in Frankreich dar, aber das wäre nur Mélenchon gewesen.

Ich verstehe die vielen Leute, die in der Stichwahl gar nicht abstimmen werden, auch wenn ich es falsch finde. Bei jeder Wahl spielen wir wieder dasselbe Spiel. Für mich ist es trotzdem wichtiger, Le Pen zu verhindern. Deswegen werde ich bei dem zweiten Wahlgang auf jeden Fall Macron wählen, auch wenn ich ihn überhaupt nicht mag. Es ist keine Stimme für Macron, sondern eine gegen Le Pen.